zm-online
01.04.03 / 00:14
Heft 07/2003 Titel
Fortbildungsteil 1/2003

Eine aktuelle Standortbestimmung zahnärztlicher Füllungskomposite




Was wäre die ästhetische Zahnheilkunde heute ohne Adhäsivtechnik und Komposite – es gäbe sie wahrscheinlich nicht; oder nur als Endergebnis einer prothetischen Behandlung. Adhäsiv befestigte Komposite dominieren die ästhetische Zahnmedizin wie keine andere Materialklasse und so ist es nicht verwunderlich, dass heute eine Vielzahl hervorragender Kompositwerkstoffe auf dem Markt erhältlich sind. Diese hatten allerdings eine lange Entwicklung über Makro- und Mikrofüllerkomposite hinter sich, bis universell einsetzbare Restaurationsmaterialien entwickelt wurden, welche nicht nur ästhetischen, sondern auch allen funktionellen Ansprüchen genügen. Neben der Abrasion des Füllungsmaterials, die anfangs den Einsatz von Kompositen im kaudruckbelasteten Seitenzahnbereich limitierte, befinden sich weitere werkstoffkundliche Parameter, wie Biegebruchfestigkeit, aber auch Langzeithydrolysestabilität, Polymerisationsschrumpfungskraft und Restmonomerfreisetzung, im heutigen Mittelpunkt des Interesses.

Als das zurzeit universellste Füllungsmaterial für alle Black‘schen Kavitätenindikationen bewährt sich seit Ende der 80er Jahre das Hybridkomposit. Mit seiner Markteinführung konnte ein Meilenstein in der Entwicklung der adhäsiven Füllungstherapie gesetzt werden: Durch die Verwendung von Hybridkompositen war es – bedingt durch deren deutlich verbesserte physikalische Eigenschaften, wie Biegebruchfestigkeit und Abrasionsstabilität, – möglich, auch größere Frontzahnaufbauten sowie umfangreiche Klasse II Füllungen mit deutlich verbesserten Langzeitprognosen zu legen.

Der vorliegende Beitrag will retrospektiv die Entwicklung der plastischen zahnfarbenen Füllungskompositmaterialien aufzeigen, den aktuellen Stand der Entwicklung und der Forschung darlegen und Ausblicke in die mögliche Zukunft der Kompositmaterialien und deren Weiterentwicklungen geben.

Die „klassischen“ Kompositmaterialien

Die konventionellen Komposite unterscheiden sich in ihrer jahrzehntelangen Entwicklung und ihrer Abgrenzung untereinander lediglich in der Art und Größe der verwendeten Füllkörper. Kleine Unterschiede – aber große Wirkung! Neben der Kunststoffmatrix, die über die radikalische Photopolymerisation für den Übergang von einem plastischen zu einem festen Füllungsmaterial verantwortlich ist, sind die Füllkörper entscheidend für die mechanischen Eigenschaften, wie Festigkeit und Abrasion, verantwortlich. Die Silanschicht, mit der die Füllkörper umgeben sind, verbindet diese fest mit der sie einschließenden Matrix. Die Füllkörper haben ferner einen entscheidenden Einfluss auf die effektive Polymerisationsschrumpfung: Da nur die Kunststoffmatrix schrumpft, der Füllkörper hingegen volumenstabil bleibt, kann die Gesamtschrumpfung von ungefähr zehn bis 20 Prozent der ungefüllten Matrix auf zwei bis drei Prozent reduziert werden.

Makrofüllerkomposite

Der Name Makrofüllerkomposit drückt an sich schon alles Wesentliche über die Gestalt der Füllkörper aus: Unter diesen „großen“ Füllkörpern (Abb. 1) muss man sich mittlere Füllkörpergrößen von fünf bis zehn Mikrometern (μm) Durchmesser vorstellen. Die hierfür verwendeten Gläser haben zwar extrem gute physikalische Werte als kompakte Festkörper, in eine Kunststoffmatrix eingebettet und somit zu einem zahnärztlichen Füllungsmaterial umgewandelt, weisen diese Materialien jedoch eine deutlich höhere Abrasion auf. Wie ist dies zu erklären? Abrasionsphänomene treffen hierbei nicht den Füllkörper an sich, der abradiert wird. Nachdem die Matrix zwischen benachbarten Füllkörpern abradiert wurde, wird der Füllkörper in toto aus dem Verbund herausgerissen und hinterlässt ein „Schlagloch“. Die benachbarten Füllkörper liegen danach frei und können bei weiteren Mastikationsbewegungen ebenso aus dem Verbund gelöst werden. Es entsteht durch den primären Füllkörperverlust eine Art oberflächlicher Stabilitätsverlust, der einen deutlichen Füllungsmaterialverlust zur Folge hat und sich klinisch als Abrasion manifestiert. Gefördert wird dieses Phänomen durch die Größe der Füllkörper und deren relative Oberflächenbeschaffenheit, die eine optimale Retention bei der Mastikation ermöglichen. Zu Vergleichen ist dieser Vorgang mit einer Felsküste (Abb. 2: portugiesische Atlantikküste), die dem anstürmenden Meer schutzlos ausgeliefert ist: Ankommende Brecher reißen Steine aus der Küstenlinie; weitere Brecher die dann freiliegenden, benachbarten „Füllkörper“. Die Küste baut sich in vergleichbarem Maße ab, wie das Füllungsmaterial abradiert.

Die Größe der Füllköper wirkt sich zudem negativ auf das Politurverhalten der Füllungsmaterialien aus: Makrofüllerkomposite können nach einer Bearbeitung nahezu nicht poliert werden; eine glänzende Oberfläche ist lediglich dann zu erzielen, wenn durch Abpressen mit einem Celophanstreifen eine glatte Matrixfläche an der Oberfläche entsteht. Aus diesem Grund (Abrasion + Politureigenschaft) ist die Dentalentwicklung bislang bestrebt gewesen, Füllungskomposite mit möglichst geringer Korngröße zu entwickeln.

