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01.12.07 / 00:05
Heft 23/2007 Zahnmedizin
19. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie

Eine rundum ergonomische Tagung

Nach der erfolgreichen Jahrestagung 2006 in Porto, Portugal, trafen sich in diesem Jahr am 1. und 2. Juni an der zahnärztlichen Ergonomie interessierte Vertreter aus Industrie, von Hochschulen sowie praktizierende Zahnärzte im rumänischen Constanta.




Der Präsident der Rumänischen Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie (EGZE), Dr. Cristian Andrej Comes, Bukarest, und der Präsident der EGZE, Prof. Dr. drs. drs. Jerome Rotgans, Aachen, konnten knapp 100 Kolleginnen und Kollegen sowie Vertreter der Industrie zu einem interessanten Tagungsprogramm einschließlich Hands- On-Kursen im Campus-Gebäude der Universität und der dortigen Zahnklinik begrüßen. Die Teilnehmer der Tagung kamen aus den zwölf europäischen Nationen Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Italien, Israel, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakien und Spanien.

Ergonomie interdisziplinär

Themenschwerpunkte waren in diesem Jahr neue Entwicklungen auf dem Gebiet der zahnärztlichen Ergonomie, die Ausbildung an den Hochschulen und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen auch aus dem nicht zahnärztlichen Bereich. Das Programm verteilte sich in zehn Programmblöcken über zwei Tage, wobei Hands-on-Demonstrationen und Übungen im Rotationsverfahren in der Zahnklinik stattfanden.

Im ersten Vortragsabschnitt „Developments in Ergonomics“ berichtete der EGZEPräsident über die Vergangenheit, den Status quo und die Zukunft der Organisation und stellte fest, dass die EGZE nach ihrem Tiefpunkt in 2004 wieder aktiv und auf einem guten Weg ist. Zur Strukturierung der zukünftigen Arbeit definierte Professor Rotgans fünf Pfeiler, auf denen der Erfolg der zahnärztlichen Ergonomie in Europa gründen soll: Jahrestagungen (die bis 2010 gesichert sind: Italien, Polen, Belgien); ergonomie- evident basierte Entwicklung von zahnärztlicher Ausrüstung; das während der Jahrestagung der Association of Dental Education in Europe 2006 in Krakow lancierte DentErgoEd-Projekt; die Gründung von nationalen Ergonomie-Gesellschaften und schließlich die Beteiligung an wissenschaftlichen Projekten (beispielsweise im Rahmen von FP7 der EU).

Digitale Technologie und Ergonomie

Im zweiten Vortragsblock „IT in Dental Equipment“ konnten Kim Soerensen, Dänemark, und Osku Sundqvist, Finnland, Möglichkeiten und Auswirkungen digitaler Technologie auf Funktion und Abläufe rund um den zahnärztlichen Arbeitsplatz zeigen. Es wurde deutlich, dass IT völlig neue Möglichkeiten erschließt, Arbeitsabläufe zu strukturieren und zu vereinfachen. Allerdings muss die Einbindung in das Arbeitsumfeld der Zahnarztpraxis noch diskutiert und möglichst durch Studien evaluiert werden. Die Akzeptanz der Zahnärzte für solche neuen Technologien kann offenbar nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden, es ist dazu noch viel Aufklärungsund Überzeugungsarbeit erforderlich.

Kopfstützen im Visier

Im dritten Vortragsblock „Development of Equipment“ berichteten zwei weitere Vertreter aus der Industrie, Nicole Eloo, Deutschland, und Richard Goet, Niederlande, über Überlegungen zur Entwicklung von Kopfstützen. Verschiedene Philosophien offenbarten sich, die dennoch alle zu ergonomisch vertretbaren Ergebnissen führen. Die Notwendigkeit für einen intensiven Erfahrungsaustausch zwischen Industrie und Anwendern wurde in beeindruckender Weise offensichtlich. Nur so ist es möglich, sinnvolle Entwicklungen voranzubringen und Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Die von der Arbeitsgruppe um Professor Hokwerda, Niederlande, in den letzten Jahren entwickelten und bereits auf den letzten beiden Jahrestagungen in ihrer Entwicklung vorgestellten „Ergonomic Requirements for Dental Equipment“ stellen in sofern eine wichtige evidenz-basierte Grundlage für die Überlegungen der Industrie und für die zahnärztliche Ausbildung dar.

Ausbildung an der Hochschule

Der zweite Themenschwerpunkt, die Ausbildung auf dem Gebiet der zahnärztlichen Ergonomie, („Teaching Dental Ergonomics“), wurde durch sechs Vorträge von Werner Betz, Deutschland, Rolf de Ruijter, Niederlande, Lars Bergmans, Belgien, Alan Hopwood, Großbritannien, Oene Hokwerda, Niederlande, und Mirella Anghel, Rumänien, behandelt. Es konnte übereinstimmend festgestellt werden, dass die Ergonomie ein bisher noch nicht konsequent in den Curricula berücksichtigtes Ausbildungsthema ist, obwohl aktuelle Studien an verschiedenen Universitäten zeigen, dass bereits mehr als zwei Drittel der Studierenden der höheren Semester über Beschwerden klagen, die auf die Belastung bei der zahnärztlichen Tätigkeit zurückzuführen sind.

