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16.08.11 / 00:11
Heft 16/2011 Zahnmedizin
Aus der Praxis Für die Praxis

Ein besonderes Behandlungskonzept

Schmerzen im Bewegungsapparat sind für Zahnärzte an der Tagesordnung und „gehören leider einfach zum Berufsleben dazu“, denken viele. Nicht selten führen diese sogar zur Berufsunfähigkeit. Ein besonderes Konzept schult den Behandler, seinen Rücken physiologisch zu bewegen und betreibt somit frühzeitig Haltungsprophylaxe.




Die Zahl der deutschen, zahnärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen belief sich im Jahr 2008 auf 66 300. Statistiken besagen, dass 70 Prozent bis 75 Prozent der Zahnärzte mit mehr oder weniger starken Schmerzen arbeiten, das ergibt 49 725 Schmerzfälle, die aber nicht ausschließlich durch Fehlhaltungen bedingt sind. zm-online spricht von 7,55 Prozent (5 000 Kollegen) Zahn-ärzten, die während der Lebensarbeitszeit berufsunfähig werden. 49 725 Kollegen ihre Schmerzen und 5 000 Kollegen eine even-tuelle Berufsunfähigkeit zu ersparen – das wäre ein Grund, neben der Aufklärung über Allergien und Stressbekämpfung in der zahnärztlichen Praxis auch zahnärztliche Ergonomie an den Hochschulen zu lehren. Doch ergonomische Erkenntnisse präventiv zu nutzen, scheint unakademisch, wenigstens in der Zahnmedizin. Ergonomie wird für viele eben erst dann wichtig, wenn es schmerzt.

Problemstellung

Zu Beginn der klinischen Semester hat jeder Zahnmedizinstudent genaue Vorstellungen von der Form einer korrekten Kavität oder einer auszuführenden Behandlung. Das Bild im Kopf wird zwar fachlich richtig auf den Patienten übertragen, jedoch in einer Arbeitshaltung, die während der Lebensarbeitszeit mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu Gesundheitsschäden führt. Um dem entgegenzuwirken, hat G EPEC (siehe Kasten) eine Systematik ent-wickelt, die die Geschicklichkeit verbessert und die Wirbelsäule während der Behandlung vor Fehlbelastungen schützt. Auf der Basis von Proprioception und Schwerkraft definiert GEPEC zahnärztliche Behandlung, zahnärztliche Instrumente und das zahnärztliche Umfeld neu.

Schwerkraft und Eigenwahrnehmung

Die Auswirkung der Schwerkraft auf Haltung und Bewegung ist universell. Hand in Hand mit der Schwerkraftwirkung geht die Anwendung des Naturgesetzes „Physikalische Systeme suchen immer den niedrigsten Energieaufwand“. Aus diesen Erkenntnissen heraus gilt es, schwerkraftkongruente Haltungen und Arbeitsbewegungen für zahnärztliche Behandlungen abzuleiten.

Jeder Mensch hat die angeborene Fähigkeit, die eigene Haltung und seine Bewegungen mithilfe von spezifischen Rezeptoren (Proprioceptoren) zu erkennen, und zu bewerten, ob diese schwerkraftkongruent oder schwerkraftinkongruent sind (Proprioception). Danach kann er entscheiden (proprioceptive decision), andere, der Arbeitsaufgabe besser entsprechende Haltungen beziehungsweise Bewegungen abzuleiten (proprioceptive derivation). So kann man beurteilen, ob die Stellung eines Gelenks oder die Anspannung unterschiedlichster Muskelgruppen über längere Zeit schädigend sein könnten.

Zahnärztliche Arbeitshaltung

Der Einfluss von Schwerkraft und Eigenwahrnehmung auf die zahnärztliche Arbeitshaltung ist groß. Denn die Menschen sind von Urzeiten her Jäger und Sammler und nicht für statische, sitzende Arbeitshaltungen „konstruiert“. Jede statische Haltung schädigt auf Dauer das Muskel-Skelett-System. Ein gutes Beispiel hierfür sind Menschen, die am Computer oder an der zahnärztlichen Einheit arbeiten. Proprioceptive Analysen ergeben, dass diejenige sitzende Arbeitshaltung am ermüdungsärmsten ist, bei der das Körpergewicht gleichmäßig zwischen den Sitzhöckern und den Fußauflagepunkten (Druck = Kraft/Fläche) verteilt ist und bei der sich Hüftgelenkskopf und Hüftgelenkspfanne in der neutralen Position befinden. Dabei wird das Becken durch eine Kreuzbeinstütze in einer ventralen Position gehalten. Die Wirbelsäule ist zwischen der dorsalen und der ventralen Muskulatur ausbalanciert. Die Schultern hängen locker. Der Kopf ist wie beim Lesen entspannt nach vorne geneigt. Die arbeitenden Finger kommen dann im optimalen Sehabstand und in der mediansagittalen Ebene zu liegen. Nicht schwer ist, diese Haltung einzunehmen. Aber es gibt bis jetzt keine Behandlungssystematik, die überzeugend lehrt, wie diese für alle zahnärztlichen Behandlungen optimale Arbeitshaltung beibehalten werden kann!