• Mikrofüllerkomposite

Die weitere Entwicklung von Füllungsmaterialien stützte sich dann auf die notwendige Verkleinerung der Füllkörper, um diesen Abrasionsphänomenen entgegenzuwirken. Da die minimale Korngröße durch die zur Verfügung stehenden Mühlen limitiert war, entschloss man sich zur flammenpyrolytischen Herstellung winzig kleiner Füllkörper (0,01-0,1 μm) aus pyrogener Kieselsäure, den so genannten Mikrofüllkörpern. Der Name spricht wieder für sich: Extrem kleine Füllkörper stellen hier den alleinigen Füllkörperanteil dar. Bedingt durch diese Füllkörpergröße ließen sich Mikrofüllerkomposite optimal polieren und boten wenig Retentionsfläche für ein Herausreißen des Füllkörpers aus dem Fügeverbund. Die Abrasion tritt bei diesen Füllungsmaterialien primär über eine Matrix-Abrasion zu Tage. Deutlich wird dies in dem Bild eines historischen Fußweges: Auf diesem bewegen sich die Menschen seit 500 Jahren; alle Füllkörper sind hochglanzpoliert, keiner wurde herausgerissen und hinterließ ein Schlagloch (Abb. 3: Teguise, Lanzarote)! Ein großer Nachteil war hingegen – neben der gegenüber den Makrofüllerkompositen verringerten physikalischen Belastbarkeit – eine deutlich höhere Polymerisationsschrumpfung: Da nur ein relativ niedriger Füllergrad erzielt werden konnte, wollte man das Füllungsmaterial noch plastisch formbar halten. Gelöst wurde dieses Problem durch die Verwendung von Vorpolymerisaten: Aus dem homogenen Mikrofüllerkomposit wurde ein inhomogenes Mikrofüllerkomposit oder „Mikrofüllerkomplexkomposit“, in das vorpolymerisierte Mikrofüllerkompositbestandteile – die „organischen Makrofüller“ – eingefügt waren. Somit gelang es, die Polymerisationsschrumpfung auf ein akzeptables Maß zu begrenzen, ohne den Vorteil der exzellenten Politurfähigkeit und der Elastizität negativ zu beeinflussen. Die Zugabe dieser industriellen Vorpolymerisate aus Mikrofüllern zu den Mikrofüllerkompositen zur Erhöhung des Füllkörpergehalts konnte zudem die mechanischen Eigenschaften der Mikrofüllerkomposite deutlich verbessern, sie blieben aber dennoch den Hybridkompositen unterlegen. Größter Vorteil der Mikrofüllerkomposite ist neben der exzellenten Politurfähigkeit die gegenüber Hybridkompositen höhere Eigenelastizität, die neben der Kompensation der Polymerisationsschrumpfungskräfte des Materials selbst eine geringere Belastung des adhäsiven Verbundes zur Zahnhartsubstanz bewirken kann. Aus diesem Grunde sind Mikrofüllerkomposite gerade für den Zahnhalsbereich sehr gut geeignet. Dass das Konzept der Mikrofüllerkomplexkomposite erfolgreich funktioniert zeigen seit vielen Jahren die markteingeführten und durchaus beliebten Produkte dieser Gruppe.

In der Reihe der Mikrofüllerkomposite muss eigentlich auch das neu vorgestellte und als „Nanofüllerkomposit“ bezeichnete hochgefüllte Mikrofüllerkomposit (Filtek Supreme, 3M Espe) eingefügt werden, auch wenn dieses sicherlich eine Sonderstellung zwischen Mikrofüllerkomposit und Hybridkomposit beanspruchen kann. Durch einige physikalische und chemische Tricks (Nanofüller „cluster“ und „Nanomere“ – freie, nicht agglomerierte Mikrofüller) ist es hier gelungen, den Füllergehalt eines Mikrofüllers auf den eines Hybridkomposites zu erhöhen. Dass Innovation teilweise auch im sehr kleinen verborgen sein kann, zeigen die als Nanomere bezeichneten, frei in der Matrix befindlichen, nicht agglomerierten Mikrofüllkörper in Größen um die 20 nm: Bisher war es nämlich nicht möglich, freie Mikrofüller in Kompositen einzubauen, da diese Füllkörper aufgrund ihrer Oberflächenenergie von selbst agglomerierten. Über diese, nun erstmals verwendeten, freien Mikrofüller (Nanomere) konnte somit die gegenüber einem konventionellen Mikrofüllerkomposit deutliche Erhöhung des Füllkörpergehaltes erzielt werden, der dem eines Hybridkomposites entspricht. Mit dem Begriff Nanofüllerkomposit versucht sich das Material gegenüber dem konventionellen Mikrofüllerkomposit abzuheben, da ein derart hochgefülltes Mikrofüllerkomposit gegenüber den konventionellen Mikrofüllerkompositen und Mikrofüllerkomplexkompositen bessere physikalische Eigenschaften aufweist. Der Name suggeriert allerdings kleinere Füller als in einem Mikrofüllerkomposit: Hier stellt sich die Frage, ob ein 20 nm großer Füllkörper eines Nanofüllerkomposites wirklich kleiner ist als ein 0,02 μm großer Füllkörper eines Mikrofüllerkomposites! Um Rechenarbeit vorzubeugen: Es ist die identische Größe – demzufolge könnte man per se alle Mikrofüllerkomposite als Nanofüllerkomposite bezeichnen und umgekehrt das Nanofüllerkomposit als Mikrofüllerkomposit. Namengebung hin oder her; das Füllungsmaterial muss qualitativ überzeugen – und das tut es.

• Hybridkomposite

Der Name „Hybridkomposit“ beschreibt deutlich den aus unterschiedlichen Einzelkomponenten zusammengesetzten Füllkörpergehalt: Die optimalen physikalischen Eigenschaften der als „Makro“-Füllkörper verwendeten Gläser mit der hervorragenden Politurfähigkeit der als Mikrofüllköper eingesetzten pyrogenen Kieselsäure erlaubten die Vereinigung der Vorteile beider Materialgruppen ohne nennenswerte Nachteile in Kauf nehmen zu müssen – eine Verwirklichung von Ansprüchen, wie sie nur selten gelingt! Die Abbildung 3 veranschaulicht die optimale Kombination großer und kleiner Füllkörper zu einem seit Jahrzehnten stabilen Mauerwerk (Abb. 4: Mauer). Zudem konnten durch stete Verbesserungen der mechanischen Mahlprozesse der Füllkörper deren Durchmesser deutlich reduziert und weniger scharfkantig gestaltet werden. Während der Begriff „Hybridkomposit“ primär die Zusammensetzung aus unterschiedlichen Füllkörpern beschreibt, gibt er hinsichtlich einer Klassifizierung auch die mittlere Füllkörpergröße der enthaltenen Makrofüllkörper wieder: Während bei dem Oberbegriff „Hybridkomposit“ mittlere Füllkörpergrößen von bis zu zehn μm enthalten sind, enthält ein „Feinpartikelhybridkomposit“ Füllkörper bis zu fünf μm Korngröße, ein „Feinstpartikelhybridkomposit“ bis zu drei μm und ein „Submikrometerhybridkomposit“ eine mittlere Füllkörpergröße von unter einem μm (Abb. 5)! Da die Fein-, Feinst- und Submikrometerpartikelhybridkomposite die breiteste Aufstellung im Markt der Komposite innehaben und als die universellsten Komposite bezeichnet werden können, haben sich aus dieser Gruppe neben den konventionellen Füllungsmaterialien zwei weitere Subtypen herausgebildet:

Die Flowkomposite sind fließfähigere Derivate der konventionellen Hybridkomposite und eignen sich hervorragend für erweiterte Fissurenversiegelungen, minimalinvasive Restaurationen und als erste Kompositschicht in Kavitäten, die mit stopfbaren oder hoch viskösen Kompositen gefüllt werden sollen beziehungsweise in Kavitätenarealen, in denen eine lege artis Plazierung eines konventionellen Füllungsmaterials unter visueller Kontrolle kaum möglich ist, wie in Bereichen spitzer Winkel zwischen Matrizenband und Kavitätenrand. Obwohl die Flowkomposite deutlich fließfähiger sind als die konventionellen Füllungskomposite, weisen sie eine nicht in gleicher Relation höhere Polymerisationsschrumpfung auf: Kleinste Änderungen im Verhältnis von Mikro- zu Makrofüllern erlauben bei Kompositen eine deutliche Beeinflussung von Fließfähigkeit und Standfestigkeit ohne den Gesamtanteil Füllkörper stark zu verändern. Auch hinsichtlich der physikalischen Eigenschaften unterscheiden sich die Flowkomposite nicht allzu stark von den konventionellen Kompositen. Bei stopfbaren Kompositen erfolgt die Beeinflussung der Konsistenz und damit der Standfestigkeit in genau die andere Richtung: Mit einem höheren Füllergehalt wird in der Regel ein standfesteres und weniger klebriges Füllungsmaterial generiert. Dass diese stopfbaren Komposite keine geringeren Polymerisationsschrumpfungskräfte aufweisen liegt darin begründet, dass mit einer Erhöhung des Füllergehaltes generell die Eigenelastizität abnimmt, die die Polymerisationsschrumpfungskräfte kompensieren kann. Aus diesem Grund wird bei einigen Materialien versucht, die Stopfbarkeit des Füllungsmaterials nicht allein über eine Erhöhung des Füllergehaltes zu bewerkstelligen, sondern über Verhakungsmechanismen der Füllkörper. Bestes Beispiel hierfür ist Solitaire2 (Heraeus- Kulzer), bei dem ein großer poröser SiO2-Füllkörper ein Verhaken mit den Oberflächen der Nachbarfüllkörper bei Druckbelastung ermöglicht und somit kein „Aneinandervorbeifließen“ der konventionellen Glasfüllkörper erfolgt. Die Beigabe von zusätzlichen multifunktionellen Monomeren, die mehr Bindungsstellen als das konventionelle Bis-GMA und seine Derivate aufweisen, berechtigt durchaus vom chemischen Standpunkt zur Einteilung dieses stopfbaren Materials als „Polyglas“ in die Gruppe der matrixmodifizierten Komposite; aufgrund der Tatsache, dass diese Monomere nur zu einem relativ geringem Anteil in dem Füllungsmaterial enthalten sind und hinsichtlich ihres Quervenetzungspotentials kaum eine relevante Auswirkung auf die physikalischen Eigenschaften des Füllungsmaterials hatten, bleibt das Material trotzdem der klassische Vertreter der stopfbaren Hybridkomposite.

Eine logisch Konsequenz einer potentiellen Weiterentwicklung der Hybridkomposite – speziell der Submikrometerhybride – wäre eine weitere Verkleinerung der mittleren sowie der maximalen Füllkörpergrößen. Dies scheint hingegen wenig sinnvoll, da dann aus einem Hybridkomposit bald ein konventionelles Mikrofüllerkomposit wird, von dem sich das Hybridkomposit aufgrund seiner überlegeneren physikalischen Materialeigenschaften eigentlich deutlich differenziert! Zudem könnte eine weitere Verkleinerung der Füllkörper bei gleichbleibendem Füllkörpergesamtvolumen zu mechanischem Versagen des Füllungsmaterials aufgrund fehlender Füllkörperbenetzung führen: Verringert man die Korngröße der Füllkörper bei gleichbleibendem Gesamtvolumen der Füllkörper, erhöht sich automatisch deren Gesamtoberfläche. Für die mechanische Stabilität eines Füllungsmaterials ist die vollständige Benetzung des silanisierten Füllkörpers mit Matrixmonomeren essentiell. Da das Gesamtvolumen der Kunststoffmatrix ebenso wie das Gesamtvolumen der Füllkörper bei einer weiteren Füllkörperverkleinerung gleich bleiben würde, besteht eine gewisse Gefahr, dass nicht mehr genügend Matrixmonomere zur vollständigen Benetzung aller Füllkörper zu Verfügung stehen. Die Folge wären Füllkörper, die sich räumlich berühren, aber nicht über Matrixmonomere verbunden und fixiert sind. Kohäsive Materialfrakturen könnten die Folge sein. Hier müssten dann andere Verbindungsmöglichkeiten der Füllkörper untereinander geschaffen oder angewendet werden, die eine bloße Anlagerung von Füllkörpern oder Matrixumfassung verhindert.

Matrixmodifizierte Kompositmaterialien

• Kompomere

Als das matrixmodifizierte Komposit schlechthin kann man das seit Jahren bewährte Kompomer sehen: Neben reaktiven Glasfüllkörpern, die an jene der Glasionomerzemente angelehnt sind, sind im Kompomermaterial neben normalen Harzen bifunktionelle, säuremodifizierte Matrixmonomere integriert, die neben der klassischen Photopolymerisationsreaktion ferner im Rahmen einer sekundären Härtungsreaktion mit Hilfe von Wasser als Solvent eine Säure- Base-Reaktion starten sollen. Obwohl dieser postulierte Säure-Base-Reaktionsmechanismus nie endgültig bewiesen werden konnte, sprechen die guten klinischen Erfahrungen mit dieser Stoffgruppe für die Existenzberechtigung der Kompomere. Die Kompomere zeichnen sich im Allgemeinen durch zwei große Vorteile aus: einer gegenüber Hybridkompositen höheren und mit Mikrofüllerkompositen vergleichbaren Elastizität (die allerdings von Produkt zu Produkt stark variieren kann!) und einer gewissen Fluoridionenabgabe, die zwar signifikant unter der eines Glasionomerzementes liegt, aber die eines Hybridkomposites klar übersteigt. Demzufolge sind sie prädestiniert für Klasse V-Versorgungen und Milchzahnrestaurationen. Eine Kontraindikation hingegen besteht aufgrund der gegenüber konventionellen Kompositen höheren Wasseraufnahme für Stumpfaufbauten. Die etwas höhere Wasseraufnahme schränkt zudem die Verwendung von Kompomeren im ästhetisch sichtbaren Frontzahnbereich etwas ein: Durch die beschriebene höhere Wasseraufnahme kann es leichter zur Einlagerung färbender Substanzen in oberflächliche Schichten des Füllungsmaterials kommen.

