mg
16.03.13 / 12:30
Heft 06/2013 Gesellschaft
TK-Ernährungsstudie

Es fehlt an Work-Eat-Balance

„Essen verkommt zu einer Bagatelle, die man nebenher erledigen muss.“ So fasst Dr. Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, ein Ergebnis der Ernährungsstudie „Iss was, Deutschland?“ zusammen. Die repräsentative Umfrage belegt eine Vielzahl von Vermutungen zum Essverhalten der Deutschen: 20 Prozent kochen gar nicht mehr, sondern essen Fertigprodukte. 50 Prozent der Berufstätigen klagen über Zeitmangel – und essen unterwegs oder während der Arbeit.




„Wir sehen ganz klar, die mobile Gesellschaft fordert auch beim Essen ihren Tribut“, sagt Baas, „denn es kommt auf die Geschwindigkeit an.“ So gibt jeder zweite Befragte an, „für eine gesunde Ernährung“    fehle ihm die Zeit.

29 Prozent schieben es auf die schlechten Voraussetzungen am Arbeitsplatz, doch auch mangelnden „Willen“ oder mangelndes „Durchhaltevermögen“ nennen 40 beziehungsweise 43 Prozent als Gründe – deutlich vor zu wenig „Geld“ (22 Prozent), „Wissen“ (19 Prozent) oder „Kochkenntnissen“ (20 Prozent).

„Unsere Untersuchung zeigt, dass die Menschen sehr genau wissen, was gesunde Ernährung ist“, sagt Baas. „Sie wissen, dass sie mehr Gemüse essen sollen, dass sie öfter mal Fisch statt Fleisch essen sollen, dass sie selber kochen sollen und nicht so viele Fertiggerichte oder Fast Food zu sich nehmen sollen.“ Eine Kombination des berüchtigten „inneren Schweinehunds“ mit Stress im Beruf und Anforderungen des Multitaskings führe jedoch dazu, dass die Menschen sich wider besseres Wissen nicht gesund ernährten.

Je jünger, desto schneller

Dabei sei denjenigen, die hektisch durch den Alltag jagen, das Problem durchaus bewusst, heißt es in der 40-seitigen Auswertung der Studie. „Nicht einmal die Hälfte aller Frauen findet, dass sie genug kocht. Bei den Männern ist es sogar nur knapp jeder Fünfte, der angibt, dass er „häufig genug“ koche. Danach befragt, was denn gegen regelmäßigeres Kochen spricht, nennt mehr als jeder Dritte Zeitmangel. Bei den Berufstätigen ist es sogar mehr als jeder Zweite.

Wer nicht daheim kocht, isst außer Haus, unterwegs – oder greift zu Fertiggerichten. Hier gilt laut Studie: je jünger, desto mehr Fertiggerichte kommen auf den Tisch. 17 Prozent der 18- bis 25-jährigen Befragten essen mindestens dreimal pro Woche Fertiggerichte. Und jeder Fünfte unter 35 Jahren gibt an, ein- bis zweimal pro Woche Burger, Pommes oder Currywurst zu essen, damit sei der Wert fast doppelt so hoch wie in der übrigen Bevölkerung.

TV und Internet sind dabei

Dabei ist es beileibe nicht so, dass der Konsum von Fertigessen auf mangelndes Wissen zurückzuführen wäre. „Im Großen und Ganzen hält es sich ziemlich die Waage zwischen gebildet und ungebildet, Geringverdiener und Berufstätigem mit Spitzeneinkommen“, kommentiert die Studienauswertung. Menschen mit Abitur oder Studienabschluss lägen sogar leicht über dem Durchschnitt. 44 Prozent von ihnen essen mindestens einmal in der Woche schnelle Fertiggerichte, während das bei den Hauptschülern jeder Dritte tut. Und auch beim Verzehr von Imbissmahlzeiten liegen Abiturienten leicht vorn.

Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist auch die mangelnde Konzentration auf den Vorgang des Essens. Bei einem Drittel der Befragten nämlich laufen zeitgleich Fernseher oder Computer. Vor allem bei Singles. Und vor allem bei jungen Menschen.

Statt sich alleine an den Küchentisch zu setzen, blättert jeder Zweite mit der einen Hand in einer Zeitschrift, während die andere die Gabel hält, oder er klickt sich parallel durchs Internet. Dabei ist es egal, ob Mann oder Frau, erwerbstätig oder nicht. Nur das Alter spielt dabei eine Rolle. Wenig überraschend: Je älter jemand ist, desto mehr Zeit und Muße räumt er dem Essen ein – je jünger, desto öfter laufen beim Essen Fernseher oder Computer. „So ist es vor allem die Generation 50 plus, die ihr Essen ganz traditionell am Küchentisch einnimmt – ohne dabei noch anderes zu erledigen“, heißt es. Nur jeder Fünfte schalte parallel den Fernseher ein. Im Gegensatz dazu lenken sich vier von zehn unter 25-Jährigen beim Essen durch andere Tätigkeiten ab.

