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16.08.11 / 12:00
Heft 16/2011 Editorial

Editorial



Social Media? Letztlich bleiben Kommunikationsmittel Kommunikationsmittel. Trotzdem muss man wissen, wie man sie richtig nutzt. Und damit umgehen, wann, wie und wo es sinnvoll ist. Foto: Daniel Hughes - Fotolia.com

Liebe Leserinnen und Leser,

können Sie sich einen Praxisbetrieb ohne Telefon vorstellen? Das gab es mal! Heute braucht es viel Fantasie, sich das realistisch auszumalen.

Aber sparen Sie sich die Mühe, das ist eh Schnee von gestern. Längst vorbei die Zeiten, als meine Oma sich strikt weigerte, mit Leuten zu sprechen, „die ich nicht sehen kann“.

Also zurück in die näher liegende Zukunft: Wie sieht es mit Ihrer Vorstellungskraft um eine Praxis ohne Nutzung sozialer Medien aus? Kein Problem? Die meisten unter uns können das! Ist dieser „Hype“ der Schnee von morgen?

Vorsicht! Laut Meinung moderner Medienforscher geht das nicht mehr lange gut. Facebook, Twitter und Co. sind nach Auffassung vieler Mitmenschen Kommunikationsmedien, die unser soziales Leben „revolutionieren“ (sic!).

Und da „1789“ uns abendländisch Kultivierten noch tief in den Knochen steckt, mag auch niemand so richtig am Rand stehen bleiben. Inklusive Unbehagen, das ist bei proklamierten Umwälzungen so.

Dass es einer Gesellschaft, die ihre Einstellung zu Neuem gern aus Extremen zieht – des einen Unbehagen ist des anderen Euphorie –, nur bedingt gelingt, pragmatischnüchtern voranzuschreiten, ist keine Erkenntnis der Neuzeit. Trotzdem wird munter polarisiert: Wer schon „drin“ ist, kümmert sich nur widerwillig um die ewiggestrigen „Analogen“.

Dabei ist das alles auch anders vorstellbar: Letztlich wäre die realistische Analyse und ein gesellschaftlich kontrolliertes Experimentieren mit den eigentlich gar nicht so revolutionären interaktiven Kommunikationsmitteln genau das, was uns aufgeklärten Menschen von heute gebührt.

Der moderne Arzt möchte mündige Patienten. Warum nicht solche, die mit gut recherchierten Fragen in die Praxis kommen? Die mit einem ebenfalls medial sachkundigen Arzt an ihrer Seite diese Fragen beantwortet bekommen? Warum nicht ein berufliches Dasein, das crossmediale Kommunikation – qualitativ kontrolliert – auf hohem Niveau in Print, Film, Bild und Ton nutzen kann, das die zeitnahe Konsultation mit anderen Fachleuten nicht als handwerklichen Offenbarungseid, sondern als wohlverstandenes Agieren im Sinne des hippokratischen Eides begreift? Wer das so auffasst, wird auch in einer anderen medialen Welt das Vertrauen seiner Patienten genießen.

Bleibt letztlich die Überwindung vielleicht noch vorhandenen Unbehagens bei denen, die diese neue „Welt“ nicht kennen. Der Social-Media-Fachmann Avinash Kaushik entmystifiziert das Ganze so: „Soziale Medien sind wie Teenager-Sex. Jeder will es, keiner weiß wie. Aber wenn es vorbei ist, sind die meisten überrascht, dass es nicht besser war.“

Also was? Telefonieren haben wir ja auch gelernt.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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