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01.02.06 / 00:15
Heft 03/2006 Editorial

Editorial



Über 20 000 Heilberufler haben am 18. Januar vor dem Bundesgesundheitsministerium in Berlin gegen die durch falsche Gesundheitspolitik verursachten Missstände im Gesundheitswesen protestiert.

Liebe Leserinnen und Leser,

alle derzeitigen Versuche Ulla Schmidts, die Unzufriedenheit der Ärzte in ihrer Bedeutung für die Öffentlichkeit herunterzuspielen, lassen Wichtiges außer Acht.

Zum einen: Vier von fünf Deutschen haben Verständnis für die Proteste der Ärzteschaft. Die Stimmung in der Bevölkerung macht Ulla Schmidts Versuche, die Aktionen als realitätsfern abzutun, nicht gerade einfach.

Zum anderen: Bei den Ärzteprotesten vom 18. Januar handelte es sich um die größte Demonstration der Heilberufe seit Gründung dieser Bundesrepublik. Aufgerufen von fast 50 Heilberufs-Organisationen und Berufsverbänden kamen trotz Winterskälte über 20 000 Unzufriedene zum Gesundheitsministerium, um ihrem Ärger Luft zu machen. Zusammen mit weiteren 4000 Demonstranten in München und 3 500 weiteren Protestlern in Saarbrücken war das ein Signal, das auch in den abgeschottetsten Räumen des Ministeriums nicht mehr zu überhören war.

Also die ideale Stunde für Einsicht und Besserung bei Ulla Schmidt? Schön wäre es, aber die Reaktion der Bundesgesundheitsministerin war wieder einmal ein Polit-Gemisch aus „Verständnis“-Beruhigungsmitteln und dem Aufbau von Abwehrmechanismen, die bekanntlich dann immer wieder in Schuldzuweisungen münden.

Das alles war reiflich vorbereitet: Ein sehr ausführliches Elaborat ihres Ministeriums sollte der Öffentlichkeit den Eindruck vermitteln, dass Deutschlands Ärzte mit ihren Forderungen jenseits aller gesellschaftlichen Realität agieren. Ein Vorgehen, das die Bevölkerung in den vergangenen Jahren durchaus zu „schlucken“ bereit war. Anders heute: Wenn vier Fünftel der Deutschen die Probleme im Gesundheitswesen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, wenn Passanten die Protestzüge sogar mit Applaus begleiten, ist das schon ein Hinweis darauf, wie die Realitäten dieser Gesellschaft inzwischen einzuschätzen sind. Zufriedenheit und Einverständnis mit der Politik der gewählten Volksvertreter sieht jedenfalls anders aus. Der Ernst der Lage ist wohl auch dem Gesundheitsministerium inzwischen klar. Die politische Taktik bleibt allerdings die gleiche wie immer: Nicht die Politik, die Selbstverwaltungen und Krankenkassen seien schuld an dem Debakel der Ärzte, heißt es in der Reaktion der Ministerin am Tage der Demonstrationen.

Und hier dürfte manchem der Protestler der Kragen endgültig geplatzt sein. Der Vorsitzende des Hartmannbundes Dr. Kuno Winn forderte jedenfalls in einem offenen Brief Belege für diese Argumentation, die angesichts Budgetierung und Reglementierung so vollkommen aus der Luft geholt scheint.

Aber vielleicht geht es Ulla Schmidt ja auch nur darum, ganz akut Dampf aus dem Kessel zu nehmen. Zu kurz gedacht, denn die Ärzteschaft wird wohl nicht aufgeben.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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