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16.10.13 / 00:01
Heft 20/2013 Medizin
Forschungsthemen in der Onkologie

Die Resistenzbildung auf moderne Therapeutika durchbrechen

Vor allem beim Mammakarzinom, beim kolorektalen Karzinom und den Lymphomen gibt es seit Jahren zunehmende Heilungsraten und längere Überlebenszeiten. Nun macht die Onkologie Fortschritte auch bei seltenen Krebserkrankungen, wie beim weltgrößten Krebskongress der American Society for Clinical Oncology (ASCO) 2013 in Chicago deutlich wurde.




Welche Mechanismen Krebserkrankungen zugrunde liegen und das Tumorwachstum vorantreiben, wird von den Krebsmedizinern immer besser verstanden. Das macht Fortschritte bei der Krebstherapie möglich, da sich nunmehr gezielt Wirkstoffe entwickeln und anwenden lassen, die zielgerichtet in die fehlregulierten Prozesse in den Zellen eingreifen. Auch wenn dies nicht unbedingt zur Heilung der Patienten führt, lassen sich so doch erheblich längere Überlebenszeiten erwirken.

Nachdem die Strategie der zielgerichteten Krebstherapie zunächst bei den häufigen Krebserkrankungen Fuß gefasst hat, mehren sich nun entsprechende Therapieversuche bei seltenen Tumoren. So gibt es erste Erfolge beispielsweise bei dem Schilddrüsenkrebs oder dem malignen Melanom. „Wir stehen damit vor einer neuen Ära der Krebsmedizin“, erklärte Professor Dr. Gregory Masters, Newark, beim ASCO, dem Jahreskongress der Amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie.

Doch selbstverständlich wird auch bei den weitverbreiteten Tumoren weiter nach verbesserten Therapieregimen gesucht. Beim Mammakarzinom setzen die Krebsmediziner hierbei unter anderem auf die neoadjuvante systemische Therapie (NAST), ein Konzept, bei dem vor der operativen Entfernung des Tumors eine Chemotherapie erfolgt. Damit verbindet sich die Hoffnung, einen zuvor inoperablen Tumor so schrumpfen zu lassen, dass eine operative Entfernung möglich wird und damit gegebenenfalls sogar ein kurativer Ansatz zu realisieren ist, berichtete Professor Dr. Hans Tesch, Frankfurt, beim Symposium „Best of ASCO® Germany“ der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) in Köln.

Die neoadjuvante Therapie kann nach seinen Worten außerdem dazu beitragen, dass bei Frauen mit großen Tumoren, die ansonsten einer Mastektomie bedürfen, möglicherweise doch brusterhaltend operiert werden kann. Auch davon unabhängig kann bei der Operation kleinerer Tumore oft ein kosmetisch besseres Ergebnis erzielt werden. Es lassen sich mit dem Konzept zudem Patienten identifizieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gut auf die jeweilige Chemotherapie ansprechen.

Strategien gegen Resistenzen entwickeln

Getrübt werden Meldungen zu solchen Fortschritten jedoch durch Berichte, wonach Tumorzellen offenbar bis dato ungeahnte Anpassungsmöglichkeiten besitzen. Werden die wachstumstreibenden Signalwege therapeutisch durchkreuzt, so scheinen die Zellen ihr Wachstum über andere Mechanismen gewährleisten zu können – es kommt zum Auftreten von Resistenzen gegen Therapeutika, denen es zunächst gelungen ist, die Tumorzellen in Schach zu halten. Wie sich solchen Resistenzen begegnen lässt, war ein zentrales Thema in vielen Sitzungen des ASCO. Die Frage der Resistenzbekämpfung gehört derzeit zu den zentralen Themen der Krebsforschung.

Bei den häufigen Tumoren wie dem Brust- und dem Darmkrebs kennen die Forscher mittlerweile 60 bis 70 genetische Veränderungen, die den Tumorzellen offenstehen und über die sie sich dem therapeutischen Angriff entziehen können. Neben der Identifizierung sogenannter Treiber-Signalwege, die allgemein das Tumorwachstum antreiben, geht es deshalb zunehmend auch darum, bereits frühzeitig therapeutische Alternativen für den Fall der Resistenzbildung zu erarbeiten.

