sg
16.05.11 / 00:11
Heft 10/2011 Praxis
Anleihen mit Inflationsschutz

Eine Wette auf die Zukunft

Wie seit Langem prognostiziert, zieht die Inflationsrate wieder an. Viele Anlegerfürchten um ihr Vermögen und möchten es vor der Geldentwertung schützen.Neben Sachwerten wie Gold und Immobilien bieten auch bestimmte Anleiheneinen Inflationsschutz an. Mit diesen begibt sich der Sparer auf die sichere Seite.Ob auch die Rendite stimmt und die Wette damit aufgegangen ist, erfährt er abererst am Ende der Laufzeit.




Kaum ein Jahr ist es her, dass unter Anlegern das Gespenst der Deflation umging. Inzwischen fürchten sich viele schon wieder vor einer galoppierenden Inflation. In der Tat, die Preise steigen wieder, getrieben vor allem von Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Mehr als die Hälfte der Deutschen, so das Ergebnis einer Forsa-Umfrage der Zeitschrift „Stern“ im März dieses Jahres, fürchten sich vor dramatisch steigenden Preisen. Kein Wunder, sie ängstigen sich schließlich um circa 4 880 Milliarden Euro Geldvermögen. Etwa 1 366 Milliarden Euro stecken davon in Anlagen wie Aktien, Investmentfonds oder Rentenpapieren.

Gerade Anleger, die viel Geld in Anleihen investiert haben, trifft eine steigende Inflationsrate besonders. Denn ihre Papiere verlieren an Wert, wenn für sie so niedrige Zinsen gezahlt werden, wie sie in der Vergangenheit üblich waren. Sie lassen sich auch nur mit Kursverlusten verkaufen. Denn neu emittierte Anleihen locken mit attraktiveren Konditionen.

Bei 2,6 Prozent in Euroland und 2,1 Prozent in Deutschland lag die Geldentwertung Mitte April. Mit dem Ziel einer Inflationsrate von maximal zwei Prozent vor Augen hat Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), reagiert und den Leitzins um 25 Punkte auf 1,25 Prozent erhöht. Experten rechnen mit mindestens zwei weiteren Erhöhungen in diesem Jahr. Aber an einen dramatischen Anstieg der Inflationsrate glauben sie nicht. Die Prognosen für 2011 und 2012 liegen um zwei Prozent. Ob sie eintreffen werden, zeigt sich wie immer erst hinterher.

Gegen Geldentwertung absichern

Für ängstliche Anleger, die sich auch gegen die eher moderate Geldentwertung schützen wollen, gibt es ein Rezept: inflationsindexierte Anleihen. Seit 2006 bietet die Deutsche Finanzagentur Bundesanleihen an, die gegen die Geldentwertung absichern. Und so funktioniert das System:

Wie bei einer traditionellen Anleihe überweist der Schuldner – in diesem Fall die Bundesrepublik Deutschland – regelmäßige Zinszahlungen an den Anleger und am Ende der Laufzeit bekommt er sein eingesetztes Geld zurück. Der Unterschied liegt darin, dass Zins und Tilgung über einen Index an die Entwicklung der Inflationsrate gebunden sind. Die Finanzagentur entschied sich für den „unrevidierten harmonisierten Verbraucherpreisindex des Euro-Raums ohne Tabakprodukte“ – kurz HVPIT genannt. Dieser wird zum Beispiel auf den Zinssatz (Kupon) von 1,75 Prozent sowie auf den Nennwert während der Laufzeit aufgeschlagen.

Für den Sparer bedeutet das: Gibt er 1 000 Euro für eine herkömmliche Anleihe mit festem Zins aus, die bis 2020 läuft und beträgt der Zinssatz eben 3,75 Prozent bei einer Inflationsrate von 2,5 Prozent, bleibt ihm eine reale Verzinsung von 1,25 Prozent. Bleibt die Inflationsrate auf dem derzeitigen Niveau, geht die Rechnung auf. Steigt aber die Rate der Geldentwertung auf 3,75 Prozent, gleicht der Kupon gerade mal die Inflation aus. Ganz schlecht sieht die Rechnung für den Anleger aus, wenn der Kaufkraftverlust vier Prozent und mehr beträgt. Dann verliert seine Anlage an Wert. Bei einer inflationsindexierten Anleihe hingegen kann der Sparer sicher sein, dass ihm sein Geld erhalten bleibt. Steigen die Kosten für die Lebenshaltung um fünf Prozent, erhöht sich der Nennwert (und damit der Rückzahlungsbetrag) von beispielsweise 1 000 Euro auf 1 050 Euro. Auch der Kupon erhöht sich. Er ist zwar auf 1,75 Prozent festgelegt. Er bezieht sich aber auf den Nennwert der Anleihe und somit steigt die jährliche Zinszahlung entsprechend.

Drei Anlegearten zur Auswahl

Zurzeit haben die Anleger die Wahl zwischen drei Varianten mit Laufzeiten bis 2013, 2016 und 2020. In den USA haben die etwas komplizierten Papiere Tradition. Auch in Japan und Großbritannien schätzt man die „Linker“ (Fachjargon). Aus Frankreich kommen die meisten Index-Anleihen auf den Euro-Markt. Allerdings sind die ausländischen Papiere hier kaum zu bekommen.

