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01.09.09 / 00:01
Heft 17/2009 Editorial

Editorial



Zahnschmerzen? Eigentlich sind sie Signal für den längst überfälligen Besuch beim Zahnarzt. Für unsere Vorfahren waren sie oft erstes Anzeichen für Krankheiten mit zum Teil tödlichem Ausgang. Foto: Fotolia

Liebe Leserinnen und Leser,

den populistischen Spruch, man erkenne „die Herkunft der Menschen an ihren Zähnen“, verbucht der kritische Beobachter deutscher Gesundheitspolitik in der Regel unter der Rubrik ebenso alter wie auch falscher Wahlkampfparolen. Dass dieser Zusammenhang auch mit anderem Sinn hinterlegt werden kann, zeigt die Titelgeschichte dieser zm: Wissenschaftlich betrachtet öffnen sich Welten, so man zahnmedizinische Erkenntnisse in den Dienst anthropologischer Forschung stellt. In der Tat kann man das, was Menschen waren, was sie taten, an ihren Zähnen erkennen.

Für Anthropologen sind Zähne inzwischen anerkannte, wichtige Zeichen zur Klärung offener Fragen aus der Vergangenheit. Ob als nach Jahrhunderten noch nachweisbarer Befund und damit Erklärung für Morbiditäten, ob als Hinweis auf die regionale Herkunft von Menschen oder auch nur als Verständnishilfe für Ernährungsgewohnheiten oder Krankheitsverläufe unserer Vorfahren: Was auf zahnmedizinischer Basis an historischen, prähistorischen Überresten erkannt werden kann, dürfte für den modernen Zahnarzt vielleicht nicht bekannt, aber interessant und – angesichts profunder Kenntnisse – offenkundig nachvollziehbar sein.

Wertvoll ist an diesem Thema aber auch ein ganz anderer Aspekt: Was unsere Vorfahren mangels zur Verfügung stehender zahnmedizinischer Versorgung erdulden und mit zum Teil letalen Folgen erleiden mussten, ist dank der Möglichkeiten moderner Zahnmedizin nur noch eins: Geschichte.

Entzündliche Entwicklungen von Schäden, die heute nicht einmal mehr der Diskussion wert sind, waren für unsere Vorfahren mit lebensgefährlichen Konsequenzen behaftet. Infektionen im ZMK-Bereich waren nicht selten. An Möglichkeiten, diese fachkundig zu bekämpfen, mangelte es aber. Wer nicht über eine gute Allgemeinkonstitution oder entsprechende Selbstheilungskräfte verfügte, geriet schnell in einen Sog, der in Allgemeininfektionen mit Todesfolge sein Ende fand.

Heute rechnet die Gesellschaft hingegen in DMFT-Werten. Das sind Fortschritte, die in der allgemeinen Qualitätsdiskussion ärztlicher Behandlung in der Regel längst vergessen sind.

Wer heutzutage vom Wert des "Gutes" Gesundheit spricht, tut vielleicht gut daran, sich zwischenzeitlich auch bewusst zu machen, dass die Entwicklung der Menschheit durchaus mit medizinischer Versorgung und der Überwindung von Krankheiten verbunden war und ist.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm Chefredakteur



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