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01.11.09 / 00:10
Heft 21/2009 Gesellschaft
Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin

Eine neue Heimat für den Neandertaler

Keine andere Theorie hat unser Weltbild in den letzen 150 Jahren so nachhaltig verändert wie die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Einen Zweig der menschlichen Entwicklung stellt der Neandertaler da. Im Neuen Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin finden sich dazu beredte Zeugnisse: Der Neandertalerschädel von Le Moustier und der Schädel eines Homo sapiens sapiens von Combe Capelle. Auch sie sind jetzt umgezogen in den neuen Bau auf der Museumsinsel.




Im Jahre 1859 hat Charles Robert Darwin (1809–1882) sein revolutionäres Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life” veröffentlicht. Dort ging er noch nicht auf die Abstammung des Menschen vom Affen ein. Erst in seiner Schrift „The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“ von 1871 wurde diese These aufgestellt. In seinen Büchern fanden schließlich die wissenschaftlichen Erkenntnisse Eingang, die Darwin aus den Beobachtungen während einer fünfjährigen (von 1831–1836) Weltumsegelung mit dem britischen Vermessungsschiff „Beagle“ gewonnen hatte. Diese Reise führte den britischen Naturforscher seit dem Start im Dezember 1831 unter anderem nach Südamerika, auf die Galapagosinseln, nach Tahiti, Neuseeland, Australien und Südafrika. Auf der Forschungsreise sammelte Darwin umfangreiches Material an Fossilien, Tieren und Pflanzen. Seine Publikationen rüttelten nicht nur die Biologie auf, sondern beeinflussten auch die Kultur- und Geisteswissenschaften des 19. Jahrhunderts stark.

Für die Kirche waren Darwins Äußerungen nach den Freiheitsideen der Französischen Revolution der zweite große Schock. Die Schöpfungsgeschichte (1. Buch Mose, Genesis 1,2), wie sie in der Bibel steht, wurde fundamental in Frage gestellt. War der Mensch doch nicht mehr von Anbeginn der Welt an das höchste von Gott geschaffene Geschöpf, sondern ein Produkt der Evolution? „Wir müssen indessen anerkennen, wie mir scheint, dass der Mensch mit allen seinen edlen Eigenschaften, … mit seinem gottähnlichen Intellect, welcher in die Bewegungen und die Constitution des Sonnensystems eingedrungen ist, mit allen diesen Kräften doch noch in seinem Körper den unauslöschlichen Stempel eines niederen Ursprungs trägt.“ (aus: Charles Darwin´s gesammelte Werke, Bd. 2, Die Abstammung des Menschen, Stuttgart 1875, S. 380)

Unterschiede zum modernen Menschen

Der Homo sapiens neanderthalensis trotzte über 150 000 Jahre den schwierigsten klimatischen Bedingungen auf unserer Erde. Im Vergleich dazu muss der moderne Mensch, der seit etwa 100 000 Jahren die Welt besiedelt, noch zeigen, dass er ungünstige Lebensbedingungen meisten kann.

Die parallele Existenz von modernen Menschen und Neandertalern für eine gewisse Zeitspanne ist ein Indiz für Darwins Theorie. Der Neandertaler stellt einen Zweig der Menschheitsentwicklung dar. Den Kräften der Evolution ausgesetzt, unterlag er dann schließlich doch dem heutigen Menschen, der besser an die damaligen Lebensbedingungen angepasst war.

Auch in seinem Gebiss unterscheidet er sich deutlich vom modernen Menschen. Was uns heute direkt ins Auge fällt, ist das fliehende Kinn. Bedingt durch die verhältnismäßig hohen und langen Kiefer wirken Neandertalerschädel prognath, das heißt, die untere Gesichtshälfte springt hervor. Die Mandibulaäste des Neandertalers waren breiter und standen in einem steileren Winkel zur Mandibula. Dadurch entstand die sogenannte Neandertalerlücke. Diese Lücke von etwa einem Zentimeter entsteht zwischen den letzten Molaren und dem Mandibulaast.

