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16.02.12 / 12:50
Heft 04/2012 Medizin
Neue Allergien

Exotische Leiden

Dickes Augenlid durch Nagellack, geschwollene Lippen nach einem Kuss, ein anaphylaktischer Schock nach einem Schluck an der Bar – die Suche nach den Ursachen verlangt von Ärzten oft kriminalistische Fähigkeiten. Denn allergische Reaktionen kommen häufiger und wegen immer untypischerer Ursachen vor.




Es besteht kein Zweifel mehr: Allergien haben dramatisch zugenommen und verlaufen häufig schwerer als früher. Doch damit nicht genug: Die Ausbreitung der Allergien geht auch mit immer ungewöhnlicheren Unverträglichkeiten einher. Verborgene Allergene in unvermuteten Dingen des täglichen Lebens machen die Suche nach den Übeltätern für die Ärzte oft zu einer frustrierenden Detektivarbeit.

Die Hamburger Medizinerin Lisa Tyzak hat für ihre jüngst veröffentlichte Doktorarbeit am „Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie“ der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf 1 762 wissenschaftliche Publikationen zum Thema „Wohnumfeld und Allergien“ ausgewertet. Die von ihr ermittelten Daten lassen die enorme Größenordnung des Problems erahnen: Allergische Krankheiten haben sich innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. Bereits heute ist etwa ein Fünftel der Deutschen von einer Allergie betroffen – und es werden immer mehr. Die pro Jahr von Allergien verursachten Kosten liegen in Europa mittlerweile bei 29 Milliarden Euro.

Allergien drohen nicht nur auf der Wiese und unter Bäumen, sondern auch im heimischen Wohnbereich. wo die meisten Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen . „Durch diesen hohen zeitlichen Faktor findet sich im Wohnumfeld die größte Exposition gegenüber Allergenen und anderen Faktoren“, erklärt Tyzak. „Es gibt bereits viele interessante Studien, die veranschaulichen, wie umfassend das Wohnumfeld auf atopische Erkrankungen einwirken kann.“ Dabei seien nicht nur bereits bekannte Allergene wie Hausstaubmilben und Schimmelpilzsporen von Bedeutung, erläutert die Medizinerin. Auch vermeintlich harmlose Wohngegenstände könnten allergische Erkrankungen verschlechtern und stellten somit eine unerwartete Gefahrenquelle dar. Ein typisches Beispiel sind Zierpflanzen: In einer Studie aus Belgien reagierten 78 Prozent der Patienten auf mindestens eine ihrer Zimmerpflanzen mit einem allergischen Schnupfen (Rhinitis).

Tierliebe mit Folgen

Die dramatische Entwicklung zwingt die Allergologen, ihre Behandlungsstandards immer wieder veränderten Umständen anpassen. So wurde früher Menschen, die auf Schuppen von Felltieren allergisch waren, der Verzicht auf Tiere mit Fell oder Federn empfohlen. Sie sollten ihre Tierliebe mit bis dahin unverdächtigen Tierarten wie Reptilien oder Fischen ausleben. Doch der Wechsel verlief nicht immer glücklich.

So befindet sich unter den von der Hamburger Doktorandin untersuchten Publikationen auch ein international berühmt gewordener Fall aus der Hautklinik der TU München: Dort stellte sich vor Jahren eine 23-jährige Frau mit einem chronischen Fließschnupfen vor, die in ihrem Schlafzimmer immer wieder allergische Asthma-anfälle bekam. Sie wurde auf alle gängigen Allergene getestet, auf Milben und Schimmel, auf Pollen und Früchte, jedoch ohne Erfolg. Selbst der besonders häufig allergieauslösende Gummibaum in ihrem Schlafzimmer erwies sich als unschuldig. Erst später erfuhren die Münchner Allergologen, dass die Frau Echsen als haar- und federfreie Haustiere hielt. Damit war die Allergiequelle gefunden: Die Schuppen einer australischen Echse namens Cunninghams Stachelskink (Egernia cunninghami) entpuppten sich als die Ursache ihrer Beschwerden.

