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01.12.08 / 00:07
Heft 23/2008 Gesellschaft
Wilhelm Busch und die Zahnmedizin

Ein einfühlsamer Sachkenner

Wilhelm Busch – wer kennt ihn nicht als genialen Zeichner und Dichter und als Erschaffer so berühmter Figuren wie Max und Moritz oder der frommen Helene? Doch Busch war noch mehr, nämlich heimlicher Maler, treffsicherer Epigrammatiker und empfindsamer Lyriker. Was kaum bekannt ist: Eine Betrachtung seines Werks erscheint auch aus medizinischer Sicht lohnend. Hier eine spezielle Analyse zahnmedizinischer Inhalte, die in den Kontext des damaligen historischen Entwicklungsstandes gesetzt sind. Eine Betrachtung zum Abschluss des Busch-Gedenkjahrs anlässlich seines 100. Todestages.




Die herausragende Leistung Wilhelm Buschs sind seine gesellschaftskritischen, die menschlichen Schwächen geißelnden Bildergeschichten. Sie weisen ihn als Jahrhunderttalent aus und gelten als Urform des modernen Comics [Neyer und Mitarbeiter 2007]. Mit kühlem, analytischem Blick nimmt er Spießbürger seines vorwiegend ländlichen Umfeldes, ungezogene Kinder, prügelnde Eheleute, Tierquäler und viele andere aufs Korn. Dabei schreckt er nicht vor Brutalitäten zurück: „Max und Moritz“ werden in der Mühle zermahlen, die „Fromme Helene“ erleidet betrunken den Verbrennungstod; andere Figuren seiner „Comics“ werden in die Luft gesprengt, plattgewalzt, geköpft oder stranguliert.

Dieselben Effekte begegnen uns heute in einzelnen Zeichentrickfilmen und provozierenden MTV-Shows. Die Darstellung körperlicher Schmerzen bei anderen erzeugt eine gewisse Angstlust. Die Komik Wilhelm Buschs setzt oft auf Schadenfreude. Diese bösartige Form des Humors könnte möglicherweise auf eine negative Erfahrung in seiner Kindheit zurückgehen: die frühzeitige Trennung vom Elternhaus. Die Streiche, die Wilhelm Busch gemeinsam mit seinem Freund Erich Bassermann seinem Onkel gelegentlich spielte, dienten als Vorbild für sein berühmtestes Werk „Max und Moritz“ (Abbildung 2a, b).

Einzelgänger

Wilhelm Busch war ein Einzelgänger mit pessimistischen Zügen: „Ich bin Pessimist für die Gegenwart / aber Optimist für die Zukunft.“ Er rauchte so stark, dass er 1881 eine Nikotinvergiftung erlitt: „Drei Wochen war der Frosch so krank / jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank.“ Zudem war er ein gemütvoller Zecher, der gern Alkohol in Maßen zu sich nahm: „Rotwein ist für alte Knaben / eine von den besten Gaben.“ Sein Nachlass lässt nur wenige Rückschlüsse auf die eigene Persönlichkeit zu, da er vor seinem Tode alle privat an ihn gerichteten Briefe vernichtete. Auch Tagebücher sind nicht überliefert. Einzelne Kritiker werfen Wilhelm Busch Sadismus, Antisemitismus und Frauenhass vor, wobei sie außer Acht lassen, dass er seine Umwelt durch Übertreibungen karikiert.

Im Alter von 52 Jahren – auf dem Höhepunkt seiner Popularität – stellte Busch das Schreiben seiner Bildergeschichten ein. Inzwischen finanziell abgesichert, wollte er jetzt seinen Neigungen nachgehen. Zudem war Wilhelm Busch der Ansicht, dass eine weitere Steigerung seines karikaturistischen Schaffens nicht möglich sei, wozu auch die sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beitrugen.

Wilhelm Busch widmete sich im letzten Drittel seines Lebens philosophischen Betrachtungen und legte seine Gedanken über die Gesetzmäßigkeiten von Mensch, Natur und Leben in Versform nieder. Dies erfolgte zum Teil in Form von Epigrammen (A. Bienengräber 1991 – siehe Kasten). Zumeist erschienen sie posthum, da Wilhelm Busch ihre Veröffentlichung zurückhielt. Offenbar wollte er der Nachwelt vornehmlich als genialer Schöpfer seiner satirischen Bildergeschichten in Erinnerung bleiben.

