SP
01.03.15 / 00:01
Heft 05/2015 Medizin
Senioren in der Zahnarztpraxis

Die überaktive Blase

Nicht nur ältere Patientinnen besuchen bei einem Zahnarztbesuch mehrmals die Praxistoilette. Oftmals liegt es gar nicht daran, dass die morgendliche Tasse Kaffee treibt, sondern daran, dass dieser häufige Harndrang andere Ursachen hat. Für eine langwierige Zahnbehandlung jedenfalls ist ein „öfters mal Müssen“ für Behandler und Patient störend und unangenehm.




Eine 53-jährige Frau klagt, sie traue sich kaum mehr für längere Zeit aus dem Haus, geschweige denn ins Theater, zu längeren Arztbehandlungen oder nur zum Bäcker um die Ecke. Manchmal sei der Harndrang so stark, dass sogar Urin abgehe, wenn keine Toilette in der Nähe ist. Mittlerweile benutze sie fünf bis sechs Vorlagen pro Tag – Tendenz steigend …

Definition

Die Überaktive Blase (Overactive Bladder = OAB) ist nach Ausschluss anderweitiger Erkrankungen ein Symptomen-Komplex, der sich mit häufigem Harndrang (Pollakisurie), nächtlichem Harndrang (Nykturie), plötzlich eintretender Drangsymptomatik („Urgency“) mit oder ohne Harninkontinenz („trockene“/„nasse“ OAB) präsentiert. Die Prävalenz der OAB liegt bei etwa zwölf Prozent, wobei etwa ein Drittel zusätzlich an einer Dranginkontinenz leidet. Die Mehrzahl der OAB-Patienten sind Frauen. Für viele Betroffene resultiert daraus eine Einschränkung des sozialen Lebens, nicht selten sind Depressionen und sozialer Rückzug Folgeerscheinungen. Ein adäquater Diagnostik- und Therapie-Algorithmus ist unerlässlich.

Anamnesefragen, die der Behandler stellen wird

• Alter?

• Miktionsfrequenz? Nykturie?

• Liegt eine Harninkontinenz vor? Auch unter Belastung? (Niesen, Husten, Lachen)

• Anzahl Vorlagen pro Tag?

• Dysurie? Hämaturie? Fremdkörpergefühl?

• Trinkmenge?

• Liegen Begleiterkrankungen vor, vor allem cardiovaskulärer oder neurologischer Art?

• Gibt es Voroperationen, vor allem das kleine Becken betreffend?

• Welche Medikamente nehmen Sie?

• Welche Therapie erfolgte bisher?

Das wird der Facharzt unternehmen

• Inkontinenzbogen

• Miktionstagebuch

• Uroflowmetrie/Urodynamik

Therapie

Ist ein Harnwegsinfekt oder eine andere Pathologie als Ursache der Beschwerden ausgeschlossen worden, kann der Hausarzt folgende primären Maßnahmen einleiten: Verhaltenstraining bestehend aus Miktionstraining und Beckenbodengymnastik mit Biofeedback sowie eine medikamentöse Therapie. Hier spielen die Anticholinergika eine entscheidende Rolle. Therapieziele sind die Reduktion der Miktionsfrequenz, der Inkontinenzepisoden und des Vorlagen-Verbrauchs sowie eine Steigerung der Lebensqualität.

Anticholinergika bei OAB:

• Darifenacin (Emselex®)

• Fesoterodin ((Toviaz®)

• Oxybutinin (Dridase®, Kentera®, Oxybutinin®)

• Propiverin (Mictonetten®, Mictonorm®)

• Solifenacin (Vesikur®)

• Tolterodin (Detrusitol®)

• Trospium-Chlorid (Spasmex®, Spasmo-Urgenin®)

Eine große Patientenzahl sucht jedoch aufgrund des fehlenden therapeutischen Ansprechens und der Nebenwirkungen (Mundtrockenheit mit 29,6 Prozent die häufigste Nebenwirkung, speziell bei Gabe von Oxybutinin) nach Therapiealternativen. Hier kommen nun minimalinvasive Ver- fahren zum Tragen. Diese sollten nach Vorstellung in spezialisierten urologisch-urogynäkologischen Zentren eingeleitet werden.

1. zystoskopische Blaseninjektions-Therapie mit Botulinumtoxin A

2. sakrale Neuromodulation

Erst bei Versagen auch dieser Therapie- Optionen kommen extrem selten offen- chirurgische Verfahren als ultima ratio in Betracht (Blasenaugmentation, Zystektomie).

Fazit

• Nach Ausschluss eines Harnwegsinfekts und bei restharnfreier Blasenentleerung sind Anticholinergika der Goldstandard in der OAB-Therapie (First-Line-Therapie).

• Titrierung der Medikamente, Retard-Präparate, gegebenenfalls Präparatwechsel

• Beim alten Patienten sind M3-selektive Anticholinergika und Trospiumchlorid vorteilhaft.

• Ein Therapieversagen erfordert die Überweisung zum Facharzt zur Einleitung primär minimalinvasiver Verfahren.

• Für längere Zahnbehandlungen bedeutet dies: die Behandlung in regelmäßigen Abständen unterbrechen, um dem betroffenen Patienten die Möglichkeit zu geben, die Toilette aufzusuchen. Möglicherweise diese Frage bereits in den Anamnesebogen bei Senioren integrieren. Bei Seniorinnen wirkt ein vertrauensvolles Gespräch mit der Mit-arbeiterin „von Frau zu Frau“ oft Wunder.

Dr. med. Johannes Golsong
Klinik für Urologie (CA Prof. H.H. Knispel)
St. Hedwig-Krankenhaus
Große Hamburger Str. 5-11
10115 Berlin
j.golsong@alexius.de



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