pr
16.05.17 / 00:01
Heft 10/2017 Leitartikel

„Erforderlich ist ein gemeinsamer Kraftakt“



Dr. Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der KZBV: "Gegen Parodontitis hilft nur Folgendes: mehr Prävention, mehr Aufklärung und mehr sprechende Zahnmedizin." © KZBV-Baumann

Mit Vorstellung des Barmer-Zahnreports 2017 unter der Überschrift „Parodontitis-Therapie erfolgt oftmals zu spät“ ist das PAR-Thema erneut in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Der Report weist mit Recht darauf hin, dass Parodontitis eine Volkskrankheit ist, dass die Therapie bei vielen Patienten oft zu spät greift und dass die jährliche Kontrolle beim Zahnarzt einen umso höheren Stellenwert einnehmen sollte, vor allem wenn es sich um Risikopatienten handelt.

Die KZBV hat dies zum Anlass genommen, um erneut Verbesserungen bei der Parodontitisversorgung anzumahnen. Denn: Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung wird die Umsetzung eines bedarfsgerechten und dem Stand der Wissenschaft entsprechenden Versorgungskonzepts für die Behandlung von Parodontalerkrankungen eine der größten Herausforderungen sein. Unser Appell geht sowohl an die Krankenkassen wie auch an die Politik. In der Tat werden die Bedeutung der zunächst schmerzlosen Volkskrankheit und deren Zusammenhänge mit Diabetes, Pneumonien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Frühgeburten stark unterschätzt. Viele Patienten meinen fälschlicherweise, es handele sich um eine Bagatellerkrankung. Dagegen hilft nur Folgendes: mehr Prävention, mehr Aufklärung und mehr sprechende Zahnmedizin.

Die Zahlen der Fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) belegen: Der tatsächliche Behandlungsbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung und der damit einhergehenden Morbiditätskompression steigt prognostisch an. Bereits jetzt ist jeder zweite jüngere Erwachsene (52 Prozent) betroffen: 43 Prozent weisen eine moderate und rund jeder Zwölfte eine schwere Parodontitis auf.
 Uns Zahnärzten ist schon lange bewusst, dass der gegenwärtige GKV-Leistungskatalog mit Blick auf Prävention und Nachsorge überholt und veraltet ist – er steht auf dem Erkenntnislevel der 70er-Jahre und entspricht längst nicht mehr dem heutigen Stand der Wissenschaft. Wesentliche Bausteine einer präventionsorientierten Versorgungsstrecke fehlen. Hierzu zählen die Möglichkeit des Zahnarztes zur individuellen Aufklärung, Motivation und Remotivation der Patienten, eine regelmäßige Verlaufskontrolle im Sinne einer qualitätsgesicherten Evaluation sowie ein strukturiertes Nachsorgeprogramm im Sinne der Unterstützenden Parodontitistherapie (UPT).

Deswegen ist es eines der wichtigsten Vorhaben des neuen KZBV-Vorstands, die Umsetzung einer modernen Behandlung parodontaler Erkrankungen politisch voranzutreiben. Unter der Federführung der KZBV wird derzeit ein entsprechendes Versorgungskonzept für die GKV weiterentwickelt. Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG Paro) und unter Beteiligung der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) hinterfragt das Konzept die bisher in der G-BA-Behandlungsrichtlinie und im Einheitlichen Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen (BEMA) abgebildete Therapiestrecke. Geprüft wird insbesondere die Einbindung von Präventionskonzepten einschließlich der UPT in den Leistungskatalog.

Was die Umsetzung betrifft, liegt jedoch noch ein steiniger Weg vor uns. Das hat sich erst vor Kurzem wieder gezeigt, als das IQWiG das Ergebnis seines Vorberichts zum Stand der Therapie von Parodontalerkrankungen vorgelegt hat. Derartige Ergebnisse – das IQWiG attestierte dem Großteil der PAR-Behandlungen keinen Nutzen – lassen uns ungläubig den Kopf schütteln, denn sie untergraben die Entscheidungsgrundlage für weitere Beratungen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).
Wir Zahnärzte wissen: Parodontitis kann durch regelmäßige Prophylaxe und mundgesundes Verhalten in den meisten Fällen vermieden werden. Das haben – wie der Barmer--Zahnreport zeigt – auch die Kassen erkannt. Daher sollten die Kassen die Vorschläge der KZBV für konkrete Versorgungsverbesserungen mittragen, besonders im G-BA. Ich fordere daher Politik und Kostenträger auf, die Zahnärzteschaft beim präventionsorientierten Turnaround in der Parodontitistherapie zu unterstützen, der bei der Karies-Bekämpfung ja schon gelungen ist. Erforderlich ist ein gemeinsamer Kraftakt von Zahnärzten, Politik und Selbstverwaltung.



Mehr zum Thema


Anzeige
Kommentare

Leserkommentare (0)

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können