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16.04.03 / 00:11
Heft 08/2003 Politik
Berufspolitik und Managementfragen auf dem 49. Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Ein Kontra für Krisen und Katastrophen

Vogelperspektiven vermitteln andere Einsichten: Diese Vermutung legten die für den 49. Zahnärztetag Westfalen-Lippe als Pendant zum wissenschaftlichen Fachprogramm geladenen Referenten Dr. Heiner Geisler und Dr. Bernhard Saneke nahe. Saneke, seines Zeichens Zahnarzt und Lufthansapilot, erklärte vor vollem Vortragssaal, „warum Flugzeuge abstürzen und Unternehmen versagen“. Ex-CDU-Generalsekretär und Drachenflieger Heiner Geisler stellte seine Vorstellungen zur Frage „Ist der Sozialstaat am Ende?“ zur Diskussion.




Dr. Dietmar Gorski – als Gastgeber des berufspolitischen Abends stellte der KZV-Vorsitzende den Gastredner vor – hatte seine Zweifel, dass „der Sozialstaat am Ende ist“. Auch Heiner Geisler, der zehn Jahre als Gesundheitsminister in Rheinland-Pfalz amtierte, beantwortete die provokant an die wachsende Krise des Gesundheitswesens angelehnte Frage nicht mit einem eindeutigen „Ja“. Dennoch sparte der sozialstaatlich und humanistisch denkende Marktwirtschaftler Geisler nicht an Kritik gegenüber der derzeitigen Regierung. Die Politik vagabundiere flatterhaft – „ein Hin und Her, ein Rauf und Runter“ – und reagiere mit rein kosmetischen Veränderungen. Es bestehe keine Klarheit über die Umsetzung der „richtigen Ordnung“ im Gesundheitswesen.

Hang zur Mitte

Ausführungen, was denn diese „richtige Ordnung“ sei, blieb der in einer „Jesuitenschule“ herangewachsene CDU-Politiker nur in dem Sinne nicht schuldig, als er strikt gegen den ökonomischen Ansatz in der Gesundheitspolitik antritt. Ansonsten gelte es, das Gesundheitswesen so auszurichten, dass der Mensch als Sozialwesen und dessen unantastbare Würde als Grundwerte dienten: „Die Kostenfrage ist nicht die erste Frage“, wehrte sich Geisler gegen alle Versuche, das Gesundheitswesen unter den Diktat des Geldes zu stellen. Und: Die Versorgung des Menschen mit medizinisch Notwendigem müsse eine öffentliche Aufgabe bleiben.

Die richtige Philosophie der Mitte liege, so Geislers Plädoyer in der Gütersloher Stadthalle, in der sozialen Marktwirtschaft. Die Frage des FVDZ-Bundesvorsitzenden Dr. Wilfried Beckmann, ob neben dem Gedanken der Solidarität dazu nicht auch zwingend der der Subsidiarität gehöre, beantwortete „Elder-Statesman“ Heiner Geisler eher zögerlich: „Es geht um Hilfe für den, der sich nicht selbst helfen kann.“ Die Kehrseite dieser Medaille sei doch, so Geislers Rettungsversuch, das Prinzip der Eigenverantwortung.

In seinem moralischen Impetus zum Weg der Mitte warnte der ehemalige CDU-Generalsekretär davor, das System der KZVen in Frage zu stellen: „Ich halte davon gar nichts.“ Ein Fehler sei allerdings die Begrenzung der Mittel: „Die Budgetierung ist ein Fehler und führt nur in die Irre.“ Und trotz seiner Forderung, „mehr Geld für das Gesundheitswesen zur Verfügung zu stellen“ und damit auch einen Beitrag für den Zukunfts-Arbeitsmarkt Gesundheitswesen zu leisten, malte Geisler die Zukunft Deutschlands grau. Der Wohlstand werde sinken, der Bedarf an öffentlichen Leistungen steigen. Geisler zum Ende seiner Ausführungen: „Junge Menschen werden in diesem Land nicht bleiben. Wir werden zum Auswanderungsland.“ Gedanken, die die zahlreiche Zuhörerschaft zu konträr geführter Diskussion geradezu aufforderten.

Der Chef als Störfaktor

Ganz anders der zwischen Praxis und Cockpit wechselnde Festredner Bernhard Saneke. Der in einer Gemeinschaftspraxis in Wiesbaden tätige Zahnarzt sieht in den Team- und Führungsstrukturen eines Airbus viele für den Praxiserfolg taugliche Ideen und Regeln: Es gelte in beiden Bereichen, menschliches Versagen zu verhindern, um Unglück oder Misserfolg zu vermeiden. Zu hinterfragen seien sicherlich der „Störfaktor Chef“, das Scheuklappendenken, schlechte Zuhören und Abwehren von Kritik seitens der Führungskräfte in Flugzeugkanzel wie auch Praxisteam. Hier gelte es „Kommunikationsgefälle – das nicht Zulassen der Kritik von Unten“ als eine wesentliche Ursache für schwerwiegende Fehler zu vermeiden.

Vieles, so die Erfahrung des für seine Praxis mit dem Deutschen Unternehmerpreis 2002 ausgezeichneten Zahnarztes, könne an Fehlern vermieden werden, wenn Raum für „ehrliches Feedback“ bleibe. Ein positiver Ansporn nicht nur für die fast 3 800 Besucher dieses Zahnärztetages.



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