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01.11.11 / 00:02
Heft 21/2011 Gesellschaft
Kostenexplosion im Gesundheitswesen

Ein langlebiger Mythos

Kaum ein Mythos hält sich so hartnäckig wie jener von der Ausgabenexplosion im deutschen Gesundheitswesen. Nach wie vor wird die Kostenentwicklung in diesem Bereich gern mit Begriffen wie „tickende Bombe“, „Riesensprengsatz“ und „Apokalypse“ beschrieben. Den Fakten wird dies nicht gerecht.




„Studie dementiert Ausgabenexplosion im Gesundheitswesen“, titelte das Deutsche Ärzteblatt Mitte August auf seiner Website. Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden hatten die Kostensteigerungen im deutschen Gesundheitssystem mit denen anderer Länder verglichen und Entwarnung gegeben. Dem Deutschen Ärzteblatt war die Untersuchung eine Meldung wert. Neuigkeitscharakter hatte sie indes nicht.

Bereits seit Jahrzehnten dementieren Wissenschaftler den Mythos von den rasant steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen. So veröffentlichte bereits im Jahr 1986 die Zeitschrift „Demokratisches Gesundheitswesen“ einen Artikel unter der Überschrift „Es gibt keine Kostenexplosion im Gesundheitswesen“. Und 15 Jahre später formulierte Prof. Dr. med. Dietrich H. W. Grönemeyer auf einem Kongress exakt dieselben Worte. Seither hat es unzählige weitere Beiträge mit demselben Tenor gegeben.

Dennoch hält sich der Mythos in der Bevölkerung hartnäckig. Fast jeder Versicherte hat bereits davon gehört, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung ermittelt hat. Für ihren Gesundheitsmonitor 2010 hatten die Wissenschaftler 1 520 gesetzlich Krankenversicherte interviewt. Neben dem Klassiker der Kostenexplosion hatten sich die Wissenschaftler zudem weitere gesundheitspolitische Mythen vorgenommen, wie etwa das Thema der steigenden Verwaltungsausgaben der GKV. Das Ergebnis: Fast jeder dritte Versicherte saß gleich mehreren Mythen auf.

Populärer Irrtum

Der Begriff der Kostenexplosion dürfte dabei die furioseste Karriere in der Gruppe der populären Irrtümer hingelegt haben. In seinem Buch „Mythen der Gesundheitspolitik“ erzählt Hartmut Reiners – bis zu seiner Pensionierung Referatsleiter im brandenburgischen Gesundheitsministerium – wie Heiner Geißler im Jahr 1974 den Geist aus der Flasche ließ: Als Sozialminister in Rheinland-Pfalz präsentierte Geißler damals eine Indexreihe zur Ausgabensteigerung in der GKV. Als Basisjahr hatte er 1960 (= 100) gewählt und die Reihe bis 1973 fortgeschrieben. Zum Schluss hatte der Index den sagenhaften Wert von 457,4 erreicht. Die Politik reagierte: Wenige Jahre später verabschiedete der Bundestag sein erstes Kostendämpfungsgesetz für das Gesundheitswesen.

Unverdrossen unkt seither vor allem „Der Spiegel“, dass die Gesundheitskosten früher oder später völlig aus dem Ruder laufen könnten. So stellte das Magazin im Jahr 1976 die provokante Frage: „In 25 Jahren 80 Prozent des Einkommens für Gesundheit?“ 1999 hieß es dann „Das deutsche Gesundheitssystem steht vor dem Infarkt“ und noch in diesem Sommer erschien in Heft 33 ein Schaubild mit der Überschrift: „Unbezahlbar – Kostenexplosion im deutschen Gesundheitswesen“.

Trend gestoppt

Die tatsächlichen Fakten malen jedoch ein anderes Bild. Unstrittig ist lediglich, dass Geißlers Zahlenreihe von 1960 bis 1973 tatsächlich in eine Periode fiel, in der die Gesundheitskosten in Deutschland rasant anstiegen. Dieser Trend wurde in den Folgejahren jedoch gestoppt. Zahlreiche Kostendämpfungsgesetze haben ihre Wirkung entfaltet. Seither stiegen die Ausgaben nur noch moderat an, in manchen Jahren fielen sie sogar und nur in Ausnahmefällen gab es Sprünge nach oben. Dabei beziehen sich die Ökonomen nicht auf absolute Zahlen, sondern betrachten den Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt. Die frühesten verlässlichen Zahlenreihen beginnen dabei im Jahr 1970.