Die Kieferhöhle des Neandertalers war im Vergleich zum heutigen Menschen aufgebläht. Die Wangengruben an den Seiten der Maxilla fehlten ihm. Er hatte zudem große und hohe Pulpahöhlen. Das Zahnbein und der Zahnschmelz waren beim Neandertaler, im Unterschied zu uns, anders miteinander verbunden. Beim Homo sapiens neanderthalensis war die Verbindungsstelle wie ein „Gebirge“ gestaltet, während sie beim Homo sapiens sapiens wie eine „Hügellandschaft“ aussieht. Ein weiteres Merkmal der Neandertalerzähne ist die sogenannte Taurodontie. Dies bedeutet, dass sich die Zahnwurzeln der hinteren Backenzähne erst kurz vor den Spitzen in Äste aufteilen.

Schneidezähne in Schaufelform

Die Anzahl der Zähne des Neandertalers entsprach der des modernen Menschen. Auch die Form der Zähne und die Gestalt der Zahnkronen waren identisch. Allerdings hatte er vergrößerte Schneidezähne in Schaufelform. Einige Forscher gehen davon aus, dass der Neandertaler seine Zähne auch als Werkzeug benutzte und die Gebissunterschiede zum heutigen Menschen aus dieser Tatsache herrühren. Aber nicht alle Wissenschaftler teilen diese Überzeugung. „Diese ’teeth-as-tool-Hypothese’ (Smith 1983) besagt, dass ein Verhaltenswechsel zum Wandel der Gesichtsmorphologie führte und dass para- und nichtmastikatorischer Einsatz der Frontzähne für das spezifische kraniofaziale Merkmalsbild der Neanderthaler und älterer Homininen-Taxa verantwortlich ist.“ (in: Stammesgeschichte des Menschen, Winfried Henke und Hartmut Rothe, Berlin u. a. 1999, S. 249)

Bei einigen Neandertalerzähnen zeigen sich sogenannte Zahnstocherrillen. Diese Spuren könnten von Gegenständen stammen, mit denen sich die Neandertaler die Zähne gereinigt haben. In Frage kommen da Grashalme oder auch Splitter von Rentierknochen und -geweihen.

Anschaulich belegt wird dies durch einen Neandertalschädel, der in Le Moustier gefunden wurde. Er weist eine Zahnanomalie auf. Das Gebiss besitzt einen persistierenden Milcheckzahn sowie den verbleibenden eingekeilten Eckzahn.

Interessante Entdeckungsgeschichte

Dieser Neandertalerschädel von Le Moustier sowie der Schädel eines Homo sapiens sapiens von Combe Capelle, die zur Sammlung des Museums für Vor- und Frühgeschichte gehören, haben eine interessante Entdeckungsgeschichte.

Am 7. März 1908 wurde das Skelett eines jungen Neandertalers von dem Schweizer Archäologen Dr. Otto Hauser (1874–1932) in Le Moustier (Departement Dordogne, Südfrankreich) entdeckt. Das Alter des Fundes wird auf 40 000 bis zu 56 000 Jahre geschätzt. Nach neueren Forschungen muss der Neanderthaler etwa elf Jahre alt gewesen sein. Mit der Ausgrabung des Skelettfundes wurde unter dem Beisein von weiteren neun Experten am 12. August begonnen.

Die Überreste des Homo sapiens sapiens, genauer gesagt eines „Homo Aurignaciensis“ wurden von Hauser am 11. September 1909 in Combe Capelle geborgen.

Beide Skelettfunde bot der Archäologe mit weiteren Artefakten dem Königlichen Museum für Völkerkunde in Berlin an. Otto Hauser erhielt allein für die Skelette die außerordentlich hohe Summe von 110 000 Goldmark (der Gesamtbetrag lag bei 160 000 Goldmark). In Berlin wurde für den Erwerb der Skelette fleißig Geld gespendet. Zu den Geldgebern gehörte auch Kaiser Wilhelm II.

