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01.11.10 / 00:01
Heft 21/2010 Editorial

Editorial



Eine Idee, die schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Phantasie der Menschen beflügelte, wird – wenn auch nicht in so simpler Denkweise – sukzessive Wirklichkeit: Heute setzen Wissenschaft und Forschung große Hoffnungen in die Nanomedizin. Foto: Cinetext-Bildarchiv

Liebe Leserinnen und Leser,

1966 mussten sich die Schauspieler Stephen Boyd und Raquel Welch im US-Science- Fiction-Film „Die phantastische Reise“ noch mitsamt U-Boot miniaturisieren lassen, um einem von Ost nach West übergelaufenen Wissenschaftler ein herkömmlich nicht operables Blutgerinnsel aus dem Gehirn entfernen zu können. Die nach damaligem Ermessen phänomenal umgesetzte Reise durch einen menschlichen Körper – der Schriftsteller Isaac Asimov verarbeitete sie noch im gleichen Jahr zu einem Roman – spielte prospektiv im Jahr 1995.

Immer noch ist diese Art der Miniaturisierung pure Fiktion. Dass aber von Menschen gesteuerte „Mini-Maschinen“ als medizinische Helfer ihren Weg durch den Körper antreten, konkretisiert sich zusehends. Mit Kraft versucht die Nanomedizin, gestützt durch nationale wie internationale Fördermaßnahmen, diesen Menschheitstraum vom gesteuerten medizinischen Eingriff mittels Nanotechnik zu verifizeren. Ziel ist die deutlich verbesserte Therapie gegen Krankheiten wie Krebs, eventuell mögliche Reparaturen von Nervenbahnen und vieles mehr. Längst nicht mehr Fiktion, sondern inzwischen adaptierte Wirklichkeit sind die verschiedenen Nutzungen von Stoffverbindungen, die mittels Nanoteilchen medizinische Werkstoffe verbessern, seien es künstliche Hüftgelenke oder, um Beispiele aus der Zahnmedizin zu nennen, neue Legierungen für Implantate. Hier hat die Nanomedizin inzwischen deutlich Fuß gefasst. Diskutierte Risiken werden in Fachkreisen aus wissenschaftlicher Warte weitgehend als gering eingeschätzt. Ob Silber, Zink, Tantal, Titan, ob Albumin oder Hydroxylapathit: Die Chancen zur Optimierung von Materialien oder die gezielte Nutzung organisch einsetzbarer Zusatzstoffe schaffen neue Möglichkeiten (zahn-)medizinischen Fortschritts.

Doch im Gegensatz zur positiven Grundhaltung, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegenüber Fortschritt und Technik bestand, läuft heute selbstverständlich nichts ohne die immer wieder relativierende Medaillen-Kehrseite: Kaum sind Möglichkeiten zur medizinischen Anwendung absehbar, diskutiert der Zeitgeist auch schon die Folgen, die diese Neuerungen nach sich ziehen können.

Dabei geht es weniger um die im Volksmund kolportierten Gefahren, die diese Kleinstteilchen im menschlichen Körper bewirken könnten, vielmehr um Hinweise auf etwaige soziologische Konsequenzen: Der medizinische Segen als zwangsläufiger Katalysator für das Thema Überalterung der Gesellschaft.

Aber was wäre das für ein Ansatz: Wer die Zivilisationskrankheiten von heute besiegt, schafft die gesellschaftlichen Probleme von morgen?

So verkürzt kann und darf niemand denken.

Mit freundlichen Grüßen

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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