Im Detail sieht die Entwicklung so aus: In den fünf Jahren von 1970 bis 1975 stiegen die Gesundheitsausgaben noch stark an: Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt erhöhte sich von 6,0 auf 8,4 Prozent. In den folgenden 15 Jahren blieb der Anteil dann aber praktisch konstant. So weist die Statistik im Jahr 1990 sogar einen leicht niedrigeren Wert von 8,3 Prozent auf. Es folgte im Zuge der Wiedervereinigung ein Ausgabensprung auf 10,1 Prozent bis zum Jahr 1995. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten verlief das Wachstum moderat. Heute liegen die Gesundheitsausgaben – nach den jüngsten Zahlen von 2009 – bei 11,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Ein moderates Ausgabenwachstum halten viele Ökonomen dabei sogar für erwünscht. Denn dies entspricht dem in Deutschland beobachteten Strukturwandel. Während das produzierende Gewerbe mit immer weniger Arbeitnehmern auskommt, kann der personalintensive Dienstleistungssektor auf diese Weise neue Beschäftigte aufnehmen.

Ein Fünkchen Wahrheit

Wie bei vielen langlebigen Mythen schwingt allerdings auch bei der Kostenexplosion im Gesundheitswesen ein Fünkchen Wahrheit mit: Für den einzelnen Bürger ist Gesundheit tatsächlich deutlich teurer geworden. Zum einen wurden viele Leistungen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung herausgenommen und müssen inzwischen selbst bezahlt werden. Zum anderen ist der Beitragssatz stark gestiegen. Während er im Jahr 1970 noch bei durchschnittlich 8,2 Prozent lag, fallen heute allgemein 15,5 Prozent an.

Auch hierfür sind jedoch nicht primär die gestiegenen Ausgaben verantwortlich. Vielmehr brechen der Krankenversicherung die Einnahmen weg. So besitzen heute immer weniger Menschen einen klassischen Vollerwerbs-Arbeitsplatz, bei dem der Beitrag Monat für Monat einfach abgebucht werden kann. Hinzu kommt, dass der Gesetzlichen Krankenversicherung in den vergangenen Jahren immer mehr Zuweisungen von anderen Sozialversicherungsträgern wie etwa den Rentenkassen gestrichen wurden. Beobachter halten es dennoch nicht für Zufall, dass sich der Mythos von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen so lange hält. Die Bertelsmann Stiftung schreibt zum Beispiel: „Das mag auch daran liegen, dass gesundheitspolitische Lobbyisten Mythen ständig wiederbeleben, solange dies ihren Positionen in die Hände spielt.“ Und nicht zuletzt erliegen auch viele Journalisten dem Charme der „pyrotechnischen Metaphern“, so Reiners über das Vokabular zur Kostenexplosion. „Riesensprengsatz“, „Apokalypse“ und „tickende Bomben“ klingen nun einmal nach einer spannenden Story.

Aber selbst was die Zukunft betrifft, sind apokalyptische Szenarien fehl am Platz. So hat zum Beispiel das Statistische Bundesamt in einer Modellrechnung die demografiebedingten Krankenhauskosten bis zum Jahr 2030 abgeschätzt. Auf die stationäre Versorgung entfällt immerhin der größte Kostenblock im Gesundheitswesen. Und aufgrund der alternden Bevölkerung ist vermehrt mit Kosten zu rechnen. Die Wissenschaftler arbeiteten in ihrer Untersuchung mit zwei unterschiedlich günstigen Szenarien. Für Patienten ab 65 Jahren ergaben sich dabei Ausgabensteigerungen von fünf beziehungsweise 13 Prozent. Als Kostenlawine wird dies nicht gesehen, eine Herausforderung ist es gleichwohl.

Der Arzt Dietrich Grönemeyer verlangt entsprechend, die Gesellschaft müsse endlich von der Kostendebatte wegkommen. Nutzen und Inhalte sollten wieder im Vordergrund stehen. Grönemeyer: „Anstelle einer Diskussion über Kostenexplosion sollte es endlich eine Ideenexplosion geben.“

Andrea Steinert
Everhardstr. 63, 50823 Köln
andrea.steinert@t-online.de



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