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16.06.13 / 12:20
Heft 12/2013 Zahnmedizin
Okklusion und CMD

Eine Standortbestimmung

Immer wieder wird diskutiert, welchen Anteil die Okklusion an der Entstehung und am Verlauf von Kraniomandibulären Dysfunktionen (CMD) und orofazialem Schmerz (OFP) hat. Hinweise zum Umgang mit dieser sensiblen Fragestellung liefert die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT).




Über lange Jahre ging die Zahnmedizin davon aus, ausschließlich die Okklusion sei ursächlich für die Entstehung von CMD. Daraus resultierte die verbreitete Auffassung, Korrekturen der Okklusion allein seien geeignet zur Therapie von funktionellen Erkrankungen. Die aktuelle Fachliteratur zeigt aber, dass diese Einseitigkeit so nicht mehr haltbar ist [Türp, Schindler; 2012]. Neben der Okklusion sind demnach andere Faktoren wesentlich an der Entstehung kraniomandibulärer Dysfunktionen beteiligt.

Andererseits zeigte Prof. Dr. Yrsa LeBell, Turku/Finnland, im Rahmen ihres Haupt-vortrags auf der Jahrestagung der DGFDT in Bad Homburg Ende vergangenen Jahres, dass gleichwohl harte Nachweise für den Einfluss der Okklusion vorliegen – und in der jüngeren Literatur fälschlicherweise unbeachtet blieben. Es ist demnach weiterhin notwendig, diesen Aspekt bei der Untersuchung und Betreuung von CMD-Patienten zu beachten und deren Anfälligkeit für okklusale Interferenzen zu berücksichtigen.

Zweites Standbein jeder funktionellen Untersuchung sollte aber die Erfassung der bio-psycho-sozialen Belastungsfaktoren sein. Diese Erkenntnis untermauerten auch die Hauptreferenten der Jahrestagung der DGFDT, unterstützt von vielen Vorträgen aus der freien Praxis, die Konzepte zur Umsetzung vorstellten [www.dgfdt.de ]. So nannte Prof. Yrsa LeBell den Paradigmenwechsel „wertvoll und hilfreich für die Patienten“. Durch die Beachtung der biopsychosozialen Faktoren könne eine okklusale Übertherapie vermieden beziehungsweise der Erfolg einer Behandlung durch psychologische und schmerztherapeutische Maßnahmen gesichert werden [Niemi et al., 2006]. Der multimodale Therapieansatz schließt die Möglichkeit einer okklusalen Therapie mit ein, stellt sie aber nicht mehr in den Mittelpunkt. Andererseits konnte eine Studie des Autors in der Praxis zeigen, dass biopsychosoziale Faktoren bei CMD-Patienten entscheidend für den Erfolg restaurativer Behandlungen sind [Imhoff, 2012].

Stufenweise Therapie

Die Diagnostik und Therapie von Patienten mit CMD-assoziierten Beschwerden sollte stufenweise erfolgen und reversible Maßnahmen im Rahmen einer Vorbehandlung bevorzugen. Für die Umsetzung der therapeutischen Kieferrelation stellte PD M. Oliver Ahlers, Hamburg, ein Konzept zur Übertragung einer mittels Repositionsschienen klinisch erfolgreich getesteten Kieferposition vor. Im Mittelpunkt stehen dabei neuartige Restaurationen, die als „Repositions-Onlays“ bezeichnet werden und die nach erfolgreicher Vorbehandlung mittels verschiedener Adhäsivtechniken auf jeder Art von Kauflächen befestigt werden können [Ahlers, Möller, 2011]. Bedingung ist dabei, dass die Patienten während der Vorbehandlungsphase beschwerdearm werden und dies nach einer mehr- monatigen Haltephase auch bleiben. Eine derartige restaurative Folgebehandlung nach vorangehender Funktionstherapie ist allerdings bei nur etwa fünf bis zehn Prozent seines speziell selektierten Patientenguts erforderlich.

Psychologische Faktoren gehören in die Anamnese

Die Behandlung von CMD-Patienten erfordert sowohl eine Bewertung der somatischen Befunde als auch die Erfassung von psychologischen Belastungsfaktoren. Zur Umsetzung in der Praxis sind strukturierte Diagnose- und Therapieverläufe notwendig. Auf ihrer Homepage stellt die DGFDT allen zahnärztlichen Kollegen Materialien für eine standardisierte Erfassung relevanter Faktoren zur Verfügung. Im aktuellen Jahr wurde das psychologische Screening mit Unterstützung der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGSS) überarbeitet und der Erfassungsbogen für Depression, Angst und Stress (DASS) eingeführt [www.dgfdt.de/zahnaerzte-mitglieder/ untersuchungsboegen ]. Mittlerweile liegt hierfür eine für die Auswertung bei CMD-Patienten abgestimmte Fassung vor, die insbesondere die Auswertung in der zahnärztlichen Praxis erleichtert [www.dentaconcept.de/Formblaetter/Belastungsfaktoren.shtml ].

Dr. Bruno Imhoff
Josef-Haubrich-Hof 5
50676 Köln
imhoff@dgfdt.de



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