spk
01.10.11 / 00:09
Heft 19/2011 Medizin
Malignes Melanoms

Durchbruch bei der Therapie

Rund 85 Prozent der malignen Melanome können geheilt werden. Voraussetzung ist, dass der Tumor im Frühstadium entdeckt und behandelt wird. Dagegen ist die Prognose schlecht, wenn der Tumor erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird. Nun aber gibt es offenbar erste Therapieerfolge auch beim metastasierten malignen Melanom. Das belegen Studien, die beim amerikanischen Krebskongress in Chicago vorgestellt wurden.




Nach langen Jahren ohne Fortschritte werden aktuell gleich zwei neue Behandlungsoptionen verfügbar, die nach Expertenangaben mit Fug und Recht als Durchbruch bei der Melanomtherapie gefeiert werden dürfen: Es handelt sich zum einen um den Antikörper Ipilimumab – einen Wirkstoff, der das Immunsystem aktiviert und quasi „scharf macht“ im Kampf gegen den Tumor. Bereits im vergangenen Jahr wurden beim Krebskongress in Chicago erste Studiendaten vorgestellt, die Überlebensvorteile unter Ipilimumab belegen. „Der Wirkstoff eröffnet einer Reihe von Patienten die Chance auf ein Langzeitüberleben“, betonte Prof. Dr. Axel Hauschild, Kiel, bei einer Pressekonferenz in Köln.

In diesem Jahr machte in Chicago eine zweite Substanz – das Vemurafenib – Furore. Der Wirkstoff blockiert den – bei vielen Melanompatienten infolge einer Mutation im BRAF-Gen aktivierten – Ras/RAF/MEKSignalweg. Damit ist Vemurafenib ein BRAFInhibitor und zugleich ein Wirkstoff aus dem Bereich der zielgerichteten Therapie, mit dem die moderne Krebstherapie gezielt gegen molekulare Veränderungen in Tumorzellen vorgeht.

Signifikante Überlebensvorteile

Geprüft wurde Vemurafenib in der „BRIM3-Studie“ im Vergleich zu der herkömmlichen Chemotherapie mit Dacarbazin. Laut Hauschild zeigte sich eine mit 50 bis 80 Prozent hohe Ansprechrate und ein signifikant besseres progressionsfreies Überleben unter dem BRAF-Inhibitor von median 1,6 auf 5,3 Monate. Beeindruckender noch ist nach Angaben des Mediziners, dass durch die Substanz das Gesamtüberleben der Patienten – statistisch eindeutig – verlängert werden kann: So lebten nach sechs Monaten in der Dacarbazin-Gruppe noch 64 Prozent der Patienten, unter Vemurafenib jedoch noch 84 Prozent. „Das entspricht einer signifikanten Reduktion der Mortalität um 63 Prozent durch den BRAF-Inhibitor bei gleichzeitiger Verlängerung des progressionsfreien Überlebens um 74 Prozent verglichen mit der Chemotherapie“, berichtete Hauschild in Köln.

Von besonderer Relevanz ist nach seinen Worten die Beobachtung, dass bei fast allen Patienten innerhalb von nur einer Woche eine deutliche Schrumpfung des Melanoms erzielt wurde: „Die Tumore sprechen ungewöhnlich rasch auf den BRAF-Hemmer an“, so Hauschild. Das ist für die Patienten ein enormer Vorteil, da sich die tumorassoziierten Symptome meist schon innerhalb einer Woche komplett zurückbilden. Hauschild: „Das wurde in allen untersuchten Subgruppen des Studienkollektivs so gesehen.“ Ein besonders ausgeprägter Tumorrückgang war bei Patienten mit vergleichsweise hoher Tumorlast zu erwirken.

Anders als Vemurafenib wirkt Ipilimumab, ein Antikörper, der gegen ein Oberflächenmolekül auf Lymphozyten gerichtet ist. Während Vemurafenib als Monotherapie eingesetzt werden kann, wurde Ipilimumab bislang nur in Kombination mit Dacarbazin geprüft. Die Ansprechraten sind um etwa 15 Prozent geringer als beim Vemurafenib, allerdings zeigen Patienten, die auf die Therapie ansprechen, oft ein Langzeitüberleben. So leben laut Hauschild unter Ipilimumab plus Dacarbazin nach drei Jahren noch 20,8 Prozent der Patienten gegenüber 12,2 Prozent, wenn sie nur mit Dacarbazin therapiert werden.

Gut beherrschbare Nebenwirkungen

Nicht nur die gute Wirksamkeit, sondern auch das günstige Sicherheitsprofil spricht für die beiden neuen Wirkstoffe. Deren Nebenwirkungen sind gut beherrschbar, wenn die Patienten engmaschig überwacht werden, so dass gravierende Ereignisse – wie etwa eine schwere Immunreaktion unter Ipilimumab sowie die Ausbildung eines Plattenepithelkarzinoms der Haut unter Vemurafenib – rasch erkannt und behandelt werden können.

„Bei den weiteren Forschungen wird es nun darum gehen zu eruieren, wann welcher Patient mit dem einen oder mit dem anderen der beiden neuen Wirkstoffe zu behandeln ist“, erläuterte der Kieler Krebsforscher. Nach seinen Worten zeichnet sich ab, dass Patienten mit Mutation im BRAF-Gen und ho-her Tumorlast sowie ausgeprägten, durch den Tumor bedingten Symptomen zunächst mit Vemurafenib behandelt werden sollten. Stabilisiert sich der Tumor unter der Therapie, so kann auf Ipilimumab gewechselt werden, um den Patienten die Chance auf ein Langzeitüberleben zu eröffnen. Bei einem Tumorprogress sollte dann aber wieder mit Vemurafenib therapiert werden. Bei Patienten mit leichten Symptomen und eher geringer Tumorlast kann hingegen die Behandlung gleich mit Ipilimumab begonnen und beim Tumorprogress auf Vemurafenib umgestellt werden.

Noch deutlich verbesserte Behandlungsoptionen erhofft sich Hauschild von einer Kombination der unterschiedlichen Wirkprinzipien, wobei er in Köln zugleich darauf hinwies, dass noch weitere hoffnungsvolle Wirkstoff-Kandidaten in den pharmazeutischen Pipelines entwickelt werden. Sie können, so hoffen die Forscher, künftig für weitere relevante Therapiefortschritte bei der Behandlung des metastasierten malignen Melanoms sorgen.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln



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