Daneben schuf Wilhelm Busch lyrische Gedichtesammlungen wie „Sein und Sein“ und „Zu guter Letzt“, darunter findet sich auch Liebeslyrik, zum Beispiel „Kritik des Herzens“.

Mehr als 1 000 Ölgemälde

Von 1851 bis 1898 widmete sich Wilhelm Busch kontinuierlich der Malerei und hinterließ mehr als 1 000 Ölgemälde. Seine Motive waren vielfach Landschaften, aber auch Personen aus seinem Umfeld. Zunächst huldigte er dem niederländischen Genre (Abbildung 3), später wandte er sich dem Impressionismus mit Tendenz zur Moderne zu (Abbildungen 4 und 5). Da Wilhelm Busch der Auffassung war, kein herausragendes Talent als Maler zu besitzen, malte er heimlich und verfügte, seine Gemälde erst nach seinem Tode der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Insgesamt handelt es sich somit um ein außerordentlich vielseitiges künstlerisches Lebenswerk, das er der Nachwelt hinterlassen hat.

Medizin nimmt breiten Raum ein

Die Darstellung von Erkrankungen – teilweise mit Todesfolge – nehmen im Werk Buschs einen breiten Raum ein und werden zeitbezogen mit großer Sachkenntnis und mit viel Einfühlungsvermögen darstellt. Das verwundert nicht, waren doch sein Großvater Arzt und seine Mutter eine Arztwitwe, die in zweiter Ehe Wilhelm Buschs Vater heiratete.

Wie aktuelle Publikationen [Behr, 2002; Nizze, 2007] belegen, wecken medizinische Aspekte im Schaffen des Künstlers bis heute das Interesse von Fachvertretern. Bereits 1990 analysierte Alexander Bienengräber (der Vater des Verfassers) diese nach ätiopathologischen Kriterien und kommentierte sie in Versform.

Busch berücksichtige wichtige Erkrankungsgruppen der heutigen Krankheitslehre (siehe Tabelle). Wolfgang Remmele verfasste gar 2003 ein Kurzlehrbuch der Pathologie in Versform, unterlegt von Skizzen nach dem Vorbild der Bildergeschichten Wilhelm Buschs.

Darüber hinaus kommentierte Wilhelm Busch die Tätigkeit von Ärzten, Zahnärzten und Apothekern sowie einer Hebamme in seinen Werken teils nachdenklich und teils witzig-ironisch, was Ulrich Gehre [2007] näher ausgeführt hat.

Aspekte der Zahnmedizin

Themen aus der Zahnheilkunde erörtert Wilhelm Busch in den zwei Bildergeschichten „Balduin Bählamm“ und „Der hohle Zahn“ ausführlich, wobei der Zahnschmerz als Kardinalsymptom von Zahnerkrankungen im Mittelpunkt steht.

Da zu seinen Lebzeiten keine systematische zahnärztliche Betreuung der Bevölkerung erfolgte, suchte der Durchschnittspatient den Zahnarzt nur beim Auftreten von Schmerzen auf, wobei aufgrund der fortgeschrittenen Schädigung des betroffenen Zahnes und der begrenzten Behandlungsmöglichkeiten in der Regel eine Extraktion vorgenommen wurde.

In „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ beschreibt Wilhelm Busch im achten Kapitel sehr treffend heftige, vermutlich durch eine akute Pulpitis hervorgerufene Zahnschmerzen. Initial schildert der Dichter ausführlich die psychischen Auswirkungen des Zahnschmerzes, der höchste Intensität erlangen kann, was bei längerem Andauern dazu führt, dass dem Betroffenen alles gleichgültig wird. Er verfolgt lediglich einen Gedanken, nämlich diesen Schmerz so schnell wie möglich und um jeden Preis los zu werden. Dabei ist ihm der Verlust des verursachenden Zahnes nebensächlich und viele Dinge des täglichen Lebens erscheinen ihm plötzlich unbedeutend. Ein typisches Beispiel für eine psychosomatische Fernwirkung auf den Gesamtorganismus, was der Dichter folgendermaßen darstellt:

Das Zahnweh subjektiv genommen,
Ist ohne Zweifel unwillkommen;
Doch hat‘s die gute Eigenschaft,
Daß sich dabei die Lebenskraft,
Die man nach außen oft verschwendet,
Auf einen Punkt nach innen wendet
Und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
Kaum fühlt man das bekannte Bohren,
Das Rucken, Zucken und Rumoren –
Und aus ist‘s mit der Weltgeschichte,
Vergessen sind die Kursberichte,
Die Steuern und das Einmaleins,
Kurz, jede Form gewohnten Seins,
Die sonst real erscheint und wichtig,
Wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet –
Man weiß nicht, was die Butter kostet –
Denn einzig in der engen Höhle
Des Backenzahnes weilt die Seele,
Und unter Toben und Gesaus
Reift der Entschluß: Er muß heraus!!

Es erfolgt die Schilderung der näheren Umstände des „Zahnarzt“-Besuches. Erst nachdem der Erkrankte eine Nacht mit starken Zahnschmerzen durchlitten hat, konsultiert er den Zahnbehandler am frühen Morgen. Obwohl der Patient ihn noch schlafend antrifft, ist dieser ohne Murren sofort dienstbereit und begrüßt den Patienten freundlich. Der Dichter unterstellt dem Behandler die ethisch bedenkliche Einstellung, dass ihn das Unglück des Patienten heiter stimme, vermutlich weil es den Praxisumsatz steigert.

Nachdem der verängstigte Patient im recht einfachen „Behandlungsstuhl“ Platz genommen hat, stellt der Zahnbehandler nach Inspektion der Mundhöhle bei Kerzenlicht schnell die richtige Diagnose „akute Pulpitis“ und schreitet sofort ohne Anästhesie zur Extraktionstherapie. Diese nimmt er mit einem so genannten Haken – vermutlich einem Zahnschlüssel – sehr zügig vor, um die Schmerzdauer möglichst gering zu halten. Hinter dem Patienten stehend stützt er sich dabei mit voller Körperkraft auf dessen linker Schulter ab.

Nach zwei vergeblichen Versuchen gelingt es ihm, den Seitenzahn im rechten Unterkiefer, der wahrscheinlich eine abgewinkelte Wurzel hat, zu entfernen. Es ist nicht auszuschließen, dass ein frakturierter Wurzelrest zurückblieb, da der Behandler viel Kraft einsetzte und den Zahn nicht auf Vollständigkeit prüfte. Nach Einforderung eines Honorars gemäß der damaligen „Gebührenordnung“ verabschiedet er den Patienten freundlich. – Wilhelm Busch vermittelt das so (Abbildungen 7 a und b):

Noch eh‘ der neue Tag erschien,
War Bählamm auch so weit gediehn.
Er steht und läutet äußerst schnelle
An Doktor Schmurzel seiner Schelle.
Der Doktor wird von diesem Lärme
Emporgeschreckt aus seiner Wärme.
Indessen kränkt ihn das nicht weiter,
Ein Unglück stimmt ihn immer heiter.
Er ruft: „Sei mir gegrüßt, mein Lieber!
Lehnt Euch gefälligst hinten über!
Gleich kennen wir den Fall genauer!
(Der Finger schmeckt ein wenig sauer.)
„Nun stützt das Haupt auf diese Lehne
Und denkt derweil an alles Schöne!
Holupp!!
Wie ist es? Habt Ihr nichts gespürt?
Ich glaub, es hat sich was gerührt?
Da dies der Fall, so gratulier ich!
Die Sache ist nicht weiter schwierig!
Holupp!!!
Vergebens ist die Kraftentfaltung;
Der Zahn verharrt in seiner Haltung.
„Hab‘s mir gedacht!“ sprach
Doktor Schmurzel,
„Das Hindernis liegt in der Wurzel.
Ich bitte bloß um drei Mark zehn!
Recht gute Nacht! Auf Wiedersehn!“

