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16.05.12 / 12:30
Heft 10/2012 Gesellschaft
Medizintourismus

Eine Branche im Aufwind

Zur OP nach Berlin, zur Zahnbehandlung nach Ungarn oder in die Türkei, zur Spezialbehandlung ins Krankenhaus nach Dubai oder nach Griechenland – Medizintourismus ist eine Boombranche mit enormem Ausbaupotenzial. Davon schwärmten jedenfalls Experten und Referenten auf der European Medical Travel Conference, zu der rund 400 internationale Teilnehmer vom 25. bis zum 27. April nach Berlin kamen.



Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft – Blick auf die Dubai Healthcare City. Foto: picture alliance

Alles drehte sich auf der Konferenz um Gesundheitsdienstleistungen als Wirtschaftsfaktor. Die Hauptstadt war Gastgeber und warb für HealthCapital, das Netzwerk der Berliner und Brandenburger Gesundheitswirtschaft. „Längst ist die Gesundheitswirtschaft auch ein Tourismusmagnet und hat großes Potenzial für die Hauptstadtregion“, zeigte sich Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin überzeugt. Neben HealthCapital und visitBerlin gehören die Charité, Vivantes International, das Deutsche Herzzentrum Berlin und der Medical Park zu den Akteuren der Medizintourismusbranche. Vor allem die Märkte in Russland und der Vereinigten Arabischen Emirate werden beworben – es kommen wohlhabende, selbstzahlende Patienten.

Eine Stadt für Gesundheit

Sehr ambitioniert in Sachen Medizintourismus zeigt sich Dubai. 2002 wurde die Dubai Healthcare City (DHCC) gegründet, ein Zentrum für hochwertige, spezialisierte Gesundheitsversorgung, Bildung und Forschung. Im Jahr 2011 kümmerten sich mehr als 3 500 medizinische Fachkräfte um rund 500 000 Patienten aus aller Welt. DHCC hat zwei Krankenhäuser, und deckt in mehr als 100 medizinischen Einrichtungen das Wissen für über 80 Fachbereiche ab. 13 Exzellenzcluster bieten Leistungen in komplementärer und alternativer Medizin, kosmetischer Behandlung, Dermatologie, Haartransplantation, Zahnmedizin, Orthopädie und Sportmedizin, Endokrinologie und Gewichtsmanagement, Augenheilkunde und Kardiologie. DHCC ist eine Freihandelszone, auch deutsche Kliniken haben dort regionale Niederlassungen eröffnet. Die German Dental Oasis und die Tower Clinic sind zum Beispiel auf Zahnmedizin spezialisiert.

Dubai rechnet damit, dass bis Ende 2012 voraussichtlich 1,6 Milliarden US-Dollar aus dem Gesundheitstourismus generiert werden. Investoren aus dem privaten Sektor in Dubais Gesundheitswesen sind von 2010 auf 2011 um zwölf Prozent auf acht Milliarden US-Dollar gestiegen. „Der Gesundheitstourismus wird gefördert und die Regierung investiert kontinuierlich in Infrastruktur, Richtlinien und Vorschriften des Gesundheitswesens“, erklärte Dr. Ayesha Abdullah, Geschäftsführerin der DHCC, auf der Konferenz in Berlin. Und warb weiter für das Projekt: „Durch die internationalen Akkreditierungen ist die Dubai Healthcare City für ihre hohen Qualitätsstandards und den hohen Stellenwert der Patientenbetreuung bekannt.“

Im Gegensatz zum Wachstum am Standort Dubai zeigt sich die Lage in Europa in Sachen Medizintourismus wesentlich nüchterner. Georgios Chatzimarkakis, Abgeordneter des Europäischen Parlaments, verwies auf die EU-Richtlinie über grenzüberschreitende Dienstleistungen, die ab 2013 in allen europäischen Ländern umgesetzt werden soll. Die EU wolle vor allem Rechtssicherheit für den Patienten, gemäß der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs. Nur etwa ein Prozent der Bevölkerung nähmen derzeit grenzüberschreitende Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch, dabei gehe es vornehmlich um Spezialbehandlungen, die der Patient vor Ort nicht erhalten könne. Denn generell bevorzuge er eine wohnortnahe medizinische Versorgung. Nach Inkrafttreten der Richtlinie sei aber davon auszugehen, dass die Inanspruchnahme steigen werde. Vor allem die Mittelmeerländer würden profitieren.

Wohnortnahe Versorgung

Den Wunsch der Patienten nach einer wohnortnahen Versorgung unterstrich Keith Pollard vom britischen Patienten-Internet-Portal TreatmentAbroad (www.treatmentabroad.com). Einer jüngeren Umfrage unter Usern der Website zufolge bevorzugten diese medizinische Leistungen, die regional und nicht global verfügbar sind. So reisten beispielsweise ein Großteil der Befragten zur Behandlung ins nahe Belgien. Die Umfrage habe aber auch ergeben, dass viele der Befragten sich unzufrieden mit den Gesundheitsanbietern bei der Nachbehandlung zeigten, die meisten Patienten fühlten sich hier allein gelassen. Pollards Fazit: „Die Branche könnte ihren Job wesentlich besser ausüben.“ pr



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