Solche Fälle sind längst keine Seltenheit mehr. „In der Allergologie scheint nichts unmöglich zu sein“, sagt der Münchner Allergologe Dr. Peter Schnabel: „Es gibt mittlerweile mehr als 20 000 Stoffe, von denen eine allergieauslösende Wirkung bekannt ist und ständig kommen weitere hinzu.“

Schock an der Theke

Fragwürdige Bekanntheit bei Allergologen erlangte eine 34-jährige Frau, die 15 Minuten nachdem sie an der Bar einen Campari-Orange getrunken hatte, einen schweren anaphylaktischen Schock erlitt. Als auslösendes Allergen wurde das bis zum Jahre 2006 in Campari enthaltene und auch deklarierte Karmin nachgewiesen. „Die Patientin war vermutlich durch den Gebrauch von karminhaltigen Lippenstiften oder Lidschatten sensibilisiert worden, denn sie hatte auf diese Produkte mit Hautbrennen und juckenden Augen reagiert“, berichtet Schnabel.

Der rote Farbstoff Karmin ist ein unter der Nummer E  120 offiziell zugelassener Zusatzstoff. Er darf in Konfitüren, Fruchtzubereitungen und Süßigkeiten, aber auch in Medikamenten und Kosmetika verwendet werden. Karmin ist durchaus natürlichen Ursprungs: Er wird aus Cochenille gewonnen, einer auf den kanarischen Inseln und in Mexiko heimischen Läuseart. Die künstliche Nachahmung der Farbe heißt Cochenillerot A (Ponceau 4R) und ist unter der Nummer E 124 ebenfalls für die Färbung von Brause, Süßwaren, Fruchtgelee oder Lachsersatz zugelassen. Auch dieser Farbstoff gilt als allergologisch problematisch.

Zunächst vor einem Rätsel standen die Ärzte auch bei einer jungen Frau, die unter einem Ekzem auf dem rechten Augenlid litt. Wieso nur auf einem Lid? Die Beobachtung ihrer Haltung beim Lesen verhalf den Medizinern zur Lösung: Die Patientin berührte dabei immer wieder gedankenverloren das rechte Lid mit den Fingern. Dabei kam sie in Kontakt mit dem aufgetragenen Nagellack, der sich als das ursächliche Allergen entpuppte.

„Das kommt häufiger vor als man denkt“, erklärt Schnabel. „Acht Prozent aller Kontaktallergien werden durch Nagellack ausgelöst. Sie äußern sich allerdings nur selten an den Fingern: 90 Prozent der Symptome betreffen das Gesicht, vor allem Wangen, Kinn und Hals. Jeder von uns berührt viele Male am Tage unbewusst das Gesicht mit den Händen, kratzt sich hinterm Ohr, fasst sich an die Lippen oder legt beim Schlafen die Hände unters Gesicht. So haben die Allergene stundenlang Gelegenheit, aus dem Lack in die Haut zu gelangen.“

Auch Allergien durch Textilien nehmen zu. Bei der Veredelung von Textilfasern verwendet die Industrie über 8 000 verschiedene Chemikalien. Als besonders allergisierend hat sich dunkel gefärbte und eng anliegende Kleidung wie zum Beispiel Strumpfhosen, Leggings, Unterwäsche und Blusen herausgestellt. Bei einer Untersuchung an der Universitätshautklinik in Göttingen machten besonders schwarze Bodys, Büstenhalter und Leggings in der Trendfarbe Schwarz den Allergologen Arbeit. Aber auch die häufig verwendeten Dispersionsfarbstoffe aus der Gruppe der Azo- und Anthrachinonfarben mit den Bezeichnungen DP Blau 124 beziehungsweise 106, DP Rot 1 und DP Orange 3 hatten allergische Reaktionen zur Folge.

Allergie auf den Ehemann

Wie schwierig die Suche nach allergisierenden Substanzen sein kann, zeigt der Fall einer jungen Frau, die jedes Mal nach dem Sex unter Rötungen, Schwellungen und einem unangenehmen Juckreiz im Vaginalbereich litt. Die Symptome wurden im Laufe der Zeit schlimmer und es kam zu weiteren Komplikationen wie zu einem chronischen Fließschnupfen, zu Asthma und zu Ödemen.

