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16.01.17 / 00:02
Heft 02/2017 Politik
Britische Zahnärzte schreiben offenen Brief an The Telegraph

„Die Zahnmedizin ist das Aschenputtel des NHS!“

In einem offenen Brief an die Zeitung „The Telegraph“ prangern britische Koryphäen der Zahnheilkunde die Regierung an: Die NHS-Zahnmedizin habe „katastrophal versagt!“. Tausende Zahnärzte unterzeichneten das Schreiben.



Knapp 62.500 Menschen kommen in Großbritannien jedes Jahr wegen Karies ins Krankenhaus. Drei Viertel von ihnen – 46.400 – sind Kinder. © milanmarkovic78 - Fotolia.com

Die NHS-Zahnmedizin verschlechtere sich jedes Jahr, kritisieren sie in dem Schreiben vom 3. Januar und fordern, das Fach aus den „inkompetenten Händen der Politiker“ zu befreien. „Diese Inkompetenz spiegelt sich in den zunehmenden Krankenhausaufenthalten von Kindern mit verfaulten Zähnen wider, dem Ausbau zahnärztlicher Hilfsorganisationen, die eine Notfallversorgung in England bereitstellen, sowie in dem Scheitern des zahnärztlichen NHS-Notfalldienstes, der Fettleibigkeit und der Zuckersteuerpolitik. Zentral im derzeitigen NHS-zahnärztlichen System ist seine Limitierung. Für die Hälfte der Bevölkerung kann es selbst grundlegende Dienstleistungen nicht bereitstellen.“

Es sei an der Zeit aufzuhören, Entschuldigungen zu akzeptieren. Stattdessen müsse eine Prävention installiert werden, die ihren Namen auch verdient. Rund 40.000 Zahnärzte arbeiten in Großbritannien für den NHS. Der Brief wurde von Tausenden unterzeichnet. Der Telegraph erhielt bislang nach eigenen Angaben über 400 Kommentare auf das Schreiben. Darin beschweren sich Fachleute aus dem ganzen Land über „das untaugliche System“: Millionen von Menschen müssten für lange Zeit ohne Zahnarzt auskommen und verfügten nicht einmal über grundlegende Kenntnisse der Zahnhygiene. Die Unterzeichner beschuldigen die aufeinander folgenden Regierungen, das Problem hinter einem Schleier von Verdrehungen und Verleugnungen zu verstecken.

Sie verweisen auf offizielle Zahlen, die aus ihrer Sicht belegen, dass eine große Zahl von Grundschülern im Krankenhaus aufgenommen werden muss, um aufgrund schwerer Zahnerkrankungen und anderer Zahnprobleme behandelt zu werden. „Wenn mehr als 90 Prozent aller zahnärztlichen Krankheiten verhindert werden können, ist es eine Schande, dass in England für Kinder unter zehn Jahren faule Zähne der erste medizinische Grund für eine Krankenhausbehandlung sind.“

Knapp 62.500 Menschen kommen demnach in Großbritannien jedes Jahr ins Krankenhaus wegen Karies. Drei Viertel von ihnen – oder 46.400 – sind Kinder. Dr. Tony Kilcoyne, Spezialist für Prothetik in Haworth, West Yorks, und einer der Hauptunterzeichner des Briefes, fügt hinzu: „Es gibt ein großes Problem hier. Anzeichen dafür sind, dass Kinder und gefährdete Erwachsene durch die Lücken fallen. Die NHS-Zahnmedizin ist das Aschenputtel des NHS!“

Die Zahnärzte verweisen zugleich auf die Einführung eines neuen Notfallbehandlungsdienstes für arme und schutzbedürftige Menschen in Dewsbury, West Yorkshire, bereitgestellt von Dentaid, einer Hilfsorganisation die sich eigentlich auf zahnärztliche Hilfe in Entwicklungsländern spezialisiert hat. „Weit davon entfernt, sich zu verbessern, hat sich die Situation so stark verschlechtert, dass Wohltätigkeitsgruppen, die normalerweise die zahnärztlichen Versorgung in Dritte-Welt-Ländern gewährleisten, dies nun in Großbritannien tun müssen.“

Die British Dental Association (BDA) teilt diese Anliegen: „Wir haben unbeirrt Veränderungen mit dem Schwerpunkt auf Prävention gefordert“, sagte der BDA-Vorsitzende Mick Armstrong. „Der konsequente Misserfolg der Regierung sollte indes nicht die Arbeit der NHS-Zahnärzte schmälern, die qualitativ eine hochwertige Betreuung für ihre Patienten unter sehr schwierigen Umständen liefern. Das eigentliche Problem ist hier die Gleichgültigkeit der Politiker. Wir müssen zusehen, dass sich Politiker mehr in Sachen Mundgesundheit und NHS-Zahnmedizin engagieren.“

Die große Lüge

Kilcoyne hatte bereits 2016 mit seiner Kampagne „Die große Lüge“ die Aufmerksamkeit auf die Begrenzungen der NHS-Zahnheilkunde gelenkt. Er prognostiziert, dass der Druck weiter ansteigen wird, es sei denn, die Zahnärzte können mehr Zeit auf Prävention und Aufklärung verwenden – schon mit einfachen Schritten würde es gelingen, das Risiko von Zahnproblemen zu reduzieren. Aber: „Es gibt eine massive zahnärztliche Ignoranz im ganzen Land“, sagte er. Manche Zahnärzte seien so gestresst, die Vorgaben zu erfüllen, dass ihnen während der Termine oft nur Sekunden verbleiben, um den Patienten eine zahnärztliche Gesundheitsbotschaft mit auf den Weg zu geben. Die Zahnärzte argumentieren, dass sie zunehmend ausgeblutet werden und mehr und mehr kämpfen müssen, um die Zahl der behandelten Patienten unter den engen Zwängen der Budgets zu erhöhen. Der NHS bestreitet dagegen, dass es überhaupt eine Krise gibt, und verweist auf eine Umfrage, wonach mehr als neun von zehn Menschen, die einen Zahnarzt in den vergangenen zwei Jahren sehen wollten, auch einen Termin bekamen. Ein NHS-Sprecher: „Diese Behauptungen sind falsch – immer mehr Patienten bekommen die zahnärztliche Versorgung, die sie brauchen. 93 Prozent der Menschen erhielten in den vergangenen 24 Monaten beim NHS sogar ihren Wunsch-Zahnarzttermin .“



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