Einige wenige Kompomere sind ferner für den kaudruckbelasteten Seitenzahnbereich freigegeben. Ähnlich wie bei stopfbaren Hybridkompositen besteht bei den Kompomeren eine sehr breite qualitative Streuung innerhalb der Materialgruppe, so dass sehr wohl die einzelnen angebotenen Materialien untereinander differenziert werden müssen. Während Hybridkomposit A meist qualitativ ähnlich einem Hybridkomposit B ist, liegen zwischen stopfbarem Komposit A und B beziehungsweise zwischen Kompomer A und B oftmals Welten!

• Ormocere

Nachdem inzwischen nachgewiesen wurde, dass ein Ormocer („organic modified ceramic“) zwar das Potential zur Reduktion der Polymerisationsschrumpfung hat, keines der am Markt befindlichen Ormocerfüllungsmaterialien dies hingegen in einem klinisch relevanten Umfang umsetzen konnte, ist es relativ still geworden um diese einst als so innovativ gefeierte Füllungsmaterialgruppe. Auch hinsichtlich der physikalischen Eigenschaften rangieren die Ormocermaterialien bestenfalls im Mittelfeld der konventionellen Hybridkomposite. Einzig hinsichtlich der Bioverträglichkeit scheinen die Ormocere aufgrund ihrer partiell anorganischen Matrixstruktur gegenüber den konventionellen Kompositen mit ihrer organischen Matrixstruktur Verbesserungspotential aufzuweisen. Es sei hingegen davor gewarnt, ein Ormocer als die Lösung für Patienten mit Allergien gegen Kompositbestandteile zu sehen. Aufgrund der Matrixstruktur, die aus anorganischen (Si-O-Ketten) und konventionellen organischen Komponenten (CH2-Gruppen) besteht, bleibt noch genügend potentiell allergenes Material in der Matrix vorhanden. Zusätzlich sind konventionelle Reaktivverdünner und Photopolymerisationsinitiatoren ebenso enthalten. Es gibt bisher noch keinen wissenschaftlich fundierten Nachweis, mit welcher Matrixzusammensetzung ein Kompositmaterial bei Allergiepatienten bedenkenlos eingesetzt werden kann. Eine vorhergehende dermatologische Abklärung ist hier nach wie vor sinnvoll.

Schrumpfreduzierte Komposite

An schrumpfreduzierten Kompositen wird schon seit Jahrzehnten geforscht. Alle Maßnahmen, die zu einer deutlichen Reduktion der Polymerisationsschrumpfung führen sollten, gipfelten entweder in überhaupt keiner Reduktion der Schrumpfung oder lediglich in einer geringfügigen. Bei den neu vorgestellten und in Planung befindlichen schrumpfreduzierten Kompositmaterialien muss man zwei Untergruppen differenzieren. Diese sind Materialien, die auf bewährte und bekannte Matrixstrukturen, wie bis-GMA und Ähnliche, zurückgreifen und eine Schrumpfreduktion durch Verzicht auf kurzkettige Moleküle, die einen hohen Anteil der Polymerisationsschrumpfung verursachen, erwirken. Andererseits sind da Stoffe, die auf dem Prinzip der Erhöhung des Füllkörpervolumens beruhen, was zum Teil durch „geschredderte“ organische Vorpolymerisate oder inzwischen auch durch den Einsatz von Nanofüllkörpern, wie sie auch vom Filtek Supreme her schon bekannt sind, erreicht wird. Ein schrumpfreduziertes Füllungsmaterial, welches bereits seit der letzten IDS erhältlich ist, ist In Ten-S (Ivoclar/Vivadent). Aufgrund der Einfügung von den beschriebenen, anscheinend etwas elastischeren Vorpolymerisaten (als Gesamtfüllergehalt wird 81,9 Gew.Prozent angegeben) und einer Reduktion des Anteils kurzkettiger Moleküle konnte die Polymerisationsschrumpfungskraft gegenüber Tetric Ceram um etwa ein Viertel reduziert werden. Auch einen interessanten Weg geht die VOCO: Mit „Grandio“ wird ebenfalls ein schrumpfreduziertes Komposit vorgestellt, für das der Hersteller einen Füllkörperanteil von 87 Gew.Prozent angibt. Neben konventionellen Füllkörpern aus fein gemahlener Glaskeramik wurden bei dem Material freie nicht zusammenhängende Nanofüllkörper verwendet, um eine optimale Raumerfüllung der Füllstoffe zu realisieren. Dies würde gegenüber einem konventionellen Hybrid eine deutliche Reduktion des Matrixanteils und damit der „schrumpffähigen“ Komponente des Komposites bewirken. Mit QuiXFil wird ein weiteres schrumpfreduziertes Füllungsmaterial von Dentsply/DeTrey vorgestellt, welches auch auf einem höheren Fülleranteil basiert. Somit stellen diese Materialien hochgefüllte Hybridkomposite dar, bei denen die Erhöhung des Füllkörpergehaltes auf unterschiedlichem Weg erfolgte (Vorpolymerisate beziehungsweise Zugabe freier Nanofüller).

Alle weiteren Anstrengungen zur Reduktion der Polymerisationsschrumpfung, die mehr als lediglich einige Zehntel Prozent betragen sollen, führen zwangsläufig zur vollständigen Neuentwicklung von Monomersystemen, welche zum Beispiel über Ringöffnungen eine Volumenkontraktion ausgleichen. Zum Teil wird hier der konventionelle Weg der radikalischen Polymerisationsreaktion verlassen und kationische Ringöffnungspolymerisationen an deren Stelle gesetzt. Aufgrund der Inkompatibilität solcher Materialien mit den konventionellen Adhäsivsystemen muss ferner in einem weiteren Schritt die Entwicklung neuer Bondingmaterialien stehen, da zum Beispiel ein derartiges Ring öffnendes Molekül kein Anbindungspotential an die Kohlenwasserstoffchemie der konventionellen Bondings hat. Am erfolgversprechendsten hinsichtlich der Reduktion der Polymerisationsschrumpfung sind zurzeit die Silorane und Oxirane. Obwohl Oxirane eine zu vernachlässigende Schrumpfung von unter einem Prozent aufweisen, wird deren Weg zurzeit nur mit verminderter Energie weiterverfolgt, da sich diese Stoffgruppe als toxikologisch bedenklich herausgestellt hat. Am interessantesten bleibt das Siloran, für das eine Polymerisationsschrumpfungskraft von nur etwa der Hälfte eines konventionellen Hybridkomposites nachgewiesen werden konnte (Abb. 6). Die Firma 3M Espe scheint hier inzwischen am weitesten in der Entwicklung derartiger schrumpfreduzierter Materialien vorangekommen zu sein; es bleibt abzuwarten auf welcher IDS hierzu dann das erste Material für die klinische Anwendung vorgestellt wird. Steht somit die Entwicklung schrumpfreduzierter Kompositmaterialien vor einem Durchbruch? Leider noch nicht, denn bis zur Markteinführung von klinisch bedeutsam schrumpfreduzierten Kompositmaterialien, die vielleicht sogar eines Tages die adhäsive Anbindung an die Zahnhartsubstanz überflüssig machen, ist es noch ein langer Weg. Die reduzierte Polymerisationsschrumpfung eines Füllungsmaterials ist nur ein Parameter, der ein klinisch geeignetes zahnmedizinisches Füllungsmaterial ausmacht. Neben der Bioverträglichkeit stehen natürlich alle physikalischen Eigenschaften des Materials, wie Abrasion, mechanische Stabilität und Langzeithydrolysestabilität dieses – schließlich im feuchten Milieu eines biologischen Systems – verbleibenden Restaurationsmaterials, im Brennpunkt der Forschungsaktivitäten. Zudem darf gerade ein schrumpfreduziertes Kompositmaterial dann nur noch weniger Wasser aufnehmen als ein konventionelles Komposit, um Zahnschäden durch Quellungsprozesse zu vermeiden. Selbst wenn eines Tages für alle genannten KO-Kriterien eines Füllungsmaterials für ein dann schrumpfreduziertes Füllungsmaterial grünes Licht gegeben werden kann, bleibt noch die Kernfrage der klinischen Applikationsfähigkeit bestehen. Somit steht die große Herausforderung zu bewältigen, dass neben den erforderlichen biologischen und mechanischen Aspekten auch die Verarbeitbarkeit stimmen muss, um eine Akzeptanz in der Zahnmedizin als Füllungsmaterial zu finden. Ein schrumpfreduziertes Füllungsmaterial, das diesen Ansprüchen genügt, ist trotz aller Forschungsanstrengungen und vereinzelter viel versprechender Publikationen – die allerdings immer nur Teilaspekte untersuchen – leider noch nicht in Sicht.