Um den Kaufpreis gab es nicht unerheblichen Wirbel. Zudem geriet Hauser in Frankreich in die Kritik, weil er die Funde ausgerechnet nach Deutschland verkauft hatte. Als Folge erließ der französische Staat 1913 ein Gesetz zum Schutz der Altertümer. Finanziell haben die Funde Otto Hauser letztendlich doch kein Glück gebracht, er stand 1913 vor dem Bankrott. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs musste Hauser mit seiner Familie Frankreich verlassen und sein Besitz dort ging verloren. Später lebte Dr. Hauser in Berlin, wo er 1932 starb.

Wechselvolle Geschichte

Die Funde aus Frankreich befanden sich seit Dezember 1909 in Berlin und haben bis zum heutigen Tag eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Im Zweiten Weltkrieg waren die Funde zeitweise im Flakbunker am Berliner Zoo eingelagert und wurden Anfang 1945 außerhalb von Berlin deponiert. Nach dem Krieg galt der Skelettfund aus Le Moustier zunächst als verschollen, bis eine Mitarbeiterin des Museum für Urund Frühgeschichte in (Ost-)Berlin 1965 die Teilstücke des Schädels wiederentdeckte. Damals wurden die Teile nur provisorisch zusammengesetzt, zumal Reste der Wangenbeine, die Oberkieferfragmente und der erste rechte Schneidezahn der Maxilla verloren gegangen waren.

In den 1990er Jahren wurde der Neandertalerschädel eingehenden Forschungen unterzogen. Dazu gehörten unter anderem auch Untersuchungen mit Computertomographen. (Hoffmann, Almut, Zur Geschichte des Fundes von Le Moustier, in: Acta Praehistorica et Archaeologica, 29, 1997, S. 7-16)

Kay Lutze
Lievenstr. 13
40724 Hilden
kaylutze@ish.de

• Viel Wissenswertes über den Neandertaler findet sich im Neanderthal Museum. Mehr dazu unter: www.neanderthal.de. Siehe zu demselben Thema auch den Bericht in den zm 5/2007, S. 110-111.

INFO

Neues Museum Berlin

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte ist umgezogen und am 17. Oktober wiedereröffnet worden. Bisher waren die Sammlungen im sogenannten Langhansbau des Charlottenburger Schlosses zu sehen. Zu den frühen Förderern des Museums gehörten unter anderem Rudolf Virchow und Heinrich Schliemann. Wie schon einmal in seiner Geschichte wird das Museum nun seinen Platz im Neuen Museum auf der Museumsinsel finden.

Der Bau wurde nach den Plänen von Friedrich August Stüler in der Zeit zwischen 1843 und 1846 erbaut. Es war der erste Bau, der nach der Gesamtkonzeption des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. für die Museumsinsel fertiggestellt wurde. Wegen der Wirren während der Revolution von 1848/49 konnte das Gebäude erst 1856 eröffnet werden. Von Stüler stammt auch die Kuppel des Berliner Stadtschlosses, das bald wieder entsteht, oder die Burg Hohenzollern bei Hechingen.

Das Neue Museum wurde von dem grandiosen Architekturkomplex auf der Museumsinsel während des Zweiten Weltkriegs am stärksten beschädigt. Nun ist der Bau von dem britischen Architekten David Chipperfield wiederhergestellt worden. Erhaltene Bauteile wurden restauriert, Narben des Krieges sichtbar gehalten und neue architektonische Akzente, wie mit dem modernen Treppenhaus, gesetzt.

Neben dem Museum für Vor- und Frühgeschichte ziehen in den neuen/alten Bau auch das Ägyptische Museum und die Papyrussammlung ein. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Kunstschätze aus dem Land der Pharaonen im Neuen Museum zu sehen. In der Mode des 19. Jahrhunderts entstand auch ein nachempfundener Ägyptischer Hof. Die wohl unbestrittene „Herrscherin“ des Museums wird sicher Nofretete sein.

• Museum für Vor- und Frühgeschichte
Neues Museum
Bodestraße 1–3
10178 Berlin
Öffnungszeiten:
So – Mi 10:00 Uhr – 18:00 Uhr,
Do – Sa 10:00 Uhr – 20:00 Uhr
www.neues-museum.de



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