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16.08.14 / 00:01
Heft 16/2014 Editorial

Editorial



Das Krankenhaus – nicht immer ein Ort der Heilung. Im Gegenteil: Hunderttausende Patienten pro Jahr fangen sich hier erst eine Krankheit ein. Foto: © VILevi - Fotolia.com

Wussten Sie, dass Krankenhausinfektionen ein höheres Gefahrenpotenzial als Aids bergen? Zu dieser Einschätzung kommen jedenfalls die Autoren der Studie des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Sie haben herausgefunden, dass sich jedes Jahr in Europa 3,2 Millionen Patienten mit einem Krankenhauskeim infizieren, etwa 80 000 davon werden in der EU jeden Tag stationär wegen einer nosokomialen Infektion behandelt. In Deutschland stecken sich – legt man die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) zugrunde – rund 800 000 Menschen jährlich mit diesen Keimen an, 40 000 von ihnen sterben daran.

Dass in Kliniken Erreger herumschwirren, mit denen man zu Hause nie in Kontakt kommt, ist ja gar nicht verwunderlich: Patienten und Besucher bringen sie mit, leben oft sogar mit ihnen – teilweise ohne es überhaupt zu merken. Gefährlich wird es, wenn die Keime sich auf Wunden oder Kathetern ansiedeln und letztlich Kranke und Geschwächte befallen.

Erfährt man allerdings, dass die meisten Todesfälle vermeidbar sind, fragt man sich, warum immer noch so viele Patienten aufgrund der Hardcore-Erreger ihr Leben lassen und warum so viele Antibiotika nicht mehr wirken. Multiresistenzen – ein Problem, auf das selbst Experten bislang keine einfache Lösung parat haben.

In der Praxis scheitern bekanntlich selbst vermeintlich einfache Maßnahmen oft an der komplexen Realität: Mehr Hygienepersonal für weniger Patienten? Klingt erstmal gut, denn wenn eine Intensivkrankenschwester zu viele Patienten in einer Schicht versorgen muss, geht das häufig schief. Vor dem Hintergrund, dass viele Kliniken rote Zahlen schreiben, trotzdem zu schön, um wahr zu werden. Kostendruck und Zeitnot – das sind in den Krankenhäusern schließlich die Treiber, eine unzureichende Händedesinfektion und die mangelnde Ausbildung bei Ärzten und Pflegepersonal kommen hinzu. In seinem sechsjährigen Studium hat ein Arzt nur 10 bis 20 Lehrstunden in Sachen Hygiene.

Und weniger Antibiotika in der Tiermast? Fakt ist, dass in der Tierhaltung in Deutschland immer mehr umstrittene Antibiotika eingesetzt werden, die auch für Menschen besonders wichtig sind, obwohl es schon längst entsprechende Regulierungen gibt.

Bleiben die Ärzte. Und Zahnärzte. Sie sollen weniger Antibiotika verschreiben. Immer noch gehen hier zu viele Rezepte über den Tisch.

Den Kampf gegen die Keime führen freilich längst mehr nicht nur Forscher und Mediziner – aktiv werden seit geraumer Zeit auch die Regierungen. Die unsrige hat jetzt eine neue Resistenzstrategie für die Human- und die Veterinärmedizin auf den Weg gebracht, mit der sie die Erreger vernichten will. Ob ihr Plan aufgeht? Lesen Sie unsere Titelgeschichte!

Beste Grüße

Claudia Kluckhuhn
Chefin vom Dienst Online



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