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16.09.11 / 00:01
Heft 18/2011 Editorial

Editorial



■ Die Frage nach geeigneten Versorgungsstrukturen spielt im Gesundheitswesen eine wachsende Rolle. Gefordert ist die Verzahnung, das Zusammenwirken aller beteiligten Disziplinen. Foto: CC

Liebe Leserinnen und Leser,

vor Kurzem veröffentlichte der Barmer GEK-Report interessante Ergebnisse zur gesundheitlichen Versorgung in Deutschland. Die Morbidität im Osten sei höher als im Westen, Depressionen kämen häufiger in Süddeutschland vor, heißt es dort. Die Gründe sind vielschichtig, das Alter, das Geschlecht und der soziale Background spielen eine Rolle. Letztlich geht es um strukturelle Fragen, um soziale Aspekte und um individuelle Verhaltensweisen, die Einfluss auf das Versorgungsgeschehen nehmen, es geht um die Wirksamkeit von Versorgungsstrukturen und -prozessen unter Alltagsbedingungen.

Die Versorgungsforschung, die sich systematisch mit diesen Fragestellungen beschäftigt, ist ein sehr heterogenes Feld. Das belegt beispielsweise ganz anschaulich die Themenvielfalt auf dem nächsten Deutschen Kongress für Versorgungsforschung vom 20. bis zum 22. Oktober 2011 in Köln. Die große Frage dahinter lautet: Wie setzt sich medizinische Wissenschaft und Theorie in die Praxis um, wie sieht die sogenannte „letzte Meile im Gesundheitswesen“ aus, also, wie wird medizinische Forschung in den Alltag hinuntergebrochen?

Verzahnung ist das Stichwort. Akteure sind der Patient und sein Arzt oder Zahnarzt, aber auch strukturelle Einrichtungen wie der ÖGD, Kommunen, Kassen und die politische Ebene sind involviert. Gefordert ist die Beteiligung aller Fachdisziplinen und das Zusammenwirken aller in der Versorung tätigen Berufsgruppen.

Die Bundespolitik hat die Bedeutung der Versorgungsforschung erkannt. Sie will durch Gesundheitsforschung die Lebensqualität der Bevölkerung sichern: Dazu gibt es Aussagen im Koalitionsvertrag, und das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung zur Erforschung großer Volkskrankheiten wird von 2011 bis 2014 mit 5,5 Milliarden Euro gefördert.

Der zahnärztliche Bereich ist auf diesem Gebiet seit Langem aktiv. Zu nennen sind hier die Forschungsarbeit im Institut der Deutschen Zahnärzte, wie etwa die DMS-Studien, Prognosemodelle zur Entwicklung der Zahnärztezahlen, oder die Mitgliedschaft im Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung.

Interdisziplinarität ist aber nicht nur auf systemischer Ebene, sondern auch individuell in der Praxis gefragt. Der Praxisalltag erfordert es immer mehr, medizinische Aspekte in einen größeren Zusammenhang zu stellen und den differenzialdiagnostischen Blick des Behandlers über Disziplinen hinweg zu schulen. Das Beispiel unserer Titelgeschichte zeigt die Zusammenhänge zwischen Parodontitits und Atherosklerose. Aber auch die Kariesfrüherkennung bei Kleinkindern oder die Entdeckung von Kindesmisshandlungen durch Beobachtungen im Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereich (beides waren Schwerpunktthemen auf dem letzten Zahnärztetag in Warnemünde) gehören in den Kontext von Versorgungsfragen. Hier stellen sich spannende künftige Herausforderungen für die Politik, den Berufsstand, aber auch für den Zahnarzt im Praxisalltag.

Mit freundlichem Gruß

Gabriele Prchala
Stellvertretende Chefredakteurin



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