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16.10.10 / 12:00
Heft 20/2010 Editorial

Editorial



Blut - ein Kraftstoff, der Leben rettet: Deutschland braucht Tag für Tag etwa 15000 Spenden. Aber nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung helfen regelmäßig. Foto: DRK

Liebe Leserinnen und Leser,

„bei Null wird es schwierigzumindest in Zeiten akuter Engpässe“. Die Rede ist nicht von der ärgerlichen Kostendämpfung im Gesundheitswesen, sondern von der leider immer wieder aufkommenden Schwierigkeit, Deutschlands Patienten mit Blutkonserven zu versorgen.

Etwa 15 000 Stück benötigt die medizinische Versorgung Tag für Tag im Bundesgebiet. Die Reserven reichen laut Fachleuten etwa für eineinhalb Tage. Es ist ein System, das gerade in spenderschwachen Zeiten wie beispielsweise dem Hochsommer auf wackeligem Fundament steht.

Immer wieder durch die Medien gepeitschte Kampagnen zeugen von dieser Not, die vor allem für Krebspatienten oder Operationen die Situation oft schwierig macht.

Für die als Universalkonserven nutzbare Blutgruppe 0, aber auch die Rhesus-Negativ-Gruppen ist die Lage besonders problematisch. Trotz der Anstrengungen vieler Spendedienste, hier eine vernünftige Bevorratung zu schaffen – und sei es auch über das Angebot, für die Blutspende zu bezahlen.

Laut Deutschem Roten Kreuz sind nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung bereit, regelmäßig zu spenden. Das Problem ist nicht neu; die Bemühungen, hier stabile Abhilfe zu schaffen, sind Daueraktivität.

Ein eigentlich erstaunlicher Vorgang angesichts der zentralen Bedetung dieses ganz besonderen Saftes. Kulturhistorisch haben wir Menschen diesem „Kraftstoff des Lebens“ über die Jahrtausende hinweg immer eine besondere, zu weiten Teilen sehr metaphysische Bedeutung beigemessen. Ob rot oder schwarz, ob gut oder böse, um das biologische Transportsystem ranken Mythen, die in allen Bereichen menschlichen Denkens und Fühlens fest verankert scheinen.

Erst die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die damit einhergehende Versachlichung der letzten zweihundert Jahre haben dazu geführt, dieses Feld beherrschbar zu gestalten.

Aber mit der „Ernüchterung“ hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass alles Leistbare auch beherrschbar sei. Diese scheinbare Beherrschbarkeit mag mit dazu beitragen, dass der Einzelne sich nicht mehr für zuständig fühlt.

Auch in Zeiten, in denen das Blut nicht mehr „Sitz der Seele“ ist, gilt es gesellschaftlich immer noch nicht als selbstverständlich, diesen regenerierbaren Grundstoff für die medizinische Versorgung bereit zu stellen. Also bleibt nur, ständige Aufklärungsarbeit zu betreiben und an die Vernunft und Hilfsbereitschaft der Menschen zu appellieren. Nur so gelingt es, diesen in seiner nutzbaren Bandbreite so wichtigen Rohstoff in ausreichender Menge zu lagern.

Obwohl allen längst klar ist, dass man mit diesem Aderlass eben nicht die eigene Seele verkauft. Eher gilt das Gegenteil.

Mit freundlichen Grüßen

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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