Wie im neunten Kapitel geschildert, tritt beim Patienten Blählamm als Komplikation post extractionem eine Wangenschwellung auf. Er reist vorzeitig ab, da er genug vom Landleben und der Behandlung des „Doktor“ Schmurzel hat. Es kommt nach Einhalten von Bettruhe und unter häuslicher Pflege zu einer Spontanheilung. Wilhelm Busch fasst das wie folgt zusammen (Abbildung 7 c):

Die Backe schwillt. – Die Träne quillt.
Ein Tuch umrahmt das Jammerbild.
Verhaßt ist ihm die Ländlichkeit
Mit Rieken ihrer Schändlichkeit,
Mit Doktor Schmurzels Chirurgie,
Mit Bäumen, Kräutern, Mensch und Vieh,
Und schmerzlich dringend mahnt die Backe:
Oh, kehre heim! Doch vorher packe!
...
 
Mit dicker Backe, wehem Zahn,
Rollt er dahin per Eisenbahn
Der Heimat zu und trifft um neun
Präzise auf dem Bahnhof ein.
...
Sofort legt Bählamm sich zur Ruh.
Die Hand der Gattin deckt in zu.
Der Backe Schwulst verdünnert sich;
Sanft naht der Schlaf, der Schmerz entwich,
Und vor dem innern Seelenraum
Erscheint ein lockend süßer Traum.

Eine kürzere Darstellung Wilhelm Buschs aus dem Münchner Bilderbogen trägt den Titel „Der hohle Zahn“. Der gangränose Zahn wies offenbar eine Öffnung zur Mundhöhle auf, die vermutlich durch einen Nahrungsmittelrest akut verlegt wurde. Durch den Exsudatstau treten beim Betroffenen plötzlich heftige Zahnschmerzen auf, die denen bei einer Pulpitis an Intensität nicht nachstehen. Einfache Hausmittel, von denen der Patient eine ganze Reihe vergeblich ausprobiert, sind absolut unwirksam. Der von heftigen Zahnschmerzen Gequälte wird unleidig und schließlich aggressiv, so dass er seine Ehefrau völlig unbegründet tätlich angreift. Hier zeigt sich, dass Schmerzen die Psyche jedes Einzelnen in unterschiedlicher Weise beeinflussen können. Wilhelm Busch stellt das wie folgt dar (Abbildung 8 a):

Oftmalen bringt ein harter Brocken
Des Mahles Freude sehr zum Stocken.
So geht‘s nun auch dem Friedrich Kracke;
Er sitzt ganz krumm und hält die Backe.
Um seine Ruhe ist‘s getan;
Er biß sich auf den hohlen Zahn.
Nun sagt man zwar: Es hilft der Rauch!
Und Friedrich Kracke tut es auch;
Allein schon treiben ihn die Nöten,
Mit Schnaps des Zahnes Nerv zu töten.
Er taucht den Kopf mitsamt dem Übel
In einen kalten Wasserkübel.
Jedoch das Übel will nicht weichen,
Auf andre Art will er‘s erreichen.
Umsonst! – Er schlägt, vom Schmerz
bedrängt,
Die Frau, die einzuheizen denkt.
Auch zieht ein Pflaster hinterm Ohr
Die Schmerzen leider nicht hervor.
„Vielleicht“ – so denkt er –
„wird das Schwitzen
Möglicherweise etwas nützen“.
Indes die Hitze wird zu groß,
Er strampelt sich schon wieder los;
Und zappelnd mit den Beinen
Hört man ihn bitter weinen.
Jetzt sucht er unterm Bette
Umsonst die Ruhestätte.


Wiederum beschreibt Wilhelm Busch den „Zahnarzt“-Besuch näher. Auch dieser Patient entschließt sich erst zur Notkonsultation, nachdem sämtliche Hausmittel versagt haben. Offenbar scheut er die Schmerzhaftigkeit und möglicherweise auch die Kosten der Behandlung. Der Zahnbehandler begrüßt den Patienten in seiner sehr spartanisch eingerichteten Praxis mit einem einfachen Hocker als Behandlungsstuhl. Auch dieser Kollege erfasst sofort die Diagnose. Schnell geht er zur Zahnextraktion über, wobei es sich offenbar um einen Zahn im rechten Oberkiefer handelt. Vor dem Patienten stehend geht der Zahnarzt ohne Anästhesie sehr zügig und mit großer Kraftentfaltung vor, wobei der Patient vom Behandlungsstuhl auf den Boden fällt. Bei dem zeichnerisch gut dargestellten Extraktionsinstrument handelt es sich nicht um eine Zange, sondern um einen Zahnschlüssel mit quer ansetzendem Handgriff. Der Patient ist unmittelbar nach dieser rigorosen, aber dennoch komplikationslosen Zahnentfernung schmerzfrei. Seine Stimmung bessert sich schlagartig und er kann sein Abendessen ungestört fortsetzen. Deshalb honoriert er den Behandler gern. Wilhelm Busch schildert das folgendermaßen (Abbildungen 8 b bis f):