Erst als ihre Ärzte Tests mit den Spermien fremder Samenspender vorgenommen hatten, stellte sich heraus, dass die allergische Reaktion ausschließlich vom Samen ihres Mannes ausgelöst wurde. Durch die Benutzung von Kondomen verschwand der Spuk. Zur Erfüllung des Kinderwunschs musste daher eine künstliche Befruchtung mit den gewaschenen Spermien des Mannes vorgenommen werden.

Illustriert mit dem Foto einer hässlich geröteten, von Blasen übersäten Hautstelle berichteten schottische Hautärzte aus Glasgow über die allergische Hautreaktion einer Patientin, der ein Chirurg auf der Haut mit einem Markerstift die geplante Operationsstelle angezeichnet hatte. Der Stift enthielt Kolophonium (Geigenharz), das unter anderem auch in Klebstoffen verwendet wird. Die Patientin war überempfindlich auf Heftpflaster.

Kolophonium wird auch in Farben, Papier, Pappe, in Lidschatten und Rouge, in Polituren und Pflegemitteln, im geharzten griechischen Retsina-Wein und sogar in Kaugummi verwendet. Wer beim Hören seiner Lieblingsstücke aus dem MP3-Player rote Ohren bekommt, reagiert damit weniger auf den sexistischen Text mancher Rapper, sondern ist unter Umständen auf den kolophoniumhaltigen Klebstoff im Kopfhörerüberzug allergisch.

Wer bestimmte Nahrungsmittel nicht verträgt, ist manchmal sogar dann gefährdet, wenn ein anderer sie isst. Eine Nahrungsmittelallergie kann nämlich beispielsweise auch durch Küssen ausgelöst werden. Ein typischer Fall, diesmal aus Zürich: Eine 24-jährige Frau leidet seit zwölf Jahren unter einer Pollenallergie. Allmählich entwickelte sie auch ein sogenanntes Orales Allergie-Syndrom mit Juckreiz an den Lippen, an der Zunge und am Gaumen nach dem Genuss von rohen Äpfeln, Karotten, Sellerie und Haselnüssen. Von da an verzichtete sie auf diese Lebensmittel. Eines Tages passierte es dann doch: Nach einem innigen Kuss von ihrem Freund schwollen ihre Zunge und die Lippen massiv an. Der Freund hatte unmittelbar vor dem Treffen einen Apfel gegessen.

Krank durch Gerüche

Gefahr droht allerdings nicht nur beim Küssen, sondern sogar vom Duft der Allergene. „Manche Menschen, die auf bestimmte Nahrungsmittel allergisch reagieren, bekommen ihre allergischen Symptome schon dann, wenn sie am offenen Fenster einer Wohnung vorbeigehen, in der das allergene Nahrungsmittel zubereitet wird“, berichtet Schnabel. „Das Gleiche passiert Menschen, die auf Pferdehaar allergisch sind. Sie müssen auch um Pferdeställe einen großen Bogen machen“. Der häufigste Rat der Allergologen lautet deshalb: „Expositionsprophylaxe“ oder „Karenz“. Zu Deutsch: „Meiden Sie alles, wogegen Sie allergisch sind.“ Doch das ist oft schwierig, manchmal sogar unmöglich, weil viele Allergene miteinander verwandt sind. Ein typisches Beispiel dafür liefern die besonders heimtückischen Kreuzreaktionen mit Beifußpollen. Nicht ohne Grund galt Beifuß (Artemisia) im Altertum als „mater herbarum“, also Mutter aller Pflanzen. Seine Allergene sind auch mit den Pollenallergenen von Astern, Gerbera und Löwenzahn verwandt.

Damit noch nicht genug. Die Liste der mit Beifuß verschwisterten Nahrungsmittel liest sich wie ein Kochbuch der schmackhaften Küche: Wer auf Beifuß allergisch reagiert, kann oft auch Sellerie, Petersilie, Kamille, Anis, Karotten, Arnika, Sonnenblumenkerne, Dill, Paprika, Senf, Currygewürz, Koriander, Lauch, Kümmel und Fenchel nicht gut vertragen. Das „Birken-Beifuß-Sellerie-Syndrom“ erfordert besondere Umsicht beim Essen: Allein Sellerie findet sich wegen seines hohen Gehalts an ätherischen Ölen und Bitterstoffen als würzende Zutat in hunderterlei Dingen, von Suppenwürze und Gemüsezubereitungen angefangen bis zum Kräutersalz.

