pr
01.05.10 / 00:14
Heft 09/2010 Gesellschaft
Das Wirken des Nicolaes Tulp

Ein Vorreiter der Anatomie

Das Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“ von Rembrandt ist weltbekannt. Es zeigt eine Sektion durch den Anatomen von Amsterdam, Dr. Nicolaes Tulp (1593–1674). Die Sektion menschlicher Körper wurde im 17. Jahrhundert an den meisten Universitäten üblich. Tulp, der als Mediziner und öffentlicher Amtsträger stets auch das Wohl der Bürger im Auge hatte, war seinerzeit einer ihrer prominenten Vorreiter.




Als Rembrandt (1606–1669) 1632 die anatomische Sitzung malte, war Dr. Nicolaes Tulp 39 Jahre alt. Die nördlichen Niederlande sind damals der modernste Staat Europas. Zur selben Zeit tobte im Deutschen Reich mit voller Wucht der Dreißigjährige Krieg. Der Schwedische König Gustav II. Adolf fiel in der Schlacht bei Lützen. Die nördlichen Niederlande standen als Calvinisten auf der protestantischen Seite. Im Westfälischen Frieden 1648 schieden sie auch ganz offiziell aus dem Reichsverband aus. Der Dauerkonflikt mit Spanien war nach Jahrzehnten beendet.

Nachdem die katholische Großmacht bezwungen war, konnten sich Kunst und Kultur in Europa voll entfalten. Das 17. Jahrhundert gilt als das „Gouden Eeuw“ – Goldenes Zeitalter. Die Bürgerkultur in den nord- niederländischen Städten blühte in einem Klima der Freizügigkeit auf, das auch die Wissenschaften beflügelte. Zu dieser selbstbewussten oberen Bürgerschicht gehörte der Arzt und Anatom Nicolaes Tulp.

Am 9. Oktober 1593 wurde er als Claes Pieterszn in Amsterdam geboren. Dass sich Claes Pieterszn später Tulp nannte, ist der Mode der Zeit geschuldet. In den 1630er-Jahren fand in den Niederlanden eine wahre „Tulpomanie“ statt. Die Knollen der Tulpenpflanze wurden zu ungeheuren Summen gehandelt. Allerdings brach der Tulpenhandel 1637 völlig zusammen und viele verloren ihr ganzes Vermögen. An dem Haus in der Prinsengracht, das er zeitweise bewohnte, soll ein Schild mit einer Tulpe gehangen haben.

Sein Vater Pieter Dirckszn (1549–1612) war Leinenhändler. Nicolaes war das jüngste von vier Kindern. Seine Mutter war Gherytgen Dircksdr (1550–1630). Nicolaes Tulp war zweimal verheiratet und hatte aus diesen Ehen neun Kinder. 1617 hatte er Eva van der Voech (geboren 1593) geheiratet, die aber bereits 1628 verstarb. Bis zu seiner Heirat hatte Tulp seine Wohnung und Praxis in der Herengracht. Danach zog das Paar in die Prinsengracht. Die zweite Ehe ging er 1630 mit Margaretha de Vlaming (1598–1678) ein.

Ein guter Ruf

Seine Studien der Medizin absolvierte Tulp von 1611 bis 1614 an der Universität in Leiden, wo er 1614 auch promovierte. Dort lernte er die Wichtigkeit der Anatomie für die Medizin bei seinem Professor, dem Anatomen und Botaniker Pieter Pauw (1564–1617), kennen. Nach seiner Rückkehr nach Amsterdam ließ sich Tulp als praktischer Arzt nieder und hatte nach kurzer Zeit einen guten Ruf. Er wurde im November 1628 zum Praelector Anatomiae ernannt und somit zum obersten Repräsentanten der Chirurgengilde von Amsterdam. In der Nachfolge von Dr. Johan Fonteyns (1575–1628) trat er am 2. Januar 1629 (bis 1653) sein neues Amt an.

Seine Vorlesungen hielt er in der berühmten Waag. Zu seinen Aufgaben zählte die Aus- und Weiterbildung der Chirurgen der Stadt Amsterdam. Neben dem theoretischen Unterricht wurden die Studenten auch praktisch unterwiesen, so mit den Sektionen, die Tulp erstmals im Winter 1631 selbst durchführte (die letzte Sektion hielt er im November 1650 ab).

Gesellschaftliches Ereignis

Das Sezieren von Leichen wurde in Amsterdam regelmäßig durchgeführt, war aber noch längst nicht selbstverständlich. Eine anatomische Vorführung war im 17. Jahrhundert ein gesellschaftliches Ereignis, das großes Interesse erregte. Sie erfolgte nach strengen Regeln, die von der Chirurgen- gilde überwacht wurden. Das Auditorium bestand aus Kollegen, Studenten und Honoratioren, die Eintritt zahlen mussten, um die Sitzung sehen zu dürfen.