Toxizität der Therapie besser vorhersagen

Problematisch ist nach wie vor die nicht unerhebliche Toxizität der Chemotherapie. Sie hat zur Folge, dass vor allem ältere und alte Menschen mit Tumorerkrankung oft nicht die übliche Standardtherapie erhalten aus Sorge, diese könne ihnen aufgrund der Toxizität nicht zugemutet werden. „Oft werden diese Patienten nicht entsprechend der Leitlinien behandelt, weil die Chemotherapie für zu toxisch erachtet wird“, erklärte Privatdozent Dr. Jens Ulrich Rüffer, Köln, beim Symposium der DKG.

Das aber ist nicht unproblematisch, denn, so Rüffer: „Jeder vierte Krebspatient ist älter als 75 Jahre“. Dennoch findet auch in den klinischen Studien das zunehmende Alter der Patienten nach seinen Worten keinen Niederschlag. „Das Alter der Studienteilnehmer wird in aller Regel auf 70 oder maximal 75 Jahre begrenzt. Tatsächlich sind viele Tumorpatienten aber deutlich älter“, meinte Rüffer.

Prädiktive Faktoren zu identifizieren, anhand derer sich bei älteren Patienten im individuellen Fall die Toxizität einer Chemotherapie vorhersagen lässt, war nach seinen Ausführungen daher das Ziel der in Chicago vorgestellten Gercor Old-Studie. Eingeschlossen in die Untersuchung wurden 516 geriatrische Chemotherapie-naive Patienten (75 Jahre und mehr) mit solidem Tumor, wobei alle Stadien vertreten waren. Das mediane Alter der Studienteilnehmer betrug immerhin 80 Jahre, die Gesundheitssituation der Patienten wurde mittels eines umfassenden geriatrischen Assessments ermittelt, wobei auch Faktoren wie die Kognition, die Mobilität, die Kreatinin-Clearance und eventuelle Komorbiditäten sowie das psychische Befinden und das soziale Umfeld berücksichtigt wurden. Es waren alle Regime der Chemotherapie erlaubt, 58 Prozent der Patienten erhielten eine Chemotherapie bestehend aus zwei Wirkstoffen, bei 38 Prozent wurde nur ein Zytostatikum verordnet und in zwei Drittel der Fälle konnte die Standarddosis gegeben werden.

Dosisreduktion in 40 Prozent der Fälle

Drei Monate nach Studienbeginn wurden die Befunde analysiert und es wurde Patienten als „Chemotherapie-tauglich“ klassifiziert, wenn die geplante Behandlung bei ihnen länger als drei Monate durchgeführt worden war, ohne dass eine Dosisreduktion um mehr als 30 Prozent notwendig wurde.

Das Ergebnis war laut Rüffer ernüchternd: Obwohl nur bei Patienten mit adäquatem gesundheitlichem Zustand eine Chemotherapie eingeleitet worden war, erwiesen sich im Nachhinein weniger als 60 Prozent der Studienteilnehmer als „Chemotherapie-fähig“. Denn bei mehr als 40 Prozent musste die Dosierung der Medikation um mindestens 30 Prozent reduziert oder die Behandlung vorzeitig abgebrochen werden. Eine Assoziation zeigte sich dabei lediglich zum Serumalbumin und zu einer erhöhten Depressivität der Patienten.

Massiv steigende Krebsraten

Dass generell weitere Fortschritte in der Krebstherapie dringend vonnöten sind, demonstrieren die beim ASCO bekannt gegebenen Zahlen zur Epidemiologie bösartiger Tumore. Demnach steigt die Häufigkeit von Tumorerkrankungen weiter dramatisch an. Den Berichten in Chicago zufolge sterben derzeit weltweit jedes Jahr rund 7,6 Millionen Menschen an einer Krebserkrankung. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Zahl bis zum Jahr 2030 auf mehr als zwölf Millionen ansteigen wird.

Christine Vetter
Merkenicher Straße 224
50735 Köln



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