Anforderungen an ein Universalkomposit

Aufgrund seines umfangreichen Indikationsspektrums werden an ein Universalkomposit weitreichende Anforderungen gestellt, die sich zum Teil sogar im Front- und Seitenzahnbereich konträr darstellen können. Die Qualität eines Universalfüllungsmaterials, welches ständig vom niedergelassenen Praktiker aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen der Lagerhaltungsaufwendungen gefordert wird, muss sich daran messen, inwieweit es diesen unterschiedlichsten Anforderungen gerecht wird.

Hauptanforderung ist sicherlich die mechanische Stabilität des Füllungsmaterials; eingeschlossen die Abrasionsresistenz. Hier stellt nach wie vor das Feinpartikel-, Feinstpartikel- und Submikrometerhybridkomposit das Material der Wahl dar. Viele Hybridkomposite befinden sich seit über einem Jahrzehnt auf dem Markt und werden weltweit im Front- und Seitenzahnbereich universell eingesetzt. Somit existiert eine immense Anwendersicherheit aufgrund der jahrelangen guten klinischen Erfahrung. Die physikalischen Daten dieser Hybridkomposite werden demnach auch immer als der „Gold-Standard“ herangezogen, an dem sich Neuentwicklungen messen müssen.

Inwieweit das hochgefüllte Mikrofüllerkomposit (Nanofüllerkomposit) seinen Ankündigungen gerecht wird, ein Submikrometerhybridkompositäquivalent zu sein, müssen zunächst unabhängige In-vitro- und In-vivo-Studien zeigen. Interne Daten des Herstellers konnten bislang mit Hybridkompositen vergleichbare physikalische Eigenschaften und damit eine vergleichbare mechanische Stabilität nachweisen. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang gerade die Langzeitstabilität der „Cluster“ jener agglomerierten Mikrofüllerpartikel und deren Resistenz gegenüber einer hydrolytischen Degradation sein. Somit muss bis zur endgültigen Bestätigung durch mechanische In-vitro-Untersuchungen nach Langzeit- Wasserlagerung sowie mindestens zwölf bis 24 Monatsdaten klinischer Studien die Euphorie über das Füllungsmaterial noch etwas unter Vorbehalt gesehen werden.

Im Seitenzahnbereich stehen bei einem Universalkomposit neben den mechanischen Eigenschaften die Verarbeitungseigenschaften des Materials im Vordergrund. Hinsichtlich dieser Verarbeitungseigenschaften muss für ein Universalkomposit die Modellierbarkeit, die Adaptierbarkeit, die Klebrigkeit und die Standfestigkeit zu einem guten Kompromiss gebraucht werden, was herstellerseitig gar nicht so einfach zu erzielen ist. Ferner spielen auch die Politurfähigkeit sowie die Farbstabilität eine Rolle.

Da in Seitenzahnkavitäten ein Höcker- Fissuren-Relief gestaltet werden muss, ist es entscheidend, dass ein Füllungsmaterial ausreichend standfest ist und die Modellation von Dreieckswülsten ermöglicht, ohne, dass bereits gestaltete Fissuren wieder zulaufen. Ferner ist es wichtig, dass gestaltete Konvexitäten in ihrer Form erhalten bleiben. Auf der anderen Seite darf das Füllungsmaterial in seiner Konsistenz nicht so fest gestaltet sein, dass es nicht modellierbar ist. Derartige Materialien können umgangssprachlich als „krümelig“ bezeichnet werden. Das Komposit muss ferner gut an den mit dem Adhäsiv vorbehandelten Zahnstrukturen adhärieren um eine effektive, spaltfreie Verbindung zu gewährleisten.

Die Ästhetik des Füllungsmaterials spielt im Seitenzahnbereich im Gegensatz zum Frontzahnbereich eine eher untergeordnete Rolle: Zwar sollte das Material seinen Eigenschaften als zahnfarbenes Füllungsmaterial gerecht werden und auf den „Sprechabstand“ von etwa 30 Zentimetern unsichtbar sein; entsprechende Transparenzeigenschaften, wie fließende Füllungsmaterialübergänge wie sie im Frontzahnbereich erforderlich sind, sind hier nicht primär notwendig. Eine ausreichende Politurfähigkeit des Materials im Seitenzahnbereich begründet seine Forderung primär nicht in der ästhetischen Wirkung des Füllungsmaterials sondern vielmehr in der Schaffung möglichst glatter Oberflächen zur Erzielung geringstmöglicher Plaqueretentionsstellen und einer Reduktion Abrasion fördernder Faktoren.

Hinsichtlich physikalischer Eigenschaften stellt die Abrasionsstabilität von Füllungsmaterialien den entscheidendsten Faktor dar. Da im Bereich der modernen Feinpartikelhybridkomposite inzwischen kaum relevante Unterschiede in ihrer Abrasion mehr festzustellen sind und die Kompositversorgung mit Feinpartikelhybriden auch im Seitenzahnbereich inzwischen von der DGZMK und der DGZ als permanente Versorgung anerkannt sind, kann die ausreichende Abrasionsstabilität bei modernen Materialien weitestgehend vorausgesetzt werden.