In den Niederlanden ist zu beobachten, dass die von der EU-Legislative gestützten nationalen Arbeitsschutzgesetze dahingehend ausgelegt werden, dass Studierende als Arbeitnehmer verstanden werden, welche Anspruch auf ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze haben. Somit wäre die Verantwortung von Industrie, Arbeitgebern und Hochschulen für eine möglichst wenig belastende Berufsausübung juristisch definiert. Es könnten also zukünftig Rechtsfolgen aufgrund unzureichender Ausbildung und Bereitstellung ergonomisch mangelhafter Arbeitsplätze entstehen.

Die Rahmenbedingungen für die studentische Ausbildung unter dem Gesichtspunkt der Ergonomie sind europaweit noch sehr unterschiedlich. Sowohl die personelle Besetzung als auch die Ausstattung mit Geräten weichen teilweise extrem voneinander ab, so dass es nicht überraschen kann, dass der Kenntnis- und Erfahrungsstand in zahnärztlicher Ergonomie bei Zahnärztinnen und Zahnärzten nach der Hochschulausbildung von „rudimentär“ bis „relativ gut“ reicht. Die Referenten betonten die Bedeutung einer fundierten Ausbildung in Ergonomie zu einem möglichst frühen Zeitpunkt des Studiums, damit die Studierenden bereits vor dem Erlernen typischer zahnärztlicher Behandlungsabläufe die ergonomischen Grundlagen kennen gelernt und trainiert haben. Nur so könnte zukünftig die Zahl berufsbedingter Beschwerden und Erkrankungen verringert werden.

Forschungsschwerpunkte

Cristian Comes referierte in seinem Vortrag „Research in Dental Ergonomics“, über Möglichkeiten der Forschung auf dem Gebiet der zahnärztlichen Ergonomie. Hierbei wurde auch ein im Rahmen der Ausschreibung des „Seventh Research Framework Programme“ (FP7) der EU geplantes Forschungsprojekt vorgestellt.

Bei der Mitgliederversammlung wurde das Zukunftskonzept des Präsidenten sowie der Vorstand mit neuem Secretary-General, Dr. Mieke de Bruyne aus dem belgischen Gent, und einer weiteren Beisitzerin, Dr. Anna Szymanska aus dem polnischen Wroclaw, bestätigt.

Prismen-Lupenbrille für entspannte Kopfhaltung

Der zweite Tag wurde eingeleitet mit dem sechsten Vortragsabschnitt „Spectacles with Prism Segments“, in dem Joseph Wouters, Niederlande, ein spezielles Prismen- Lupenbrillen-System vorstellte, mit dem eine entspannte Kopfhaltung erreicht werden kann. Veronica Argesanu, Technische Universität Timisoara, Rumänien, berichtete über Möglichkeiten der Unterstützung durch technische Disziplinen bei der Erforschung ergonomischer Prinzipien und Auswirkungen von Geräteanwendungen und Arbeitsabläufen („Dental Ergonomics mirrored in Mechatronics“ im siebten Vortragsabschnitt „Important Aspects for the Application of Ergonomics“). Hier wurde klar, wie unverzichtbar die Zusammenarbeit für den Zahnarzt mit Spezialisten anderer Fachgebiete ist, wenn Randgebiete der Zahnmedizin betreten werden. Man konnte Einblick gewinnen in Technologien und Verfahren, die dem Zahnmediziner völlig fremd sind und die für die Berufsausübung indirekt eine Relevanz besitzen.

Im abschließenden, achten Referat wurde von Mirella Anghel und Cristian Comes der Themenkomplex „Physical and Musculoskeletal Disorders“ mit dem gemeinsamen Beitrag „Assessment of Professional related Disorders in Romanian Dentists“ beleuchtet.

Mit der allgemeinen Einführung „Ten Golden Rules for optimal personal health and their consequences for the working conditions in dental practise” durch den Präsidenten und engagiert flankiert vom Vize-Präsidenten bildeten praktische Demonstrationen und Übungen durch die Teilnehmer in Hands-on-Kursen in der Zahnklinik von Constanta den letzten Teil der Tagung, die mit Schlussworten der Tagungsleiter und mit dem Blick auf die nächste Jahrestagung der EGZE in Italien 2008 ausklang.

Prof. Dr. drs. drs. Jerome Rotgans
Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen
Pawelstraße 30
52074 Aachen
jrotgans@ukaachen.de

INFO

Immer eine Reise wert

Constanta war für die Europäische Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie aus vielerlei Sicht ein besonderer Tagungsort. Nicht nur, weil die Stadt im neuen EU-Staat Rumänien und am Schwarzen Meer liegt und schon deshalb eine Reise wert war, sondern auch, weil die Gesellschaft von der Medizinischen Universität im bulgarischen Varna und der Zahnmedizinischen Fakultät der „Ovidius” Universität mit der neu gegründeten Rumänischen Gesellschaft für Zahnärztliche Ergonomie zur Durchführung ihrer Tagung in großzügiger Weise eingeladen worden war.

Das Tagungsthema des Gastgebers „Oral Prophylaxis – Health for the Patient“ wurde durch das EGZETagungsthema „Dental Ergonomics – Health for the Dental Team“ sehr passend ergänzt.



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