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01.12.12 / 12:00
Heft 23/2012 Editorial

Editorial



Darf jeder immer alles veröffentlichen? Soziale Medien sind ein Gewinn für das menschliche Miteinander – vorausgesetzt, man hält sich an Regelwerke aus Humanität und Toleranz. „Netiquette“ heißt das verniedlichend auf Neudeutsch. Foto: volksgrafik – Fotolia.com

Liebe Leserinnen und Leser,

Marion Käßmann ist Botschafterin der evangelischen Kirche Deutschlands. Sie hat den Festvortrag zur Eröffnung des dies- jährigen Deutschen Zahnärztetages gehalten. Die Teilnehmer brauchten weder persönlich gefestigten Glauben noch religiöse Empathie, um ihren Ausführungen folgen zu können.

Die Theologin setzte sich und ihr Publikum mit zeitgemäßer ethischer Werteorientierung in unserer Gesellschaft auseinander. Das betrifft jeden, der in unserer Gesellschaft lebt – unabhängig von Religion oder Herkunft. Als Grundlage zum Denken und Handeln bot sie die bei uns angestammten zehn Gebote des Christentums. Missionarischer Eifer unter altem Hut?

Nein. Um Gewicht und Modernität der Käßmannschen Interpretationen zu bemessen, braucht der Zahnarzt sich nicht nur der jüngsten öffenlichen Diskreditierungsversuche zu erinnern, die aus Krankenkassenkreisen gerade wieder ihre Runde in der deutschen Öffentlichkeit machten. Es ist nur ein Beispiel unter vielen.

Denn der Verstoß gegen das „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“ ist inzwischen trauriger Alltag in vielen der sogenannten sozialen Medien. Alle wissen – und das nicht erst seit „Schüler-“ oder „Studi-VZ“ –, dass Cyber-Mobbing kein Kavaliersdelikt ist. Die virtuelle Welt hat in Teilen inzwischen grausame Wirkung auf unsere Realität. Patentrezepte dagegen sucht unsere Gesellschaft immer noch.

Beispiel Großbritannien: Dort hat der bri- tische Politiker Alistair McAlpine nicht nur die BBC wegen des ihm gegenüber wohl falschen Vorwurfs, Kinder mißbraucht zu haben, erfolgreich verklagt. Der Brite will jetzt auch all die zur Rechenschaft ziehen, die via Twitter in der Öffentlichkeit dieses „Vor-Urteil“ mit- und vor allem weitergetragen haben. Das ist vielleicht ein notwendiger Schritt, um denen, die ohne Nachdenken Vorwürfe nicht nur am Tresen äußern, sondern letztlich schriftlich „veröffentlichen“, ihre Verantwortung klar zu machen. Sinnlos ist dieser publizistisch gesetzte Versuch sicherlich nicht. Nicht alle „Kachelmänner“ dieser Welt haben die Kraft, Möglichkeit und den langen Atem, Verleumdungen und Mobbing zu überstehen.

Das ist ein Grund für ethische Gebote. Deshalb wird versucht, den Menschen, die auf einmal alles ohne Verantwortungs- bewusstsein öffentlich machen können, Regeln zu setzen.

Wohlgemerkt: Nicht die medialen Möglichkeiten sind das Übel, sondern die menschliche Verantwortungslosigkeit im Umgang damit. Wir zm-ler möchten das in unserem Umfeld beherzigen: zm ist print, zm ist online, und zm wird sicherlich auch social media. Aber immer unter der Maßgabe der Verantwortung für das, was veröffentlicht ist.

Das sind und bleiben wir Ihnen schuldig.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur



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