Familien essen gemeinsam

Dabei sind es eher Bewohner von Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern, die zu Hause alleine essen und dabei ihre E-Mails checken. Und es sind nach Aussage der Studie eher die Geringverdiener. „Mehr als jeder Zweite, der maximal 1 500 Euro im Monat zur Verfügung hat – sei es als Rente, Gehalt oder Transferleistung –, sagt, dass er bei der Hauptmahlzeit alleine zu Hause ist.“ Und vier von zehn setzen sich dann nicht an den Tisch, sondern nehmen den Nudelteller mit aufs Sofa. Von den Besserverdienenden (mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 4 000 Euro pro Monat) sagen dagegen nur 15 Prozent, dass sie zu Hause alleine essen. Und nur jeder Fünfte von ihnen beschäftigt sich dabei mit anderen Dingen. Regelmäßig am Tisch gegessen wird vor allem noch in Familien. Doch selbst in jedem vierten Drei-Personen-Haushalt läuft der Fernseher beim Essen noch nebenher. Erst wenn zwei Kinder da sind, sinkt die Quote auf 15 Prozent.

Laut Studie sind die Ernährungsgewohnheiten sehr vom Arbeitsalltag geprägt. Ein großer Teil der Erwachsenen verbringt den ganzen Tag außer Haus und versorgt sich folglich auch nicht dort. Unabhängig davon, ob es in den Firmen der befragten Beschäftigten eine Kantine gibt oder die Pausenmahlzeit aus belegten Brötchen vom Bäcker nebenan besteht, gut ein Drittel sind unzufrieden mit ihren Möglichkeiten, sich am Arbeitsplatz angemessen zu ernähren.

Als Problem wird in erster Linie die begrenzte Auswahl empfunden. Vier von zehn Befragten sagen, dass das Angebot in der Kantine oder der näheren Umgebung des Unternehmens eine gesunde Ernährung schwierig macht. Dabei sind es bemerkenswerterweise gerade Städter, die eine mangelnde Auswahl beklagen. Fast jeder Zweite der Befragten, die in einer Stadt mit mehr als 500 000 Einwohnern leben, findet das Essensangebot beim Job unzureichend, heißt es in der Studienauswertung. In kleineren Städten und auf dem Land wird dies weniger beklagt.

Es fehlt vor allem Zeit

Die größte Rolle spielt aber der Faktor Zeit. Jeder Zweite gibt an, dass er in seinen Arbeitspausen nicht die Zeit hat, in Ruhe zu essen. Besonders betroffen sind Berufstätige zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig – also die Generation, die oft noch kleine Kinder zu Hause hat. Sie nehmen sich noch weniger Zeit zum Essen als andere und beklagen auch am meisten, dass ihnen eine gesunde Ernährung bei der Arbeit nicht möglich ist.

Der häufig als stressig beklagte Arbeitsalltag hat offensichtlich auch negativen Einfluss auf die Flüssigkeitsaufnahme der Beschäftigten. 43 Prozent aller Befragten gaben an, bei der Arbeit immer wieder zu vergessen, genug zu trinken.

Die Studie zeigt aber auch, dass eine gesunde Ernährung bei der Arbeit auch eine Frage des guten Willens ist – egal, ob die Auswahl des Essensangebots rundum nun groß oder klein ist. Diejenigen, die angeben, dass das Essen für sie sehr wichtig ist und sich auch durchweg gesund ernähren, beklagen am wenigsten, dass sie bei der Arbeit zu einem ungesunden Lebensstil gezwungen sind. Nur 26 Prozent der Befragten, für die Essen einen hohen Stellenwert hat, bemängeln, dass ihnen eine gesunde Ernährung bei der Arbeit nicht möglich ist. Bei den anderen sind es 40 Prozent.

Hier sieht Baas einen Anknüpfungspunkt zur Motivation der Studie. „Auf keinen Fall soll das Resultat der Studie sein, dass ab jetzt jeder asketisch leben muss“, sagt er. „Ganz im Gegenteil. Wir glauben das genussvolles Essen das ist, was wir brauchen – also das Gegenteil von Askese.“ Dazu müsse man Essen einfach wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken.

Info

Befragung per Telefon

Für die repräsentative TK-Studie zum Ernährungsverhalten in Deutschland „Iss was, Deutschland?“ wurden im Januar 2013 vom Meinungsforschungsinstitut Forsa 1 000 Personen ab 18 Jahren per Telefon zu ihrem Ernährungsverhalten befragt. Gewichtet wurde die Personenstichprobe nach Geschlecht, Alter, Bildung und Region. Zusätzlich erhobene soziodemografische Daten waren die Haushaltsgröße, das monatliche Haushaltsnettoeinkommen, die Ortsgröße und die Frage, ob eine Erwerbstätigkeit vorliegt oder nicht.



Mehr zum Thema


Anzeige