sf
16.09.12 / 12:30
Heft 18/2012 Gesellschaft
Kunst trifft Medizin

Eine Zahnstation für das Operndorf Afrika

Der 2010 seinem Krebsleiden erlegene Regisseur, Autor und Aktionskünstler Christoph Schlingensief hinterließ neben seinem umfangreichen Werk auch die Vision von einem Operndorf im Herzen von Burkina Faso. An der Grundsteinlegung im Februar 2010 konnte er noch teilnehmen. Nun zeichnet seine Frau, die Kostümbildnerin Aino Laberenz für das Projekt verantwortlich. Unterstützt werden sie und ihr Team auch von Zahnmedizinern der Universität Witten/Herdecke (UW/H).




Geplant ist ein großes Gesundheitszentrum. Oberarzt PD Dr. A. Rainer Jordan von der UW/H erklärt gegenüber den zm: „Im Wesentlichen geht es um den Aufbau der zahnmedizinischen Versorgungseinrichtung.“ Zusätzlich geht es um die Unterstützung bei der Errichtung einer Geburtsstation, bei der medizinischen Erstversorgung und beim Aufbau einer Apotheke. Jordan und sein Team haben durch ihr „GambiaDentCare“-Programm seit 1995 Erfahrungen mit dem Aufbau von Zahnstationen im westlichen Teil von Afrika. Zudem gab es in der ehemaligen Fakultät für Medizin an der UW/H (jetzt Fakultät für Gesundheit) auch andere Entwicklungsprojekte – unter anderem wurden eine Geburtsstation in Tansania errichtet und dort Geburtsbegleitungen durchgeführt. Somit gibt es bereits größere Erfahrungswerte. Bei den Mitgliedern der „Festspielhaus Afrika gGmbH“ handele es sich zum Großteil um Kulturwissenschaftler, die über eher weniger medizinische Erfahrung verfügten. Daher sei die Hilfe der Fakultät für Gesundheit der UW/H gefragt gewesen, berichtet der Oberarzt. Die Wittener wollen auch prüfen, was die Gesundheitsstation mittelfristig leisten und was man gegebenenfalls delegieren kann. Jordan: „Wir wissen ja zum Beispiel noch nicht genau, welche Erkrankungen uns im zahnmedizinischen Bereich maßgeblich erwarten.“

Schwere Fälle werden überwiesen

Dieser Frage will sein Team im Rahmen des ersten Besuchs des Operndorfes im November nachgehen. Dabei werde eine an WHO-Vorgaben ausgerichtete, epidemiologische Untersuchung (Pilot Pathfinder, Kasten S. 86) durchgeführt. Ziel sei, die Erkrankungslast festzustellen, um dann die zahnmedizinische Einrichtung so zu planen, dass sie optimal an die Bedürfnisse der Patienten angepasst ist. Nichtsdestotrotz werde man keinen großen Operationssaal einrichten können, dafür sei die Station nicht ausgelegt. Deswegen werde es auch eine gewisse Überweisungsstruktur geben: Die einfachen zahnmedizinischen Behandlungen könnten im Operndorf stattfinden, für die schwerwiegenden Fälle müsse man aber mit Kliniken in der Hauptstadt Ouagadougou oder in der nächstgelegenen Stadt Ziniaré kooperieren. Im gynäkologischen Bereich werde die Station auch nicht von einem Arzt betrieben. Das sei – nach Aussage von Jordan – in Afrika nur selten der Fall. In der Regel leiten Krankenpfleger solche Stationen. In der Praxis leiht sich die Station an einem bestimmten Tag einen Gynäkologen für die Untersuchungen aus. Die Bevölkerung ist darüber informiert. So sei die medizinische Station im Operndorf auch nicht solitär zu verstehen. Vielmehr soll sie eingebettet werden in die bereits bestehende Versorgungsstruktur.

Die lokalen Helfer trainieren in Witten

Die lokalen Mitarbeiter in der Zahnstation („Community Oral Health Workers“, COHW) werden in Zweierteams arbeiten. Jordan: „Vier Augen sehen mehr als zwei. Und die Kollegen können sich so abwechseln. Dieses Prinzip hat sich bereits in Gambia bewährt.“ Grundsätzlich werde das Gesundheitsministerium vor Ort später die Akquirierung und die Besoldung des Personals übernehmen. Das Training der COHW wird vorrausssichtlich in Witten stattfinden. Die organisatorischen Vorgaben müssten vorab noch der Ethikkommission der UW/H sowie den örtlichen Behörden in Burkina Faso vorgelegt werden. „Wenn diese Genehmigungen vorliegen, nehmen wir den nächsten Flieger“, erklärt Jordan.

