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16.02.06 / 00:15
Heft 04/2006 Editorial

Editorial




Liebe Leserinnen und Leser,

„Beiß die Zähne zusammen, da musst Du durch!“ Fast jeder von uns hat diese – meist wohl gemeinte – Aufforderung zum Durchhalten unter widrigen Umständen das eine oder andere Mal erlebt.

Erfolgt diese extreme Form von Anspannung in gesunder Allianz mit Entspannung, kann das für Leib und Seele durchaus gut oder nützlich sein. In heutigen Zeiten wachsenden Stresses wird es allerdings für so manchen des Guten zu viel. Die oft beobachtete Folge: Körper und/oder Psyche reagieren mit Überlastung, mehr oder minder spezifischen Notsignalen, letztlich mit Krankheit.

Stress, Angst und Depressionen sind inzwischen ein nicht unerheblicher gesellschaftlicher Kostenfaktor. Auf knapp zehn Prozent schätzen die Statistiken heute den Anteil psychischer Erkrankungen an den Ausfällen Erwerbstätiger in Deutschland. Tendenz steigend.

Ein befremdlicher Prozess: Der Fassbinder-Filmtitel „Angst essen Seele auf!“ erhält in unserer, immer mehr von Hektik und Konkurrenzdenken bestimmten Gegenwart eine ganz andere, inzwischen sogar volkswirtschaftlich sehr relevante Bedeutung. Prävention macht also auch hier nicht nur aus ärztlichen, sondern auch ökonomischen Motiven Sinn – selbst für die strapazierten Kassen der GKV. Entsprechende Initiativen sind deshalb gerechtfertigt und verdienen Unterstützung.

Denn wenn für mehr als jeden zehnten Erwerbstätigen in unserer Gesellschaft Anspannung zum stetigen Begleiter wird, wenn Mobbing, Angst und Co. selbst laut offizieller Warnung der WHO dem Gesundheitswesen immer mehr Aufmerksamkeit abverlangen, muss gehandelt werden.

Ganzheitliche Betrachtung erhält in diesem Feld einen besonderen Stellenwert. Gerade in diesem Bereich muss Heilung das Miteinander unterschiedlicher Faktoren berücksichtigen: Körper und Seele brauchen gleichermaßen Beistand.

Dass es hierfür Erfolg versprechende Wege gibt, haben interdisziplinäre Forschung und Lehre, aber auch der Praxis-Alltag selbst inzwischen erwiesen. Die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen schafft hier die Grundlage für die jeweils richtigen Ansätze.

Insbesondere auch zahnärztliche Initiativen zu diesem Thema – und nicht zuletzt die erstaunlich zahlreichen Reaktionen aus der Bevölkerung – zeigen, wie dringend viele unserer Mitmenschen nach fachlicher Hilfe und Entlastung suchen. Entlastung, die Körper und Seele in Einklang bringt, die Hilfe verspricht, wenn „die Seele knirscht“.

Und wer weiß, dass Angststörungen und Depressionen alle Chancen auf den zweifelhaften Titel „Volkskrankheiten der Zukunft“ haben, wird schnell verstehen, warum Ärzte – und gerade auch Zahnärzte – diesem Thema trotz allen Kostendrucks in den nächsten Jahren wachsende Aufmerksamkeit widmen werden.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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