Für den Frontzahnbereich sind Modellierbarkeit und Adaptierbarkeit ebenso wie im Seitenzahnbereich eine entscheidende Voraussetzung für die Gestaltung randdichter und damit dauerhaft ästhetischer Restaurationen. Im Vordergrund stehen im Frontzahnbereich allerdings die ästhetischen Eigenschaften, wie Transparenz beziehungsweise Opazität des Füllungsmaterials, sowie eine möglichst optimale Politurfähigkeit zur Erzielung eines lang anhaltenden Oberflächenglanzes. Ein Füllungsmaterial für den Frontzahnbereich sollte ausreichend transparent sein, um fließende und somit unsichtbare Farbverläufe zu ermöglichen, auf der anderen Seite muss es ausreichend opak sein, um bei tunnelierenden Klasse IIIKavitäten oder Kanten-Ecken-Aufbauten ein gräuliches Durchscheinen der dunklen Mundhöhle zu verhindern. Da Transparenz und Opazität zwei entgegengesetzte Forderungen sind, die nicht gleichzeitig in optimaler Ausprägung von einem Füllungsmaterial erfüllt werden können, weicht man zwangsläufig bei größeren Restaurationen auf eine Schichtung aus opakem Kernmaterial und transparenterem Füllungsmaterial aus. Die Opazität der Opakfarben wird erzielt, in dem die Farbtiefe erhöht wird und Opakpigmente zugesetzt werden. Der Vorteil der Schichtung ist, dass der Chamäleon Effekt partiell erhalten bleibt, und folglich ein sehr guter Farbübergang vom Komposit zur Restauration erreicht werden kann. Aufgrund der höheren Opazität vermindert sich automatisch die Tiefenpenetration des Lichtes aufgrund einer höheren Streuung. Längere Polymerisationszeiten beziehungsweise geringere Schichtstärken müssen hierbei in Kauf genommen werden. Somit kann ästhetischen Ansprüchen mit lediglich einem zweischichtigen Füllungsaufbau eines Universalkomposites – ganz nach dem Vorbild der Natur – Genüge geleistet werden.

Bei einem Universalkomposit sollte man bei kleineren Defekten im Frontzahnbereich durchaus mit einer einzigen Hauptfarbe auskommen können. Hier ist eindeutig zwischen einem Universalkomposit und einem speziellen Ästhetik- Komposit zu differenzieren: Genügen für akzeptable ästhetische Versorgung mit einem Universalkomposit zwei bis drei Opakfarben für Kernaufbauten ergänzend zum Farbspektrum der Standard-Hauptfarben, so bieten spezielle Ästhetik-Komposite in der Regel für nahezu alle Hauptfarben eine im Farbton genau abgestimmte Opakfarbe und zusätzlich in der Regel einige Transparenzfarben, die allerdings in der Regel nur zur Darstellung sehr transparenter Schneidekanten zum Einsatz kommen. Diesen Anspruch will und muss ein Universalkomposit nicht generell erfüllen; allein die hohen Vorhaltungskosten der einzelnen zusätzlichen Opak- und Transparenzfarben sprechen für manchen Praktiker gegen ein spezielles Ästhetikkomposit und für ein Universalkomposit.

Eine Hochglanzpoliturfähigkeit der Kompositoberflächen ist im Frontzahnbereich entscheidend, erhöht sie zum einen die ästhetische Wirkung des Materials und verhindert andererseits aufgrund der fehlenden Mikrorauigkeiten effektiver die Auflagerung von Belägen, in die färbende Substanzen eindringen können. Somit sollte die Politurfähigkeit eines Universal-Feinpartikelhybridkomposites so nahe wie möglich an ein Mikrofüllerkomposit heranreichen, auch wenn jedem bewusst sein muss, dass die Oberflächenbeschaffenheit aufgrund der Füllkörpergröße und Struktur nicht mit einem Mikrofüllerkomposit vergleichbar sein kann.

Ästhetikkomposit und Universalkomposit

Wie definiert sich eigentlich ein Ästhetikkomposit? Wie bereits beschrieben besticht dieses – neben ausreichender mechanischer Stabilität, die inzwischen eigentlich als selbstverständlich angesehen werden muss – durch eine über dem Durchschnitt der Hybridkomposite liegende Politureigenschaft und durch eine breite Farbpalette mit genügend zusätzlichen Opak,- Transparenz- und Effektfarben. Da eine ganze Reihe sehr gut polierbarer Hybridkomposite existieren, war es nur eine logische Konsequenz, diese durch eine Erweiterung der Farbpalette zu einem Ästhetik-Komposit aufzubauen oder im Umkehrschluss Ästhetik-Hybridkomposite, die man vorrangig immer im Frontzahnbereich eingesetzt hat, auch im Seitenzahnbereich einzusetzen. Dieses Ansinnen, ein Universalkomposit zu schaffen, das gleichzeitig höchsten ästhetischen Ansprüchen genügt, wurde von einigen Herstellern in letzter Zeit konsequent verfolgt, so dass inzwischen einige Kompositsysteme angeboten werden, die einem Ästhetik-Universalkomposit für den Front- und Seitenzahnbereich entsprechen. Dies dürfte auch der zukünftige Trend der adhäsiven „High End“-Versorgungen sein: ein optimales Komposit für Front- und Seitenzahnbereich! Die ästhetischen und funktionellen Indikationen erstrecken sich hierbei über ausnahmslos alle Black‘schen Kavitätenklassen von I bis V, Form- und Farbkorrekturen, ästhetisch-restaurative Maßnahmen, wie direkte Verblendschalen und Diastemaschluss sowie Korrekturen von entwicklungsbedingten Zahndefekten (beispielsweise Schmelzdysplasie), Schienung traumatisch gelockerter Zähne und natürlich Milchzahnrestaurationen.