Zuletzt fällt ihm der Doktor ein.
Er klopft. – Der Doktor ruft: „Herein!“
„Ei, guten Tag, mein lieber Kracke,
Nehmt Platz! Was ist denn mit der Backe?
Laßt sehn! Ja, ja! Das glaub ich wohl!
Der ist ja in der Wurzel hohl!“
Nun geht der Doktor still beiseit.
Der Bauer ist nicht sehr erfreut.
Und lächelnd kehrt der Doktor wieder,
Dem Bauern fährt es durch die Glieder.
Ach, wie erschrak er, als er da
Den wohlbekannten Haken sah!
Der Doktor ruhig und besonnen,
Hat schon bereits sein Werk begonnen.
Und unbewußt nach oben
Fühlt Kracke sich gehoben.
Und – rack! – da haben wir den Zahn,
Der so abscheulich weh getan!
Mit Staunen und voll Heiterkeit
Sieht Kracke sich vom Schmerz befreit.
Der Doktor, würdig wie er war,
Nimmt in Empfang sein Honorar.
Und Friedrich Kracke setzt sich wieder
Vergnügt zum Abendessen nieder.
 

Entwicklungsstand der Zahnheilkunde

Nach der Darstellung beider Behandlungsfälle soll der Entwicklungsstand der Zahnheilkunde in der Zeit von 1859 bis 1884, in welcher Wilhelm Buschs Bildergeschichten entstanden, betrachtet werden. Zugleich wird der Frage nachgegangen, ob eine für die Patienten schonendere beziehungsweise eine zahnerhaltende Therapie möglich gewesen wäre.

Anatomisch an die Zahnform angepasste Zahnzangen wurden bereits 1841 von John Tomes entwickelt. Sie fanden erst allmählich allgemeine Verbreitung und waren im ländlich-kleinbürgerlichen Milieu, in dem sich die Handlungen abspielen, offenbar bis 1884 noch nicht verfügbar. Vielmehr benutzte man noch immer den bereits im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Zahnschlüssel (auch als Haken bezeichnet), wie es die Darstellungen Wilhelm Busch‘s belegen (Abbildung 9). Zahnentfernungen unter Lachgas-Analgesie [Horace Wells, 1844)]beziehungsweise in Äthernarkose [Thomas Green Morton, 1846] waren bereits erfolgreich durchgeführt worden. Der dazu erforderliche apparative Aufwand war jedoch zu groß und zu kostenaufwändig, um in der ambulanten Praxis Verbreitung zu finden. Als erstes Lokalanästhetikum wurde Kokain 1884 durch William Stewart Hallstedt im Unterkiefer eingesetzt und war somit zur Zeit der analysierten Bildergeschichten noch nicht verfügbar [Strübing, 1989]. So mussten Bählamm und Kracke die Zahnextraktionen ohne Betäubung über sich ergehen lassen.

Bei der akuten Pulpitis (Bählamm) wäre als konservative Therapie eine Devitalisation des Zahnes mit anschließender endodontischer Behandlung in Frage gekommen. Im zweiten Fall – der Pulpagangrän mit akuter Verlegung des Exsudatabflusses (Kracke) – wäre eine Trepanation des Zahnes mit nachfolgender Desinfektion des Endodonts und Wurzelbehandlung die Alternative gewesen. Während die Pulpadevitalisation mittels Arsen bereits 1836 von John Roach Spooner beschrieben wurde und zwei Jahre später Edwin Maynard die erste Exstirpationsnadel entwickelte, wurden erste klinisch brauchbare endodontischen Therapieverfahren erst 1886 durch Anton Witzel publiziert [Strübing 1989]. So war in beiden Fällen nicht zu erwarten, dass bereits eine solche Therapie erfolgt wäre.