Auch exotische Früchte wie Mangos können die Allergie auslösen. Bei manchen Betroffenen kann schon ein kleiner Biss zu juckenden Quaddeln (Urticaria) im Mund führen. Die allergisch-anaphylaktische Reaktion reicht von Zungen- und Lippenbrennen über Schleimhautschwellungen, Halskratzen, Gaumenjucken, Schluckstörungen bis hin zur akuten Atemnot. Es kann auch zum Anschwellen der Ohren, zu Fließschnupfen, einer verstopften Nase und Augenjucken kommen.

Allergische Reaktionen auf die Modefrucht Kiwi wiederum sind nicht nur beim Essen, sondern auch durch bloßen Hautkontakt möglich. Die Betroffenen bekommen schon beim Anfassen der Südfrucht eine Nesselsucht. Menschen, die auf Kiwis allergisch reagieren, müssen auch beim Verzehr von Ananas und Papayas mit allergischen Symptomen rechnen.

„Zum Glück werden die meisten Nahrungsmittelallergene bei der Zubereitung zerstört“, betont Schnabel. „So können die meisten Menschen, die zum Beispiel auf Karotten in rohem Zustand allergisch reagieren, das gekochte Gemüse problemlos essen.“

Roter Kopf durch Rotwein

Manchen Menschen scheint Alkohol selbst in großen Mengen nichts anzuhaben, anderen steigt bereits der erste Schluck zu Kopf. Das ist durchaus wörtlich gemeint: Ein hochroter Kopf schon nach dem ersten Schluck legt den Verdacht auf eine Weinallergie nahe, besonders, wenn er von einer verstopften Nase und Atembeschwerden begleitet wird.

Allerdings sei nicht alles, was danach aussieht, eine echte Allergie, stellt Schnabel klar. Zwar seien allergische Reaktionen auf bestimmte Bestandteile des Weines, zum Beispiel auf Trauben oder auf den Edelfäulepilz Botrytis cinerea durchaus möglich, aber extrem selten. Häufiger kämen dagegen Unverträglichkeitsreaktionen vor. Wenn jemand zum Beispiel auf den Alkohol selbst oder auf sein Zerfallsprodukt Essigsäure empfindlich reagiert, verträgt er überhaupt kein alkoholisches Getränk.

Nach einer französischen Studie muss man bei 0,2 Prozent aller Menschen mit solchen Reaktionen rechnen. Es drohen Rötungen, vor allem des Gesichts und des Dekolletés, aber auch migräneartige Kopfschmerzen, eine Schwellung der Nasenschleimhaut und Nasenfließen, gelegentlich auch Atembeschwerden.

Ob jemand nach dem ersten genüsslichen Schluck lediglich freudig errötet oder gleich eine „rote Bombe“ bekommt, hängt oft vom Histamingehalt des jeweiligen Getränks ab. Champagner sowie Weine aus Bordeaux und Chianti haben in der Regel einen hohen Histamingehalt, einfache Tischweine aus Südtirol enthalten dagegen meist nur wenig davon.

Der Unterschied kann gewaltig sein: Während Bordeaux-Weine über 2 000 Mikrogramm Histamin pro Liter enthalten, bringt es ein Blauer Zweigelt auf lediglich 375 und ein Grüner Veltliner sogar auf nur 7 Mikrogramm pro Liter.

Liebhaber verschiedener Weißweinsorten reagieren gelegentlich auch auf den Schwefelgehalt ihres Getränks mit einer Unverträglichkeit. Asthmatiker sind besonders häufig davon betroffen. Die meisten Weinetiketten enthalten deshalb den Vermerk „Enthält Sulfite“ oder „Contains sulfits“.

Lajos Schöne

Medizinjournalist

Gerstäckerstr. 9

81827 München



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