Komposite zur Ästhetik im Frontzahnbereich

Oftmals wird die ästhetische Qualität eines Komposites anhand dessen Transluzenz definiert, nach dem Motto: je transluzenter, desto ästhetischer“. Primär kommt es aber nicht darauf an, dass ein Material möglichst transluzent ist, sondern dass es unsichtbare Füllungen generieren kann! Hierbei ist im Endeffekt wichtig, dass eine gute Abstimmung aus Opazität und Transparenz vorhanden ist. Die Opazität eines Füllungsmaterials ist bedeutsam, um einen suffizienten Farbsättigungseffekt zu erzielen und ein Durchscheinen der dunklen Mundhöhle zu verhindern. Transluzente Anteile ergeben den Chamäleon- Effekt, der das Füllungsmaterial nahezu unsichtbar im Zahn verschwinden lässt. Hieraus ist leicht ersichtlich, dass dies mit einer Füllungsmaterialfarbe nicht erzielbar ist. Deswegen ist nahezu immer eine Schichtung aus mindestens zwei Farben gefordert – nur welche zwei? Oftmals wird eine Hauptfarbe mit durchschnittlicher Opazität mit einer transluzenten Inzisalfarbe kombiniert; eine Empfehlung, die sich zwar gut auf Gebrauchsanweisungen macht, aber nur selten in der Mundhöhle passt. Reine Transparenzmassen werden sehr selten benötigt – in weniger als fünf bis zehn Prozent der Behandlungsfälle liegen tatsächlich so transparente Inzisalkanten vor, dass hierfür eine extra Transparenzmasse zum Einsatz kommen muss. In der Regel sind die Universaloder Hauptfarben transluzent genug, um in dünneren Arealen der Schneidekanten eine ästhetische Inzisalkantengestaltung zu ermöglichen. Aber sie sind oft nicht opak genug, um genügend Farbsättigung zur Verhinderung des abdunkelnden Effektes der Mundhöhle zu ermöglichen! Deswegen muss weit häufiger bei Verwendung einer Zweischichttechnik eine Haupt- beziehungsweise Universalfarbe mit einer dazu passenden Opakfarbe kombiniert werden. Somit sollte dies die Standardkombination sein! Für Fälle, in denen dann weitere Transparentanteile benötigt werden, wird diese Zweischichttechnik dann auf drei Schichten unter Hinzunahme einer Inzisalmasse ergänzt. Die Bedeutung opaker Kernfarben ist mit auch das Erfolgsgeheimnis von Enamel HFO Plus (Schütz Dental), das sehr opake Kernfarben anbietet. Ein weiteres Beispiel ist Venus (Heraeus-Kulzer): Das Material wurde gegenüber dem Klassiker Charisma bewusst opaker eingestellt, um eine ästhetischere Wirkung des Füllungsmaterials zu ermöglichen. Der klinische Erfolg zeigt sich sehr schnell: Mit dem opakeren Venus-Material erzielt man schneller und einfacher ästhetische Restaurationen als mit Charisma. Der Vergleich zwischen diesen beiden Materialien zur Herausstellung der Bedeutung der Opazitätseinstellung eines Füllungsmaterials ist deswegen so interessant, da in beiden Materialien nahezu identische, in der Praxis bewährte Füllkörper eingesetzt werden, die bei beiden Werkstoffen aufgrund ihrer geringen Korngröße eine sehr gute Politurfähigkeit ermöglichen.

Beispiele ästhetischer Universalkomposite

Als Ästhetik-Universalkomposite werden hier Komposite einer Spitzengruppe definiert, die sich im Vergleich zur Menge angebotener Hybridkomposite gut polieren lassen, eine für ein Ästhetikkomposit adäquate Farbpalette mit ausreichend Opakfarben anbieten und von ihren Verarbeitungskriterien auch problemlos im Seitenzahnbereich angewendet werden können. Die folgenden beispielhaften Materialbeschreibungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegeln primär die subjektive Meinung der Autoren wieder, die mit den genannten Materialbeispielen gute Erfahrungen gemacht haben.

Als das Ästhetik-Komposit schlechthin wird oftmals Enamel HFO Plus (Schütz Dental, Abb. 7) angesehen. Wer die Vortragsbilder der Würzburger Schule um Klaiber und Hugo oder von Dietschi kennt, kann leicht ins Schwärmen über die nahezu unendlichen Möglichkeiten direkter Kompositversorgungen geraten. Doch sei generell angemerkt: Es ist nicht ausschließlich das Material – weit mehr als 50 Prozent trägt die zahnärztliche Kunst und das „Know How“ des Behandlers zum klinisch-ästhetischen Erfolg bei; etwas das nicht automatisch mit dem Kauf einer Intro-Packung beigegeben wird, sondern über viele Jahre Erfahrung im Umgang mit den Materialien reift. Eine gewisse „Übungsphase“ im Umgang mit den Füllungsmaterialien als auch Kenntnisse des anatomischen Aufbaus eines Zahnes sowie der optischen Beeinflussungsmöglichkeiten der ästhetischen Harmonie durch die Formgestaltung gerade im Frontzahnbereich sind für den klinischen Erfolg unabdingbar. Interessanterweise bietet Enamel HFO Plus nur A und B-Farben an; keine C- und D-Farben. Und noch interessanter ist, dass dies in der Regel auch ausreicht!

So richtig aufmerksam auf ein Ästhetikkomposit wurde man in Deutschland mit der Markteinführung von EsthetX (Dentsply/ DeTrey, Abb. 8), das allen ästhetischen Ansprüchen an ein Ästhetik- und Universalkomposit im Front und Seitenzahnberich genügte. Mit diesem Füllungsmaterial können sehr schöne Front- und Seitenzahnversorgungen erstellt werden – vorausgesetzt man verzichtet in den meisten Fällen auf die transparenten Inzisalfarben. Mit der Kombination aus opaker Kernfarbe und Hauptfarbe ist man in den meisten Fällen gut beraten. Sehr schön ist bei dem System die Gestaltung des Farbringes gelöst, der zwar nicht aus Originalmaterial besteht, aber über den aufgeprägten Farbschlüssel eine einfache Kombinationsanleitung der verschiedenen Opazitäten erlaubt.

Das feinkörnigste und damit am besten polierbare Hybridkomposit kommt von sds Kerr: Der Name Point 4 soll die mittlere Korngröße der Füllkörper beschreiben.

Point 4 wurde allerdings erst als Universal- Ästhetikkomposit interessant, als verspätet nach der Markteinführung eine ausreichende Zahl von Opakfarben integriert wurde. Diese sind ein wirklicher Gewinn für das System, ohne die das Material eindeutig zu transparent wäre und keine optimalen Ergebnisse erlaubte (Abb. 9).

Bei der Korngrößenangabe muss aber generell bedacht werden, dass die mittlere Korngröße zwar bedeutsam ist, es aber auch auf die Streubreite der Korngrößen ankommt. Hier hüllen sich viele Hersteller in Schweigen (Ausnahme Heraeus-Kulzer mit Charisma und Venus, bei denen die maximale Korngröße mit zwei μm angegeben wird; bei einer mittleren Korngröße von 0,7 μm). Eine kleine mittlere Korngröße bringt keinen sonderlichen Gewinn in der Politureigenschaft, wenn gleichzeitig große „Felsbrocken“ von bis zu zehn μm miteingebaut sind!

