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01.02.14 / 00:01
Heft 03/2014 Editorial

Editorial



Medizin und Lebensqualität waren schon immer ein ganz besonderes Paar: Gut gehen kann es beiden nur dann, wenn sie aufeinander achten. Foto: james633 – Fotolia.com

Liebe Leserinnen und Leser,

„never try to define quality of life,“ soll der Philosoph Karl Popper in den vergangenen 80er-Jahren gegenüber einem seiner Mitstreiter geäußert haben. Durchsetzen konnte er sich damit nicht. In weiten Kreisen der Wissenschaft gilt Poppers Vorbehalt heute als obsolet. Diesbezügliche Zweifel spielen mehr und mehr nur noch als Fall für wissenschaftliche Dispute eine Nebenrolle.

Aber nicht nur die Definition, selbst die Messbarkeit von Lebensqualität scheint inzwischen – folgt man vorherrschender wissenschaftlicher Meinung – kein ungelöstes Problem mehr. Die Zahl der Erhebungsmodelle erstaunt. Die Daten sind da und werden genutzt.

Erkenntnistheoretisch spannend ist hier sicherlich die Forschung am „Was und wie“, entscheidender und vor allem wohl auch folgenschwerer aber das „Wofür“. Das zu ergründen und in allen Konsequenzen zu durchdenken, ist aber nicht nur Aufgabe der Wissenschaft, nicht allein die der praktizierenden Heilberufe, sondern etwas, was im gesellschaftlichen Konsens zu tragen ist.

Qualitätsoptimierung ist ein Weg, die jeweils zu setzenden Ziele müssen gemeinsam definiert – und vor allem auch hinterher in allen Konsequenzen getragen werden.

Sich mögliche Einsatzbereiche vorzustellen, in denen Erkenntnisse zur Lebensqualität in der (Zahn-)Medizin lohnen, fällt nicht schwer.

Das beginnt mit dem naheliegenden Wunsch des Patienten, dass Provisorien passen und vor allem halten, dass anästhetisch verursachte Insensibilität schon beim Verlassen der Praxis einem neuen Lebens-Gefühl Platz macht, dass Funktion, Ästhetik und Gesundheit Hand in Hand gehen. Nichts Neues, sondern Ansinnen jeder Zahnarztpraxis. Trotzdem gehören wissenschaftlich profunde Erkenntnisse auch hier dazu.

Ohne Zweifel: Die Befassung mit der Lebensqualität von Patienten ist grundsätzlich wünschenswert. Das gilt nicht nur für die richtige individuelle Entscheidung in der Palliativmedizin, was wann wie für leidende Patienten getan werden sollte, nicht nur für Krebspatienten oder Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenslage von Menschen mit Behinderungen. All das ist wichtig, all das kann beim Heilen helfen.

Andererseits: Aus den Möglichkeiten dieser Erkenntnisse kurz zu schließen, das Schaffen von Lebensqualität sei medizinische Disziplin, wäre nicht zu Ende gedacht. Optimierung von Lebensqualität, verstanden als immanenter Teil von Hilfe und Heilen im Sinne des hippokratischen Auftrags, ist im Prinzip grenzenlos. Ärztliches Handeln orientiert sich hier am Machbaren. Sind hier Grenzen gewollt, muss die Gesellschaft entscheiden.

Es ist aber auch Aufgabe der Gesellschaft, akzeptable Rahmenbedingungen für ärztliches Handeln zu schaffen. Von „zu wenig“ kann nicht „alles“ kommen.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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