Die Indikation zur Zahnextraktion aufgrund des damaligen therapeutischen Spektrums wurde somit in beiden Fällen richtiggestellt. Schonender unter Analgesie beziehungsweise Anästhesie sowie Anwendung anatomisch geformter Zahnzangen wäre sie nur unter klinischen Kautelen möglich gewesen, was vor 125 bis 150 Jahren nur wenigen privilegierten Patienten vergönnt war.

Die Zahnbehandler bei Wilhelm Busch – wohlwollend als Doktoren bezeichnet – dürften keine studierten Zahnärzte gewesen sein, da noch die Reichsgewerbeordnung von 1869 galt, die Kurierfreiheit vorsah, das heißt die Ausübung der Zahnheilkunde ohne Qualifikationsnachweis ermöglichte. Zudem wurde das erste zahnärztliche Universitätsinstitut in Deutschland erst 1884 in Berlin eröffnet. Zwar wurden bereits zuvor an einigen deutschen Universitäten einzelne Zahnmedizin-Studierende an den Philosophischen Fakultäten immatrikuliert und in Zahnarztpraxen praktisch ausgebildet. Bis 1884 wurden diese wenigen akademisch ausgebildeten Zahnärzte in der zahnärztlichen Versorgung der Bevölkerung kaum wirksam.

Fazit

Wilhelm Busch hat in zwei seiner Bildergeschichten „Balduin Bählamm“ und „Der hohle Zahn“ zahnmedizinische Krankheitsbilder einschließlich ihrer Begleitumstände in Strichzeichnungen und Versen so genial und treffend darstellt, dass daraus grundlegende diagnostische und therapeutische Rückschlüsse abgeleitet werden können. Sie sind zugleich ein Indiz dafür, welche enorme Entwicklung die Zahnheilkunde in den letzten eineinhalb Jahrhunderten genommen hat.

Dr. med. Dr. med dent. Volker Bienengräber
Prof. i. R. für Experimentelle Zahnheilkunde
an der Universität Rostock
Stülower Weg 13 a
18209 Bad Doberan
 
Der Autor ist Mitglied des Arbeitskreises Geschichte der Zahnheilkunde der DGZMK, einer Interessengemeinschaft von Zahnärzten und Wissenschaftlern, die sich mit der Geschichte der Zahnheilkunde befassen.
Kontakt:
E-mail: volker.bienengraeber@uni-rostock.de,
Tel:. 038203 42802, Fax: 038203 779817
Kontakt zur Vorsitzenden des Arbeitskreises,
Dr. Wibke Merten: wknoener@web.de

INFO

Epigramme

Geburt

... nach längerem Verborgensein

Ans Licht der Welt, sich zu erfreun.

Schule und Ausbildung

Also lautet ein Beschluß,

Dass der Mensch was lernen muß

Berufseinstieg

... fragt sich dann: Was nun?

Wer leben will, der muss was tun!

Beruf und Ansehen

Nur Rührig- und Betriebsamkeit

Ist das, was hohen Wert verleiht.

Erwartungen im Leben

Wo man am meisten drauf erpicht,

Grad‘ das bekommt man meistens nicht.

Glück und Materielles

Ach reines Glück genießt doch nie

Wer zahlen soll und weiß nicht wie.

 


Ätiopathologische Klassifikation der Erkrankungen im Werk Wilhelm Buschs (nach A. Bienengräber 1990)
Erkrankungen im Werk Wilhelm Buschs
Ursachenkomplex Spezielle Erkrankung Betroffene Person Werk
Akuter natürlicher Tod Scheintod
Schocktod
Madame Sauerbrot Tobias Knopp, Teil 1
Tobias Knopp, Teil 1
Sauerbrot
Physikalische Reize Verbrennung
Erfrierung
Lehrer Lämpel
Meister Zwiel
Max und Moritz
Die Haarbeutel
Intoxikationen und Anoxie Säureverätzung
Erstickung
Jungfer Grete Ladenjüngling Fritze Die Haarbeutel
Die Haarbeutel
Entzündungs-symptomatik Entzündung, Wange N. N.
Asket Knopp
Helene
Die Backpfeife
Störungen via Magen-Darm-Trakt Unterernährung
Völlerei
Alkoholabusus
Der Asket
Tobias Knopp, Teil 1
Die fromme Helene
Rheumatismus und Gicht Akutes Gelenkrheuma Akuter Gichtanfall Carolus Magnus
Carolus Magnus
Eginhard und Emma Eginhard und Emma
Zahnmedizinische Erkrankungen Akute Pulpitis
Pulpagangrän
Bählamm Kracke Balduin Bählamm
Der hohle Zahn

