mn
01.02.07 / 00:15
Heft 03/2007 Editorial

Editorial



Zufriedenes und erfülltes Altwerden ist in unserer Gesellschaft leider keine Selbstverständlichkeit. Foto: CC

Liebe Leserinnen und Leser,

die Fakten sind alarmierend, über die Folgen lässt sich trefflich streiten: Die Deutschen leben immer länger, die Geburtenzahlen dümpeln daher. Auf dem Fuße folgt die Angst vor der maßlos überalterten Gesellschaft.

Somit wird das, was individuell eigentlich Anlass zur Freude gäbe, von den Medien und in der daraus resultierenden öffentlichen Diskussion zum Gesellschaftsdrama hochgespielt, ist inzwischen schon fast hysterisch anmutender Zündstoff für Talk- Runden und Zukunfts-Thriller. Die Konsequenz? Langes Leben und hohes Alter, früher eher bewundertes Glück Einzelner, läuft in Deutschland Gefahr, zur Tragödie zu geraten.

Während Jugend mehr denn je vergöttert wird, schlittert das Alter als Ideal zunehmend ins Abseits. Betagte Menschen sind schon heute, Jahrzehnte vor dem herbeigeredeten Alters-Gau dieser Gesellschaft, oft weit weg von dem, was Toleranz und Humanität eigentlich abfordern sollten.

Die wenig bekannte, grausam anmutende Wahrheit: Alle zwei Stunden bringt sich in Deutschland ein Mensch jenseits des Alters von 60 Jahren selbst ums Leben. Und die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist extrem hoch. Alt zu werden ist augenscheinlich schon in der heutigen Gesellschaft nicht mehr das Ziel, das Zufriedenheit mit dem eigenen Leben verspricht. Jedoch sind die Voraussetzungen auf den ersten Blick gar nicht schlecht: Mehr denn je gewährt medizinischer Fortschritt die Möglichkeit, das Leben auch im Alter zu genießen. Das erfordert allerdings Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme auf diejenigen, die ohnehin bald die Mehrheit stellen. Die Diskussion um die alternde Gesellschaft braucht endlich konstruktive Denkmodelle und andere Prämissen als die Schreckensbilder eines programmierten gesellschaftlichen Untergangs.

Der andere Teil der Medaille ist der ehrliche Umgang mit dem, was man als Wahrheiten des Lebens bezeichnet. Alter und Multimorbidität sind in unserer Jungbrunnen-orientierten Gesellschaft genau so wie der unweigerliche Tod weitgehend Tabuthemen. Offene Gespräche mit suizidgefährdeten älteren Menschen, zum Beispiel Patienten in der ärztlichen oder zahnärztlichen Praxis, werden dadurch nicht eben erleichtert.

Dabei liegen hier ganz pragmatische Möglichkeiten: Alte Menschen, die in weitgehender Isolation leben, durch Depressionen oder Suizidgedanken gefährdet sind, haben vielleicht gerade hier einen der wenigen verbleibenden Außenkontakte. Und offene Nachfrage kann ein durchaus willkommenes Hilfsangebot sein.

Es wird in den kommenden Jahren wichtig sein, dass wir auf dem Weg in die Altersgesellschaft konstruktiv nachdenken. Vielleicht auch, indem wir den heute schon Betroffenen aufmerksamer zuhören und ihre Probleme ernst nehmen.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



Mehr zum Thema


Anzeige