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01.05.09 / 12:00
Heft 09/2009 Editorial

Editorial



„Die wahre Schule des Lebens ist das Kino“ – die provokante These des Regisseurs Francois Truffaut machte Schule: Heute weiß man professionell gesetzte Filmszenen zu nutzen, sogar als didaktische Anschauungshilfe für die Ausbildung an medizinischen oder zahnmedizinischen Hochschulen. Foto: Cinetext

Liebe Leserinnen und Leser,

für Regisseur Francois Truffaut war die „wahre Schule des Lebens“ das Kino. Truffauts Werk ist heute unangefochtener Teil westlichen Kulturgutes.

Jüngst hat der kanadische Schriftsteller David Gilmour in seinem Roman „Unser allerbestes Jahr“ Truffauts Motiv wieder aufgenommen. Er beschriebt, wie ein Vater seinem schulrenitenten Sohn erlaubt, die Schule abzubrechen. Dafür muss er ein Jahr lang jede Woche drei ausgesuchte Kinofilme gemeinsam mit ihm anzuschauen. Der Clou der retrospektiv geschriebenen Geschichte: Der Sohn wurde mit Hilfe dieses für Vater und Kind „allerbesten Jahres“ zum durchaus verantwortungsbewussten Erwachsenen.

Ein auf den ersten Blick erstaunlicher Zugang zur Moral: Der Kinofilm als Lehrstück für’s Leben? Ein schönes Thema für ein Buch, für den normalen Alltag bleibt diese Sichtweise – zumindest für die Meisten von uns – allerdings ein durchaus bestreitbarer Standpunkt.

Um so schräger mag streitbaren Geistern auf den ersten Blick der Versuch erscheinen, Unterhaltungsfilme als Lehrstück für die wissenschaftliche Bildung zu nutzen. Dennoch: Gut recherchierte, aufwändig produzierte Filme oder auch Fernsehserien schaffen Zugang zu profunden Erkenntnissen. Und didaktisch erfolgversprechend ist dieser Weg der Lehre allemal.

Natürlich wird vom Lehrenden vorab ausgewählt. Nicht jeder x-beliebige James Bond eignet sich für den Anschauungsunterricht von Maschinenbauern. Aber vorab ausgesuchte Szenen aus der amerikanischen Serie „Dr. House“ treiben an der Universität Marburg auch Medizinstudenten in Samstags-Seminare zur Differentialdiagnostik.

Und Münsteraner Zahnmedizinstudenten erfahren in Prof. Stephan Doerings Vorlesung der „Psychosomatik in der Zahnheilkunde“ nicht nur eingangs am Beispiel des Hollywood-Schmachtstreifens „Pretty Woman“, welche Bedeutung der orale Bereich für uns Menschen hat. Kino hat einiges mehr an psychopathologischem Lehrmaterial zu bieten. Und als Präsentationsobjekt ist es vorzüglich geeignet: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes „anschaulich“.

Den angehenden Zahnmedizinern wird aber auch Doerings Erkenntnis nicht erspart bleiben, dass Zahnärzte im Film – ähnlich wie Psychologen oder Psychiater – in der Regel als Witzfiguren oder Psychopathen auftauchen. Schade, aber erklärbar: So kompensieren Filmemacher und ihre Zuschauer ihren Umgang mit den eigenen Ängsten.

Vergnügliches Lesen wünscht Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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