INFO

Wilhelm Busch – eine Kurzbiographie

Wilhelm Busch wurde am 15. April 1832 in Wiedensahl, einem kleinen Dorf westlich von Hannover, als Sohn eines Krämers geboren. Er war ältestes von sieben Geschwistern und besuchte die örtliche Elementarschule bis zum neunten Lebensjahr. Da es zu Hause zu eng war, übergaben die Eltern ihn danach seinem Onkel, Georg Kleine, der Pfarrer in Ebergötzen bei Göttingen war, und seinem Neffen Privatunterricht erteilte. Hier lehrte Wilhelm Busch Erich Bachmann kennen, den Sohn des Müllers, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Auf Wunsch des Vaters nahm Wilhelm Busch 1847 ein Maschinenbaustudium am Polytechnikum in Hannover auf, was jedoch nicht seinen Neigungen entsprach. So wechselte Wilhelm Busch 1851 an die Kunstakademie in Düsseldorf, um sich als Maler ausbilden zu lassen. Da ihm der dortige akademische Betrieb missfiel, ging er ein Jahr später an die Akademie für schöne Künste in Antwerpen. Die Werke der niederländischen Meister des 16. und 17. Jahrhunderts übten einen nachhaltigen Einfluss auf ihn aus. 1853 erkrankte Wilhelm Busch an Typhus und kehrte zur Genesung in sein Elternhaus zurück. Hier begann er Volkslieder, Sagen und Märchen zu sammeln.

1854 ging Busch an die Akademie der bildenden Künste in München und schloss sich dem Künstlerverein „Jung-München“ an. Seit 1859 arbeitete er für die humoristischen Zeitschriften „Fliegenden Blätter“ und „Münchner Bilderbogen“, denen er zahlreiche Zeichnungen und Gedichte lieferte. 1865 veröffentlichte Wilhelm Busch die erste seiner Bildergeschichten „Max und Moritz“, die ihn innerhalb weniger Jahre berühmt machte. Es folgten weitere. Seine letzte Bildergeschichte „Maler Klecksel“, in der Wilhelm Busch den eigenen Berufsstand karikiert, erschien bis 1884.

1869 übersiedelte er nach Frankfurt, wo sein Bruder Otto lebte, der ihm das philosophische Werk Schopenhauers nahe brachte. Über ihn lernte Wilhelm Busch die Kunstmäzenin Johanna Kessler kennen, deren Familie er freundschaftlich verbunden blieb. 1878 zog sich Wilhelm Busch in seinen Geburtsort Wiedensahl zurück, wo er im Pfarrhaus bei Schwester Fanny und Schwager Hermann Nöldeke lebte, und nach dem frühen Tode des Schwagers die Vaterrolle für seine drei Neffen übernahm. Wilhelm Busch unternahm noch eine Reihe von Kunstreisen, unter anderem nach Italien und in die Niederlande, bis er sich 1892 völlig ins Privatleben zurückzog. 1898 siedelte er mit seiner Schwester zu seinem Neffen Otto Nöldeke über, der Pfarrer in Mechtshausen am Harz war.

Im seinem letzten Lebensdrittel widmete sich Wilhelm Busch der Epigrammatik und Lyrik; daneben wandte er sich verstärkt der Malerei zu, die er seit seiner Studienzeit nicht aufgegeben hatte. Nach seinem Tode am 9. Januar 1908 fanden zahlreiche Würdigungen und Gedächtnisausstellungen statt, die belegen, dass Wilhelm Busch bereits zu Lebzeiten Berühmtheit erlangt hatte. vb



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