Hinsichtlich der Politureigenschaft steht mit Charisma (Heraeus-Kulzer) seit nunmehr über einem Jahrzehnt ein Hybridkomposit mit bis dato nahezu unerreichter Feinkörnigkeit zu Verfügung. Dass sich das Material nicht so stark als Ästhetik-Komposit durchgesetzt hatte, mag zum einen an der zu hohen Transparenz des Füllungsmaterials liegen, die nur schwer mit den zur Verfügung stehenden Opakfarben kompensiert werden konnte. Die Fließfähigkeit des Materials, welche ein optimales Anfließen an das auf dem Zahn applizierte Adhäsiv ermöglicht, mag vielleicht einer der Gründe für die sehr guten Langzeitergebnisse des Materials sein; bei der Gestaltung einer Seitenzahnfüllung oder der Modellation eines größeren Frontzahnaufbaus war dies zum Teil aber eher hinderlich, da die modellierten Strukturen sehr schnell zusammengeflossen sind. All diese Anforderungen wie verbesserte Standfestigkeit und höhere Opazität wurden nun in einem neuen Universal-Ästhetikkomposit (Venus, Heraeus-Kulzer, Abb. 10) aus gleichem Hause umgesetzt: Die höhere Standfestigkeit des Materials erlaubt eine leichtere Modellation anatomischer Strukturen und die nun optimal eingestellte Opazität liefert hervorragende ästhetische Resultate. Die sehr breite Farbpalette, die ausreichend Basis-, Opak- und Spezialfarben enthält, liefert eine Besonderheit: Erstmals wurde eine Füllungsfarbe „A2,5“ kreiert. Dies macht durchaus Sinn, da A2 und A 3 die meist verwendeten Füllungsfarben sind. Bislang musste man sich bei diesen Zwischenfarben mit einer Kombination aus A3- Kernaufbau und A2-Überschichtung behelfen. Auch der Situation dunklerer Zahnbereiche bei älteren Patienten wurde mit ausreichend C und D Farben sowie einer Erweiterung der A Farben um die A5 Rechnung getragen. Besonders hellen Zahnfarben nach Bleaching-Behandlung kommen spezielle Bleachfarben entgegen. Der Farbring aus Originalmaterial erlaubt nun die einfachere Identifikation dieses Zwischenfarbtons.

Nicht in die Gruppe der Hybridkomposite gehört das als Nanofüllerkomposit bezeichnete Filtek Supreme (3M Espe, Abb. 11). Aufgrund seiner Füllkörper und damit der werkstoffkundlichen Grundeinteilungsparameter gehört das Material eigentlich in die Gruppe der Mikrofüllerkomposite; aufgrund seiner mechanischen Eigenschaften allerdings eher in die Gruppe der universell einsetzbareren Hybridkomposite. Das Material mit einer sehr breiten Farbpalette aus opaken Dentinfarben, Hauptfarben, Schmelzfarben und Spezialfarben lässt sich aufgrund seiner extrem kleinen Füllkörper hervorragend polieren – ein echter Gewinn für ein Ästhetikkomposit. Auch die Modellierbarkeit und die Standfestigkeit können als optimal bezeichnet werden. Sicherlich können viele Praktiker mit weiteren hochqualitativen Hybridkomposit-Füllungsmaterialien hervorragende ästhetische und funktionelle Ergebnisse im Front- und Seitenzahnbereich erzielen; gerade Materialien wie Tetric Ceram (Vivadent) oder Herculite XRV (sds Kerr) erfreuen sich in Deutschland nicht umsonst starker Beliebtheit. Das mit den vorgestellten Materialien ebenso ästhetische und funktionelle Seitenzahnversorgungen möglich sind liegt auf der Hand. Gerade die angepassten Handlingseigenschaften erleichtern die Plazierung, Adaptation und Modellierung der Füllungsmaterialien im Seitenzahnbereich enorm. Die Auswahl eines Füllungsmaterials aus dem Bereich der Hybridkomposite bleibt sicherlich eine gewisse „Geschmackssache“ des individuellen Anwenders. Anwenderspezifische Gesichtspunkte, wie Verarbeitbarkeit oder auch der Preis, haben hier oftmals einen höheren Stellenwert als materialkundliche Parameter oder subjektive Empfehlungen anderer Anwender.

Komposit – quo vadis?

Auf dem Bereich der ästhetischen „High- End“-Versorgungen dürften in der nächsten Zeit schwer Alternativen zum klassischen Hybridkomposit in Kombination mit der konventionellen Adhäsivtechnik gefunden werden. Es zeichnet sich lediglich ein Trend zur vermehrten Verwendung selbstkonditionierender Materialien ab. Hierbei sollte aber neben dem schnellen Blick auf Haftwerte auch ein Augenmerk auf die Langzeitstabilität des adhäsiven Verbundes gelegt werden. Füllungen, die zwar nach USPHSKriterien noch funktionell sind, mögen die Patienten durchaus mit Randverfärbungen, die zwar klinisch unproblematischen sind, aber dennoch stören, eventuell weniger begeistern – vor allem, wenn viel Geld für eine „ästhetische“ Restauration bezahlt wurde. Hier ist es manchmal ratsam konservativ zu denken und bei bewährten Systemen zu bleiben, bis innovative Materialien auch über längere Zeit zeigen konnten, dass sie vergleichbare klinische ästhetische und funktionelle Langzeitergebnisse garantieren können. Neben dem hochqualitativen ästhetischen Versorgungen dürfte in den nächsten Jahren eine Parallelentwicklung der Komposite für die vereinfachte, konventionelle Anwendung anstehen, die zwar zahnfarben sind, aber eben nicht höchsten individuellen Farbanpassungen genügen. Die Zahnmedizin wartet immer noch auf eine Art „Amalgamersatz“, also ein langzeitstabiles Füllungsmaterial, welches unkompliziert (man sollte vielleicht den Begriff „einfach“ vermeiden, da Amalgam per se auch nicht einfach zu verarbeiten ist) anzuwenden ist. Alle bisher hierfür zur Verfügung stehenden Materialien kommen nicht als eigentlicher Amalgamersatz zur Anwendung. Konventionelle Komposite scheiden aufgrund ihrer komplexen und sehr zeitaufwändigen Verarbeitung von vorne herein aus. Für alle anderen – in zeitlich kürzerem Verarbeitungsrahmen – einsetzbaren Materialien wurde nicht ohne Grund die Indikation „semipermanente Versorgung“ neu geschaffen, um dem Begriff Dauerprovisorium eine wissenschaftlichere Betonung zu geben. Somit ist die Industrie gefordert, hier in diesem Segment ihre Forschungsanstrengungen zu konzentrieren, um endlich Patienten plastische Langzeitversorgungen außerhalb der Amalgamlinie eventuell auch ohne Zuzahlung anbieten zu können. Die Markteinführung des ersten selbstkonditionierenden, selbstadhäsiven Materials als „Befestigungskomposit-Zement-undwasweißichnochalles“ ist hierfür schon ein viel versprechender Ansatz. Die konsequente Weiterentwicklung wäre dann die selbstadhäsive Aufbaufüllung und dann vielleicht eines Tages das selbstkonditionierende, selbstadhäsive, schrumpfreduzierte, dualhärtende Kompositfüllungsmaterial. („voice-controlled-curing“ wollen wir noch mal außer Acht lassen!)

Priv.Doz. Dr. Claus-Peter Ernst
Prof. Dr. Brita Willershausen
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Klinikums der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Augustusplatz 2
55131 Mainz



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