zm
01.08.06 / 00:13
Heft 15/2006 Politik
Interview mit Prof. Dr. Georg Meyer zum Deutschen Zahnärztetag 2006 in Erfurt

Ein Gewinn für Praxis und Wissenschaft

Der Deutsche Zahnärztetag, der vom 22. bis 25. November stattfindet, bietet als zweites Standbein zur Standespolitik ein multidisziplinäres und vielschichtiges Fortbildungsangebot. Die zm befragten den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), Prof. Dr. Georg Meyer, zu Hintergrund und Bedeutung dieses wissenschaftlichen Kongresses.




zm: Entscheidungsfindung in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde – so heißt das Motto des diesjährigen wissenschaftlichen Programms. Unter Einbindung namhafter Referenten werden Sie das Thema aus allen Blickwinkeln heraus beleuchten. Unter welchen Gesichtspunkten haben Sie diesen Schwerpunkt ausgewählt?

Prof. Dr. Meyer: In keiner anderen medizinischen Disziplin bestehen so viele unterschiedliche therapeutische Möglichkeiten wie in der Zahnmedizin, um jeweils ein bestimmtes Problem zu lösen, ohne dabei dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu widersprechen. Das führt häufig zu Missverständnissen sowohl bei Patienten als auch bei Kolleginnen und Kollegen anderer medizinischer Fächer. So gibt es beispielsweise nach der Diagnose „Blinddarmentzündung“ vielleicht ein bis zwei einfach nachvollziehbare wissenschaftlich begründete Therapieverfahren. Ganz anders sieht es dagegen bei einem tief zerstörten Zahn aus: Hier reicht das Spektrum von endodontischer Behandlung mit Stiftaufbauten über Extraktion und Implantat oder Brückenversorgung bis hin zur Erweiterung eines vielleicht schon vorhandenen herausnehmbaren Zahnersatzes. Auch kieferorthopädischer Lückenschluss wäre in speziellen Fällen denkbar.

Vor diesem Hintergrund tut sich die Zahnmedizin besonders schwer bei der Erstellung von verbindlichen Leitlinien für bestimmte Behandlungsgänge, wie sie von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) für eine verlässliche, nachvollziehbare und wissenschaftlich begründete moderne Medizin gefordert werden.

In Erfurt sollen diese vielschichtigen Ausgangspositionen dargestellt und gewichtet werden, so dass eine individuell vertretbare therapeutische Entscheidung für die tägliche Praxis abgeleitet werden kann. Entscheidende Basis hierfür ist eine ausführliche Diagnostik, die auch eine allgemeinmedizinische Risikoerkennung beinhalten muss – einschließlich gegebenenfalls notwendiger Einbindung anderer Fachkollegen, wie Internisten, Orthopäden oder Neurologen. Die aktuelle Forschung belegt, dass wir hier eine ganz besondere medizinische Verantwortung übernehmen müssen, da die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde deutlich mehr Schnittstellen zu anderen Krankheitsbildern zeigt, als wir es bisher für möglich gehalten haben.

Unserem Tagungspräsidenten, Prof. Dr. Thomas Hoffmann, muss ich schon jetzt ein großes Kompliment aussprechen: Es ist ihm wirklich gelungen, diese multidisziplinäre Vielschichtigkeit systematisch zu gliedern und durch geschickte Referentenauswahl in Vorträgen und Workshops unter Einsatz modernster Medien so darstellen zu lassen, dass Praxis und Wissenschaft gleichermaßen profitieren können. Ausdrücklich einbezogen sind – mit zum Teil speziellen Tagungsprogrammen – zahnmedizinische Fachangestellte (Helferinnen-Tag), Zahntechniker/- innen (Zahntechniker-Tag) und Studenten (Studenten-Tag). Auch für den mitgebrachten Nachwuchs ist gesorgt: Für Kinder zwischen zwei und acht Jahren wird eine altersgerechte und abwechslungsreiche Betreuung angeboten.

zm: Der Deutsche Zahnärztetag verknüpft Standespolitik, Praxis und Wissenschaft, ein Schulterschluss, der sich bereits auf den vergangenen Kongressen in Berlin (2003), Frankfurt (2004) und wiederum Berlin (2005) sehr gut bewährt hat. Man spricht hier von einer zukunftsweisenden Symbiose. Wie wird dieses Konzept in Erfurt weiterentwickelt?