Betont wird von ihm die Konzeption des Operndorf als ganzheitliches Projekt. Der Titel „Operndorf“ zeige doch schon das Ziel auf: Neben einer Schule, dem Gesundheitszentrum und einem Markt sei am Schluss – der Vision von Christoph Schlingensief folgend – auch ein Festspielhaus geplant. Das Gesamtprojekt habe eben einen holistischen Anspruch, verschiedene Komponenten würden sich ergänzen. Jordan: „Die Idee des Operndorfes ist ja die, dass dort einerseits Stücke stattfinden können, die einerseits aus dem Land selber kommen, aber auch von extern hereingetragen werden. Umgekehrt können Produktionen aus dem Operndorf auch an andere Orte exportiert werden.“

An der UW/H gibt es neben der Fakultät für Gesundheit eine Fakultät für Kulturreflexion. Studenten der dort angesiedelten Fächer sollen sich ebenfalls in das Operndorf-Projekt einbringen können. Beispielsweise durch gemeinsame Theaterstücke. „Wir haben bei uns an der Universität eine gewisse Tradition für unkonventionelle Projekte“, sagt Jordan.

500000 Zahnputztabletten sind schon da

Eine Berliner Firma hat eine Charge von reichlich 500000 Zahnputztabletten für das Operndorf zur Verfügung gestellt. Prof. Peter Gängler, der von 1992 bis 2006 Dekan der Fakultät für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der UW/H war, hat die Tablette vor einigen Jahren entwickelt. Für Entwicklungsländer sei sie aus zweierlei Gründen interessant, weiß Jordan: „Die Tablette ist leicht, weil wasserfrei und wird im Mund zerkaut. Zudem ist sie lange lagerbar und kann gut transportiert werden.“

Eingesetzt wurde sie im Rahmen des GambiaDentCare-Programms. Jordan: „Unter den dortigen Temperaturbedingungen ist sie besser lagerbar als konventionelle Paste.“ Im Operndorf erhalten die Kinder in der Schule des Dorfes ein Mundhygienetraining, dort sollen sich die COHWs im Bereich Prävention stark machen. Hier kommen die Tabletten dann zum Einsatz. Mit Speichel vermischt schäumt sie auf und enthält keine Konservierungsstoffe. Auch Jordan hat die Tablette bereits benutzt und für gut befunden. „Es ist Geschmackssache, aber die Fluoridverfügbarkeit ist gut und wird erst aktiviert, wenn sie im Mund ist.“ Das sei mit einigen afrikanischen Pasten anders. In Gambia erhältliche Pasten verfügten beispielsweise nach Untersuchungen nicht immer über wirksame Fluorid-Bestandteile und hätten insofern keine verlässliche kariesprotektive Wirkung.

Traditionelle Mundhygiene sind Zahnputzhölzchen

Die traditionelle Mundhygiene besteht in vielen afrikanischen Ländern aus einem Zahnputzhölzchen namens Miswak (Kasten S. 88), was ein Zweig, eine Knospe oder ein Wurzelstück des Zahnbürstenbaums (Salvadora persica) sein kann. „Miswak schmeckt ziemlich bitter, weshalb es bei Kindern nicht so beliebt ist. Zudem ist in islamischen Ländern die Benutzung in einen religiösen Ritus eingebettet. Daher wird die entsprechende Mundhygiene Jugendlichen erst mit der religiösen Reife vermittelt, nicht aber im Kindesalter.“ Im Kindesalter werden andere Maßnahmen angewendet. Jordan nennt als Beispiel Gambia, wo Kindern ein Gemisch aus Salz und Asche aufgeschlemmt wird, womit sie die Zähne abreiben. Mit den erwartbaren nachteiligen Folgen: Auf den Mundschleimhäuten werden Erosionen produziert. Üblich sei daher, dass es in westafrikanischen Ländern gar keine Mundhygiene bei Kleinkindern gebe. Die starte erst bei Jugendlichen, wenn die bleibenden Zähne schon durchgebrochen sind. Darum sehe man gerade auch bei den sich ändernden Ernährungsgewohnheiten bei Zwölfjährigen schon stark kariöse Gebisse. Die Notwendigkeit, frühzeitig mit der Mundhygieneschulung zu beginnen, ist für das Team aus Witten offensichtlich.