Fingerbewegung und Arbeitshöhe

Die Arbeitshöhe ist immer abhängig vom Sehabstand in der Mediansagittalen und befindet sich in Herzhöhe. Dort kann das Gewicht von Hand und Instrument entsprechend der Hebelgesetze mit minimaler Muskelkraft über längere Zeit ermüdungsarm gehalten werden. Aus diesem Grund ist in Herzhöhe die Bewegungsgeschicklichkeit der Finger am größten.

Die einfachste Bewegung der Finger in Herzhöhe ist eine Flexionsbewegung. Sie kann an allen zu behandelnden Zahnflächen unter Berücksichtigung der fünf Bewegungsebenen angewandt werden: Je nach zu behandelnder Fläche sitzt der Zahnarzt zwischen 12 Uhr und 10 Uhr, wird der Patientenkopf nach rechts oder links, nach oben oder unten gelagert.

Abbildung 7) auch aus einer guten Haltung heraus behandelt warden

Die neue Methode

Von GEPEC autorisierte Instruktoren vermitteln weltweit Zahnärzten die Fähigkeit, mit minimaler Ermüdung, mit maximaler Geschicklichkeit und unter Schonung der Wirbelsäule, allein und mit Assistenz zu behandeln.

Das Durchschnittsalter der Kursteilnehmer in den USA und in Deutschland liegt bei knapp unter 40 Jahren, das heißt, die Kollegen haben das starke Bedürfnis nach durchschnittlich 15 Berufsjahren mit meist falscher Haltung und zunehmenden Beschwerden ihren Behandlungsstil zu ändern und umzutrainieren.

Vorteile durch GEPEC

Die Methode unterscheidet sich von anderen Ergonomiekonzepten dadurch, dass sie speziell aus den physiologischen Gegebenheiten von Haltung und Bewegung bei der zahnärztlichen Arbeit abgeleitet wurde. So bekämpft sie gezielt die typisch zahnärztlichen orthopädischen Beschwerden. Die Vorteile sind vielfältig:

• Der Arbeitsplatz wird so gestaltet, dass weder Vermeidungsbewegungen noch Vermeidungshaltungen durch das zahnärztliche Umfeld ausgelöst werden.

• Der Zahnarzt arbeitet symmetrisch mit oder ohne Assistenz. Der Patientenkopf liegt immer in der Mediansagittalebene des Zahnarztes, im optimalen Sehabstand bei horizontaler Bipupillarlinie und dort, wo die Finger am Geschicktesten sind.

• Eine Kontamination durch Handbedienung der Aggregate wird durch Fußbedienung weitgehend verhindert. Außer der Höhenanpassung des Patientenkopfes sind keine weiteren Einstellbewegungen notwendig. Die Bedienteile werden mit dem Fußanlasser bedient.

• Alle Arbeitsgeräte können mit einfachsten Bewegungen angereicht werden. Dadurch wird die Absaug- und Assistenztechnik vereinfacht.

• Die Grifftechnik erlaubt eine leichte Instrumentenführung im Patientenmund bei kontrollierter, objektnaher Mittelfingerabstützung.

• Die Sichttechnik ermöglicht ein harmonisches Zusammenspiel von einfachsten Arbeitsbewegungen und ermüdungsarmer Arbeitshaltung.

• Es herrscht maximale Bewegungsfreiheit. Zahnarzt, Zahnarzthelferin und Patient können die Behandlungsanordnung verlassen und sich wieder einordnen, ohne dass etwas verstellt werden muss.

• Die spezielle Patientenlagerung, die Griffund die Sichttechnik sind ebenso optimal für ein stressfreies Arbeiten mit dem Operationsmikroskop.

Am ehesten geeignet, diese Behandlungsmethode zu verwirklichen, sind zahnärztliche Einheiten, die eine Hinterkopfbehandlung erlauben (12 Uhr).

Dr. med. dent Wolf Neddermeyer
Certified GEPEC-Instructor
Theodorenstr.14 b, 65189 Wiesbaden
wolfn@hotmail.com


INFO

GEPEC

Die Abkürzung GEPEC (Global Engineering, Promotion and Education Collaborative) ist eine Non-profit- Organisation (NPO) mit Verantwortlichen in Asien, Nordamerika und Europa und wurde auf Initiative des amerikanischen Zahnarztes Dr. Daryl Beach ins Leben gerufen. GEPEC möchte weltweit zahnmedizinische Fakultäten für ein Konzept interessieren, das logisch, referentiell, global gültig, umfassend, leicht lehr- und erlernbar ist, die Geschicklichkeit verbessert und Haltungsschäden verhindert.



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