Prof. Dr. Meyer: Der Deutsche Zahnärztetag in Erfurt 2006 ist die erste Veranstaltung, auf welcher diese zukunftsweisende Symbiose zwischen Standespolitik, Praxis und Wissenschaft erstmalig auch formal wirklich vollzogen ist. Bundeszahnärztekammer, Landeszahnärztekammer Thüringen, Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung sowie die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie tagen unter einem gemeinsamen Dach mit dem Ziel, unseren Berufsstand unter den verschiedensten Aspekten zukunftssicher zu machen, einschließlich der Darstellung in der allgemeinpolitischen Öffentlichkeit.

zm: Zum Zeitpunkt des Zahnärztetages werden die Weichen für eine neue Gesundheitsreform gestellt sein – mit wahrscheinlich weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten im Gesundheitswesen. Wie beurteilen Sie das aus wissenschaftspolitischer Sicht, und welche Aspekte sind für Sie dabei von besonderer Bedeutung?

Prof. Dr. Meyer: Es liegt nahe, dass mit der Gesundheitsreform Gelder eingespart beziehungsweise umgelagert werden sollen. Aus wissenschaftspolitischer Sicht wäre es unvertretbar, eine Ausgliederung der gesamten Zahnmedizin aus dem Bereich der gesetzlichen Krankenversicherungen zu fordern. So etwas würde ja unter anderem voraussetzen, dass alle Krankheiten unseres Fachbereiches vermeidbar sind und dazu noch ohne jeglichen Kostenaufwand. Tatsache ist jedoch, dass zum Beispiel genetische, soziale, umweltbedingte, aber auch durch andere Krankheiten verursachte Risikofaktoren zu Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten führen können. Diese müssen aber ebenso von einem allgemeinen Versicherungssystem abgedeckt werden wie es für andere Bereiche gilt. Sinnvoll wäre sicherlich ein Versicherungssystem, das präventionsorientierte Aspekte insgesamt, aber gerade auch bei Kindern und Jugendlichen stärker betont als bisher.

Auf der anderen Seite gibt es speziell in der Zahnmedizin ein sehr ausgeprägtes und von medizinischer Notwendigkeit entfernteres Wahlleistungssegment, zum Beispiel Ästhetik und Kosmetik, das natürlich nicht Bestandteil eines von der Allgemeinheit getragenen Gesundheitssystems sein kann. Hier sind und bleiben private Versicherungen unverzichtbar, zumal diese durch den Wettbewerb flexibler sind und eher auf wissenschaftliche Innovationen reagieren können.

zm: Wissenschaftliche Fortbildung auf hohem Niveau: Warum ist das für den Zahnarzt in der Praxis so wichtig, und welche Konzepte dazu wird er auf dem Kongress in Erfurt vorfinden?

Prof. Dr. Meyer: Zahnärzte investieren sehr viel Zeit und Geld in ihre Fortbildungen, die sie im Wesentlichen bei neutralen und unabhängigen Institutionen, zum Beispiel den Fortbildungszentren der Landeszahnärztekammern oder der Akademie Praxis und Wissenschaft, absolvieren. Darüber hinaus sind mehr als 16 000 Zahnärztinnen und Zahnärzte unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) Mitglied in den verschiedensten wissenschaftlichen Fachgesellschaften, wo sie aktiv an jährlichen Kongressen, curriculären Fortbildungen bis hin zu postgradualen Masterstudiengängen teilnehmen. Der Deutsche Zahnärztetag in Erfurt ist ein Bestandteil dieses Konzeptes.

Ich würde mich freuen, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen einschließlich des Praxis-Teams, aber auch Studentinnen und Studenten der Zahnmedizin vom 23. bis 25. November 2006 in Erfurt begrüßen zu dürfen. zm



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