Christoph Schlingensiefs Frau Aino Laberenz (Foto rechts) ist hocherfeut über die Bereitschaft der Wittener. Gegenüber den zm erklärte sie: „Als klar war, dass wir eine Krankenstation aufbauen wollen, ist die Uni Witten/Herdecke auf uns zugekommen und hat Interesse gezeigt. Wir haben schnell gemerkt, wie sehr die Projekte zusammenpassen.“ Die Krankenstation sei bereits von Beginn an für die zweite Bauphase geplant gewesen. Schon vor seiner eigenen Erkrankung habe Christoph [Schlingensief] das Thema Krankheit in seiner Arbeit nie ausgeklammert, sagt Laberenz. Letztlich habe er auch immer die Grenzen von Leben und Kultur abreißen und Kunst und Leben miteinander verbinden wollen. Dabei habe er Krankheit als Teil des Lebens begriffen, den man nicht ausklammern kann. Darum die Krankenstation: „Wir versuchen, direkt an die Menschen vor Ort heranzutreten, indem wir zum Beispiel die Mütter in den Familien ansprechen und mit ihnen Gespräche über Verhütung führen. Und wir bilden in Absprache mit der Regierung Personal aus.“

Das Projekt benötigt Spenden in jeglicher Form. sf

Spendenkonto:

Festspielhaus Afrika
Konto: 1128578
BLZ: 10070124
Deutsche Bank Berlin

www.operndorf-afrika.com

www.uni-wh.de

INFO

Vier Projektphasen

Die Behandlungskomponenten müssen für jede Region immer wieder neu zusammengestellt und regelmäßig angepasst werden, um die individuellen Bedürfnisse gezielt bedienen zu können. Daher ist das Projekt in Burkina Faso in vier Entwicklungsphasen strukturiert, die jedoch teilweise parallel verlaufen:

Vorbereitung: Einbindung der örtlichen Bevölkerung und Behörden, um die spätere Gesundheitsversorgung rechtlich abzusichern und die Akzeptanz der Bevölkerung zu gewinnen. Dies ist bereits durch die Festspielhaus Afrika gGmbH erfolgt.

Phase 1: Ermittlung des Behandlungsbedarfs durch zahnmedizinische Reihenuntersuchungen der zu erwartenden Patienten. Dabei hat sich ein standardisiertes Vorgehen der Weltgesundheitsorganisation etabliert, das „Pilot pathfinder surveys“ genannt wird und die wesentlichen Erkrankungen der Mundhöhle in festgelegten Altersgruppen bestimmen soll. Auf dieser Grundlage werden der aktuelle zahnmedizinische Behandlungsbedarf bestimmt und die apparative und personelle Infrastruktur festgelegt. Diese Phase befindet sich aktuell in Bearbeitung. Hierfür werden entsprechende Forschungs- und Reisemittel benötigt. Die Feldphase ist für Ende 2012 avisiert.

Phase 2: In der Folge wird die Zahnstation apparativ und instrumentell geplant und ausgestattet. Hierzu befinden wir uns bereits in Gesprächen mit potenziellen Partnern.

Phase 3: Schließlich wird Personal zum Betrieb der Zahnstation benötigt, das nach Maßgabe der Untersuchungsergebnisse an der Universität Witten/Herdecke geschult werden kann. Danach sind die Vorbereitungen abgeschlossen und der Betrieb kann beginnen. Dies ist für die zweite Jahreshälfte 2013 geplant.

Phase 4: Perspektivisch sollen neben den Mitarbeitern und Studierenden der Fakultät für Gesundheit auch die Studierenden der Fakultäten für Wirtschaftswissenschaft und für Kulturreflexion die Gelegenheit haben, das Operndorf-Projekt mit ihrem Wissen und Engagement zu unterstützen, indem sie es ganzheitlich unter der Perspektive der wirtschaftlichen und kulturellen Nachhaltigkeit betrachten, geeignete Konzepte entwickeln und passende Projekte umsetzen. Eine interdisziplinär und fakultätsübergreifend zusammengesetzte studentische Initiative befindet sich bereits in der Gründung.

PD Dr. A. Rainer Jordan
Universität Witten/Herdecke
Fakultät für Gesundheit
Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Abteilung Präklinische Zahnmedizin
rainer.jordan@uni-wh.de

INFO

Miswak

Der Zahnbürstenbaum wächst in den Wüsten Arabiens, Ostafrikas und Vorderasiens und vereinigt die Eigenschaften von Zahnbürste und Zahnpasta. Er enthält von Natur aus zahnschützende und -putzende Stoffe. Für die Zahnreinigung mit dem Miswak werden kein Wasser und keine Zahnpasta benötigt. Man schneidet einen Zweig ab und kaut ihn anschließend solange, bis ein Ende ausgefranst ist – ähnlich einer Bürste. Anschließend putzt man damit die Zähne, wobei die abgebrochenen Holzstücke ausgespuckt werden. Diese „Zahnhölzer“ dienen zum Reinigen der Zähne, als Zungenschaber und zur Massage des Zahnfleischs. Der Miswak besitzt einen relativ hohen Fluoridgehalt von acht bis 22 ppm und wird schon seit dem Altertum zur Zahnreinigung verwendet. Die Verwendung fasrig gekauter Zweige wurde schon im altindischen Gesetzbuch von Manu (600 v. Chr.) erwähnt und in der Sushruta (etwa 400 n. Chr.), einer berühmten altindischen Sammlung medizinischen Wissens, empfohlen.



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