Die anatomischen Sitzungen fanden verständlicherweise in den Winter-monaten statt. Um den Verwesungsgeruch im Theatrum anatomicum zu mildern, wurden Kräuter und Weihrauch verwendet. Seziert werden durften nur männliche Kriminelle.

Auf dem Bild von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, das heute im Museum Het Mauritshuis in Den Haag hängt, erkennt der Betrachter deutlich den Anatomen Dr. Tulp. Bei dem Sezierten handelte es sich um den zum Tode verurteilten Straßenräuber Adriaen Adriaenszoon. Allerdings zeigt Rembrandt auf seinem Bild nur den Beginn der Sektion der Leiche am 31. Januar 1632. Lediglich der freigelegte linke Unterarm ist schon zu sehen. Dieses Gemälde war Rembrandts erstes großes Werk, mit dem er seinen Ruhm begründete, nachdem er von Leiden nach Amsterdam gezogen war. Nach der Fertigstellung hing das Bild zunächst im anatomischen Theater der Chirurgengilde. Im Jahr 1828 erwarb der niederländische König Wilhelm I. das Rembrandtwerk für 32 000 Gulden für das Mauritshuis.

Das anatomische Theater war seit 1619 im Dachgeschoss der Waag von Amsterdam untergebracht und ist bis zum heutigen Tag erhalten. Die Waag steht mitten auf dem Nieuwmarkt und wurde 1488 als Stadttor, St. Antoniespoort genannt, erbaut. Später nutze die Stadt das Gebäude als Waage.

Anfänge in Bologna

Sektionen fanden nicht erst im 17. Jahrhundert statt. Sie gab es auch schon viel früher. Vor allem an Universitäten Italiens und Frankreichs wurden anatomische Sektionen vorgenommen. Die erste Sektion fand bereits Ende des 13. Jahrhunderts im italie- nischen Bologna statt. Anfang des 15. Jahrhunderts wurden sie auch an der Universität von Padua legalisiert. In Frankreich war es vor allem die Universität von Montpellier, an der schon früh Sektionen vorgenommen wurden. In der Regel durften nur hingerichtete Kriminelle seziert werden. Aber es gab auch Ausnahmen, zum Beispiel wenn man die Todesursache eines Verstorbenen klären wollte. Die früheste Darstellung einer Sektion findet sich in einer Schrift des französischen Arztes Guy de Chauliac (um 1300–1368). In diesem Werk handelt ein Teil speziell von der Anatomie. Wegweisend für die Anatomie der frühen Neuzeit wurde das Schaffen des deutschen Anatomen Andreas Vesal (1514–1564). Der in Padua lehrende Pro-fessor für Chirurgie und Anatomie führte öffentliche Sektionen durch und setzte sich die grundlegende Neuerforschung der Anatomie des Menschen zum Ziel. Im Jahre 1543 erschien in Basel sein großes Werk „De humani corporis fabrica liberi septem“, das erste vollständige Lehrbuch der mensch- lichen Anatomie. Vesals Buch brach end-gültig mit den anatomischen Lehren des antiken Arztes Galen, der sich nur mit der Anatomie von Tieren befasst hatte.

Einflussreicher Bürger

Dr. Nicolaes Tulp gehörte zu den wohlhabenden und einflussreichen Bürgern von Amsterdam. Es wird berichtet, dass er bei Festen seinen Gästen die neuen „Genuss- und Heilmittel“ Tee und Tabak anbot. Der angese- hene Arzt war 1621 in der Lage, mit seiner Familie das von ihm gebaute Haus in der prachtvollen Keizersgracht 210 (heute steht an dieser Stelle ein Bau, der um das Jahr 1709 entstand) zu beziehen. Noch heute kündet das Grachtenviertel in Amsterdam von dem großen Reichtum der damaligen Zeit.

Tulp spielte auch politisch eine Rolle in seiner Heimatstadt. 1622 bekleidete er erstmals ein öffentliches Amt. Er wurde in die sogenannte Vroedschap van Amsterdam gewählt. Diesem die Bürgermeister bera-tenden Gremium gehörten 36 Mitglieder auf Lebenszeit an. 1654, 1656, 1657 und 1671 ist Dr. Tulp einer der vier Bürgermeister von Amsterdam gewesen. Zeitweise fungierte er auch als Kämmerer der Stadt und übte das Amt eines Schöffen aus. In den Jahren 1663–1665 und erneut 1673 und 1674 vertrat Nicolaes Tulp im Rat der „Staten van Holland en West-Friesland“ in Den Haag die Interessen seiner Vaterstadt Amsterdam. Also in einer unruhigen Zeit für die Vereinigten Niederlande. 1672 hatte Ludwig XIV. von Frankreich die Niederlande überfallen. Zudem befand sich das Land nach zwei Kriegen nun in der dritten Aus- einandersetzung mit dem Königreich England, Schottland und Irland.