Als Patentrezept für eine Geldanlage frei nach dem Motto: einmal gekauft und dann hat man zehn Jahre lang Ruhe – so versteht sich diese Anlageform nicht. Vor dem Kauf empfiehlt es sich, die herrschenden Marktbedingungen und die Prognosen zu beachten. Ob sich der Einstieg in inflationsgeschützte Anleihen eher lohnt als in Festzinspapiere, hängt von der Entwicklung der Geldentwertung ab. Sinkt die Inflationsrate unter die für die nächsten Jahre prognostizierten zwei bis 2,2 Prozent, lohnt sich der Einstieg in die Innovation nicht und der Anleger ist mit den herkömmlichen Wertpapieren besser bedient. Ob sich die Investition in den Linker tatsächlich rechnet, hängt davon ab, welche Inflationsrate der Markt erwartet. Wie hoch diese Erwartungen sind, lässt sich an der sogenannten Break-Even-Inflationsrate (BEI) ablesen. Sie zeigt den Renditeabstand zwischen einer herkömmlichen Anleihe und dem inflationsindexierten Papier mit gleicher Laufzeit. Übersteigt die tatsächliche Inflationsrate die BEI, machen die Linker-Käufer einen Gewinn. Umgekehrt haben die Vorsichtigen das Nachsehen, wenn die tatsächliche Geldentwertung unter den Erwartungen bleibt. Zurzeit liegt die aktuelle BEI für deutsche inflationsindexierte Anleihen mit einer Restlaufzeit von fünf Jahren bei 1,1 Prozent. Liegt die Geldentwertung darüber, lohnt sich die Investition.

Dann rechnet sich das Papier für den Staat nicht mehr. Also wird er dafür sorgen, dass er die Inflationsrate so niedrig wie möglich hält.

Staat kassiert mit

Interesse an diesen Papieren haben vor allem institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungen. Sie legen Kundengelder langfristig an und gehen gern auf Nummer sicher. Für private Anleger ist der Linker eine gute Sache, wenn er ihn für die Altersvorsorge benutzt. Dabei sollten aber nur die sicheren Papiere der Finanzagentur im Depot liegen. So manches Bankprodukt gibt sich auch als inflationsindexiert aus. Dabei ist aber häufig nur der Zins an die Inflation gekoppelt, die Rückzahlung aber nicht. Steuerlich betrachtet sind die Linker nicht unbedingt ein gutes Geschäft. Bei ihnen kassiert der Staat von den Zinsen und vom Inflationsausgleich.

Als Absicherung gegen die Geldentwertung bieten sich ebenfalls Indexfonds mit inflationsindexierten Anleihen an. Der Knackpunkt dabei: Darin steckt meistens nur ein kleiner Anteil deutscher Linker. Die meisten kommen aus Frankreich und Italien. Einige Fonds basieren auch auf portugiesischen, irischen oder griechischen Papieren. Die Sicherheit lässt dann zu wünschen übrig. Der Vorteil der Indexfonds besteht wie immer in den niedrigen Kosten. Sie bewegen sich zwischen 0,2 und 0,25 Prozent Verwaltungsgebühren pro Jahr. Wer sich zum Beispiel für einen Lyxor ETF EuroMTS Inflation linked oder für den iShares Euro inflationlinked Bond entscheidet, sollte sich die Zusammensetzung genau anschauen und dann entscheiden.

Bankpapiere als Alternative

Schutz gegen die Geldentwertung bieten derzeit auch einfacher gestrickte Produkte. Niels Nauhauser, Geldexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart, empfiehlt gut verzinste Bankpapiere: „Es gibt bei einigen Banken einlagengesicherte Angebote, die eine höhere Rendite versprechen als der Bund.“ So bietet zum Beispiel die estnische Big Bank für 10 000 Euro, die vier Jahre lang festgelegt sind, 4,15 Prozent Zinsen. Die Einlagensicherung entspricht den EU-Regeln und garantiert bis zu 100 000 Euro. Zu denselben Bedingungen gibt es bei der Bank of Scotland vier Prozent. Die Schotten sichern die Einlagen bis zu 85 000 Pfund ab. (Stand: Mitte April 2011).

Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Deutschland zu einer galoppierenden Inflation kommen wird, ist eher gering. Mit Gelassenheit können Anleger die weitere Entwicklung abwarten, die ihr Vermögen geschickt auf Sachwerte wie Immobilien, eine kleine Portion Aktien und Festzinsanlagen mit verschiedenen Laufzeiten streuen. So gleichen sich vorübergehende Abweichungen in den Kursverläufen und Preisentwicklungen aus und die Verlustrisiken begrenzen sich automatisch. Diese Wette hätte der Anleger bestimmt gewonnen.

Marlene Endruweit
Wirtschaftsjournalistin
m.endruweit@netcologne.de

INFO

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Informationen zu Zinsanlagen

www.biallo.de

www.fmh.de

www.finanzagentur.de

www.bundeswertpapiere.de



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