zm-online
01.01.05 / 00:13
Heft 01/2005 Zahnmedizin
Differentialdiagnose einer Fistelbildung im Kieferbereich

Die "chronisch granulierende Entzündung" nach Partsch

Differentialdiagnose einer Fistelbildung im Kieferbereich




Kasuistik

Ein 31-jähriger Patient, stellte sich mit dem in Abbildung 1 dargestellten Befund in unserer Ambulanz vor. Aufgrund eines nicht heilenden und ständig rezidivierenden "Atheroms" am Kinn ist er im Laufe der letzten Monate mehrfach durch verschiedene Fachärzte operiert worden. Im Bereich der Kinnnarbe zeigte sich bei der Untersuchung erneut eine entzündliche Hautveränderung, die einer Perifollikulitis entsprechen konnte. Bei der enoralen Inspektion fiel eine Verfärbung des Zahnes 41 auf, der sich in der anschließenden Vitalitätsprobe als avital erwies (Abb. 2). Durch den Engstand der Unterkieferfrontzähne und die sekundären Beläge war die dunkle Verfärbung des avitalen Zahnes nur bedingt zu erkennen. Bei der intraoralen vestibulären Palpation war ein derber Strang tastbar, der sich aus dem Bereich der extraoralen Narbe bis auf Höhe der Wurzelspitze des Zahnes 41 zog. Auf dem angefertigten Orthopantomogramm war die Unterkieferfrontzahnregion jedoch wegen der Wirbelsäulenüberlagerung nur schlecht beurteilbar, so dass erst die in Abbildung 3 dargestellte Unterkiefer-Panoramaaufnahme eine apikale Aufhellung an dem verdächtigen Zahn zeigte. Nach endodontischer Behandlung des bis dahin symptomlosen Zahnes 41, wurde ein Revisionseingriff in Vollnarkose geplant.

In der Operation wurde nach anterograder Wurzelfüllung zunächst eine Wurzelspitzenresektion des Zahnes 41 durchgeführt. Anschließend wurde der Fistelgang sondiert (Abb. 4) und in toto exzidiert. Abschließend wurde eine Narbenkorrektur am Kinn vorgenommen.

Die feingewebliche Untersuchung des eingesandten Gewebes ergab die histologische Diagnose einer radikulären Zyste und einer chronisch granulierenden Entzündung mit geringgradigen floriden Entzündungszeichen im Bereich des Fistelgangs.

Diskussion

Chronisch granulierende Entzündungen dentogener Ursachen führen, trotz der Fortschritte der endodontischen Therapie, auch heute noch häufig zu submukösen Infiltraten und Abszessen. Bei einem Vordringen der dentogenen Entzündung durch den Kieferknochen und die Gesichtsweichgewebe kann es zu typischen extraoralen Manifestationen im Bereich der äußeren Haut mit Fistelbildung kommen [Reichart et al., 1999]. Diese Fisteln finden sich häufig im Bereich des Unterkieferrandes und haben ihren Ursprung meist in fortgeleiteten chronisch periapikalen

Eine apikale Parodontitis kann über eine Fistelbildung zu entzündlichen Hautprozessen führen. Die definitive Abheilung des extraoralen Befundes kann erst nach Therapie des verantwortlichen Zahnes erreicht werden. Bei schlecht heilenden, entzündlichen Prozessen im Bereich der Gesichts- beziehungsweise Halshaut sollte eine mögliche dentogene Ursache ausgeschlossen werden.

Fazit für die Praxis

• Eine apikale Parodontitis kann übereine Fistelbildung zu entzündlichenHautprozessen führen.

• Die definitive Abheilung des extraora-len Befundes kann erst nach Therapie desverantwortlichen Zahnes erreicht werden.

• Bei schlecht heilenden, entzündlichenProzessen im Bereich der Gesichts- beziehungsweise Halshaut sollte eine mögli-che dentogene Ursache ausgeschlossenwerden.

Entzündungen avitaler Molaren des Unterkiefers [Sack et al., 1992]. Als chronisch granulierende Periodontitis nach Partsch [Partsch et al., 1924] ist diese Form der extraoralen Fisteleiterung "die" klassische odontogene Entzündung, die sich unter Ausbildung dermatologischer Symptome äußern kann. Aufgrund der kutanen Manifestation werden die betroffenen Patienten oft mehrfach lokal operiert und therapiert, ohne die dentogene Ursache zu erkennen und eine Abheilung des Prozesses zu erreichen. Wie im beschriebenen Fall können chronisch fortschreitende apikale Granulome beziehungsweise radikuläre Zysten auch mit dermatologischen Symptomen einhergehen [Buch et al., 2003]. Da die definitive Abheilung der beschriebenen extraoralen Befunde jedoch erst nach Feststellung und Beseitigung der dentogenen Ursache erreicht werden kann, ist die Kenntnis einer möglichen dentogenen Differentialdiagnose dermatologischer Symptome (Tabelle 1) Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Die Therapie der Wahl stellt die Ursachenbeseitigung (wie Extraktion des Zahnes und gegebenenfalls Ausräumung eines osteolytischen Bezirkes) sowie die Revision der Fistel dar [Sack et al., 1992]. Das bedeutet, dass die innere und äußere Fistelöffnung exzidiert und anschließend der gesamte Fistelgang entfernt wird. Gegebenenfalls muss zusätzlich von intraoral der osteolytische Bezirk kürettiert werden. Bei schlecht heilenden, entzündlichen Prozessen im Bereich der Gesichts- oder Halshaut muss neben vielen anderen Erkrankungen differentialdiagnostisch auch an eine mögliche dentogene Ursache gedacht werden.

Dr. Dr. Rainer S.R. Buch
Prof. Dr. Dr. Torsten
E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Franz-Josef-Strauss-Alle 11
93053 Regensburg

 



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