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16.02.08 / 00:15
Heft 04/2008 Zahnmedizin
Interaktive Fortbildung

Die Prävention und Therapie parodontaler Erkrankungen

Ein altbekanntes Problem und aktueller denn je: Parodontale Erkrankungen sind seit vielen Jahren neben der Karies der wichtigste Grund für Zahnverluste und totale Zahnlosigkeit in der Bevölkerung.




Während die mittlerweile allgemein bekannte und etablierte Fluoridprävention für den Bereich der Karies eine klinisch sehr bedeutsame und flächendeckend wirkende Reduktion der Befallszahlen zumindest in jüngeren Altersklassen bewirkte, sind ähnliche Erfolgsmeldungen für den Bereich der Parodontalerkrankungen in Deutschland bislang nicht zu verzeichnen gewesen.

Ganz im Gegenteil, die Zahlen der aktuellen vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie DMS IV belegen ein weiteres Ansteigen der Parodontitisprävalenz in vielen Altersgruppen. Dies hat vielfältige medizinische, ökonomische und gesundheitspolitische Gründe. Im Bewusstsein etlicher Entscheidungsträger im Gesundheitswesen werden parodontale Erkrankungen immer noch als Gesundheitsstörungen angesehen, die letztlich nur durch selbstverschuldete und damit prinzipiell völlig vermeidbare Defizite in der persönlichen Körperhygiene entstehen. Eine intensivere Beschäftigung mit der aktuell verfügbaren Literatur wird jedoch jedem Interessierten sehr schnell bewusst machen, dass ein solch simplifizierendes Konzept zur Ätiologie parodontaler Erkrankungen seit geraumer Zeit nicht mehr haltbar ist. Parodontale Erkrankungen sind vielmehr auf eine vielfältige und teilweise äußert komplexe Weise mit anderen chronischentzündlichen Erkrankungen des Körpers verbunden. Dies bedeutet, dass eine ursachengerichtete Prävention ihrer Entstehung mitnichten allein durch den mangelnden Willen der Betroffenen zur Verbesserung ihrer Zahnpflege verhindert wird, sondern nur durch eine konzertierte Aktion von Patienten, Zahnmedizin und verschiedenen Fachdisziplinen der Allgemeinmedizin zu erreichen ist. Die Voraussetzungen hierfür sind jedoch denkbar schlecht. Dies beginnt bereits damit, dass im aktuellen zahnärztlichen Grundstudium parodontologische Lehrinhalte einen nur geringen Anteil am Gesamtcurriculum einnehmen, der der großen epidemiologischen und wirtschaftlichen Bedeutung parodontaler Gesundheitsprobleme nicht gerecht wird. Darüber hinaus ist in den letzten Jahren entgegen allen durch Forschungsergebnisse klar erkennbaren Notwendigkeiten die Kommunikation zwischen Medizin und Zahnmedizin sichtbar schlechter geworden. So stellen beispielsweise seit der Neuordnung des ärztlichen Studiums im Jahre 2002 die Erkrankungen der Mundhöhle kein Pflichtgebiet des ärztlichen Grundstudiums mehr dar. Im Bereich der Gesundheitsökonomie ergibt sich zudem das Problem, dass parodontale Erkrankungen zu den häufigsten Gesundheitsstörungen in der Bevölkerung überhaupt gehören und ihre flächendeckende Kontrolle nach verfügbarem Stand der Wissenschaft eine arbeitsintensive lebenslange professionelle Betreuung erfordert, die im Rahmen der aktuell vorhandenen Ressourcen der Kostenträger nicht solidarisch finanziert werden könnte.

Gemessen am Bedarf ist daher das momentan im Bereich der GKV zur Verfügung stehenden Budget zur Behandlung parodontaler Erkrankungen viel zu knapp bemessen. Eine signifikante Verbesserung der parodontalen Gesundheit der Bevölkerung erfordert deshalb eine zukünftige Intensivierung der parodontologischen Lehre im zahnärztlichen Grundstudium. Diese muss jedoch zwingend durch innovative Angebote im Bereich der parodontologischen Aus- und Weiterbildung bereits approbierter Zahnärzte ergänzt werden, die (siehe auch unter www.zm-online.de) zur Steigerung der Lerneffektivität auf die speziellen Bedürfnisse der Praxis Rücksicht nehmen sollten. Ebenso muss durch Kooperationsprojekte im Bereich der Universitäten wie auch auf der Ebene Hauszahnarzt-Hausarzt die Sprachlosigkeit zwischen Medizin und Zahnmedizin bezüglich parodontaler Erkrankungen rasch überwunden werden.

Nicht zuletzt erfordert aber eine erfolgreiche Parodontalprävention ein ökonomisches Umdenken. Bei den Patienten den in vielen anderen Gebieten bereits eingeläuteten Abschied vom „all-inclusive“ Gedanken einer solidarisch finanzierten Kassenversorgung hin zur privat bezahlten Prophylaxe und bei den Zahnärzten eine effiziente Umgestaltung der bisher eher restaurativ ausgerichteten Praxisstrukturen hin zur Präventionspraxis mit breiter Delegation prophylaktisch wirksamer Therapie an Assistenzkräfte.

Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf
Pleicherwall 2
97070 Würzburg



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