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16.10.11 / 00:01
Heft 20/2011 Editorial

Editorial



Schönheit ist machbar. Doch wie weit darf ärztliches Handeln gehen? Wo liegt für den Arzt die Grenze zwischen Können und Ethos, zwischen Heilen und Verkaufen? Foto: okapia

Liebe Leserinnen und Leser,

wer kritisch verfolgt, wie unsere Gesellschaft mit ihren Schönheitsidealen umgeht, wird eine erstaunliche, in der Geschichte der Menschheit bisher einmalige Veränderung feststellen. „Wahre Schönheit“, früher oft ein Begriff romantisch verklärter Sehnsüchte, läuft Gefahr, zur „Ware Schönheit“ zu verkommen. Ästhetisches Aussehen ist längst nicht mehr die Laune der Natur. Mit Hilfe moderner Medizin scheint Schönheit massenweise „reproduzierbar“. Die Chirurgie hat inzwischen eine Klasse erreicht, die dem Arzt einen breiten Handlungskorridor zwischen schlichtem Verkauf stereotyper Schönheit und medizinisch-ethischem Denken und daraus resultierendem Handeln geschaffen hat.

Doch während der Berufsstand nach wie vor diskutiert, wo und inwieweit das ärztliche Gespräch individuell die komplexe Sachlage zwischen medizinischer und psychischer Indikation zu berücksichtigen hat, lässt sich der junge Mensch von heute die gewünschten Proportionen von Mund, Nase, Ohren, Brust und Bauch inzwischen von bereitwilligen Eltern zum Geburtstag schenken.

Um es klarzustellen: Es geht hier nicht um volkstümlichen Dilletantismus. Das dem ärztlichen Handeln zugrunde liegende Wissen der Schönheitsärzte fußt in der Regel auf profunder Kenntnis von Ästhetik, Psychologie, Biologie und nicht zuletzt Medizin.

Aber der Beweggrund für chirurgische Kosmetik „pur“ hat nun einmal andere Gründe als die des Heilens im ursprünglichen Sinne des „nihil nocere“. Hier wird eifrig an argumentativer Rechtfertigung gearbeitet, mit fließenden Kompromisslinien hinsichtlich Methodik und Zeitgeist. Es ist letztlich eine Frage der ärztlichen Diskussion und Argumentation, wie weit Medizin gehen kann, um Schönheit als Massenware zugänglich zu machen.

Spannend dürfte sein, wann das Interesse an dem, was jeder Mensch haben kann, erlahmt. Werden sich unsere Ideale ändern? Wird das bisschen „anders sein als andere“ zum Reiz einer Gesellschaft werden, die eines Tages die jetzt gängigen Schönheitsideale satt hat? Anzeichen dafür gibt es schon heute viele.

Für den Mediziner ist ein gradueller Wandel dann aber allenfalls eine Herausforderung anderen Zuschnitts, könnte der Kosmetiker unter den Medizinern behaupten. Zu provokant? Vielleicht nur dann, wenn man sich der jahrtausendealten Ideale des ärztlichen Heilens nicht mehr sicher ist.

Bis dahin bleibt es hoffentlich bei den bisherigen Grundsätzen. Möglich, dass schon in wenigen Jahren kein Hahn mehr nach stromlinienförmigen Nasen, aufgespritzten Lippen und unterlegten Brüsten oder Oberarmmuskeln kräht. Vielleicht ist dann erst mal Schlussverkauf mit der Ware Schönheit. Egal wie, erste Aufgabe von Ärzten und Zahnärzten ist es ohnehin nicht, für Schönheit zu sorgen, sondern für Heilung und Gesundheit.

Schöne Lektüre wünscht
Ihr

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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