Fallbeschreibungen

In Dr. Tulps medizinischem Denken nahm die Anatomie eine herausragende Stellung ein. Er nennt sie „verus Medicinae oculus“. Ohne seine Sektionen wären Tulp viele seiner Beobachtungen nicht möglich gewesen. 1641 veröffentlichte er sein Werk „Obser- vationes medicae“. „Mit ihnen bringt Tulp eine umfängliche Sammlung medizinischer Fallbeschreibungen in die Öffentlichkeit, die, seit Anfang der (16)30er-Jahre zusammengetragen, größtenteils seiner eigenen ärztlichen Praxis entstammen. In 164 Hauptstücken, verteilt über drei Bücher und illustriert mit 14 Kupferstichen, entfalten die Tulpschen „Observationes“ eine Unzahl von Krankengeschichten in ihren jeweiligen Beschwerden und Befunden, ihren indivi-duellen Verläufen und Therapien, geben anatomische Beschreibungen und diätetische Hinweise.“ (in Claus Volkenandt: Rembrandt, Anatomie eines Bildes, Paderborn 2004, S. 80) 1652 erschien eine zweite erweiterte Auflage seiner Observationes. Nun umfasste das Werk ein Buch mehr mit 223 Hauptstücken und 18 Abbildungen. Kurz vor seinem Tod erschien 1672 noch eine dritte und leicht erweiterte Auflage seiner medizinischen Schrift.

Bei seiner medizinischen Forschung beschrieb er unter anderem den Harnblasen- und den Brustkrebs genau. Tulp konnte im Detail zwei Arten von wiederkehrenden Kopfschmerzen darstellen: die Migräne und vermutlich den Cluster-Kopfschmerz. Unabhängig von dem Basler Anatomen Caspar Bauhin (1560–1624) entdeckte Nicolaes Tulp die Ileozäkalklappe (Valva ileocaecalis), den funktionellen Verschluss zwischen Dick- und Dünndarm. Diese Klappe sezierte Tulp im Januar 1632 an der Leiche des Adriaen Adriaenszoon. In seinen „Observationes medicae“ schildet Tulp eingehend den Bau, die Anlage und die Funktion der Valva ilocaecalis. „Dieser Abstieg Tulps in die innere Körperwelt und seine in der Beschreibung festgehaltenen Ergebnisse erfüllen zugleich selbst in eindrücklicher Weise den von ihrem Autor formulierten Kanon anatomischen Verhaltens.“ (in Claus Volkenandt: Rembrandt, S. 96)

Maßstab für Arzneibücher

Zwischen 1635/36 tat sich Nicolaes Tulp als Reformer des Amsterdamer Apothekenwesens hervor, das erhebliche Mängel aufwies. Auslöser dafür war eine Pestepidemie, die 1635 Amsterdam heimgesucht und mehr als 17 000 Todesopfer gefordert hatte. 1636 erschien sein Werk „Pharmacopoea Amstelredamensis“. Es wurde zum Standardwerk der Pharmazie und Maßstab für nachfolgende niederländische Arznei-bücher. Die Schrift verzeichnete alle offiziellen Arzneien mit den Vorschriften für ihre Herstellung, Inhaltsstoffe und Anwendung.

Mit der Gründung des ständigen Collegium medicum im Jahre 1638 wurde ein Gremium geschaffen, in dem Ärzte und Apotheker enger zusammenarbeiteten. Das Collegium prüfte Diplome ausländischer Ärzte und überwachte die Examinierung von Chirurgen, Hebammen und Apothekern. In der Initiative zur Reform des Pharmaziewesens in Amsterdam wird das Zusammenspiel zwischen dem Mediziner und dem öffentlichen Amtsträger Tulp, der sich um das Wohl der Bürger sorgt, deutlich.

Während der Ausübung seines Amtes als Vertreter der Stadt Amsterdam im Rat der „Staten van Holland en West-Friesland“ starb Dr. Tulp am 12. September 1674 im 81. Lebensjahr in Den Haag. Er wurde am 18. September in der Nieuwe Kerk in Amsterdam beigesetzt und dort mit einem Epitaph geehrt.

Kay Lutze
Lievenstraße 13
40724 Hilden
kaylutze@ish.de



Mehr zum Thema


Anzeige