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16.08.06 / 00:12
Heft 16/2006 Gesellschaft
Wehrmedizinischer Beirat

Expertise für die Truppe

Wer kennt das nicht: Außenstehende können die eigene Sicht der Dinge oft bereichern. Bei der Bundeswehr fällt diese Aufgabe dem Wehrmedizinischen Beirat zu. Für die gesundheitliche Versorgung der Truppe entwickelt das über 40-köpfige Gremium Vorschläge und Konzepte.




Know-how bei „grundsätzlichen und Einzelfragen“ des Gesundheitswesens erwartet sich der Bundesminister der Verteidigung vom Wehrmedizinischen Beirat. Gefragt sind Fachwissen und Objektivität. In ihren Stellungnahmen sind die Wissenschaftler daher „unabhängig und nicht an Weisungen gebunden“, wie es gleich zu Beginn des Gründungserlasses aus dem Jahr 1963 heißt. Dass die Mitglieder ehrenamtlich arbeiten, soll ihre Unabhängigkeit zusätzlich garantieren.

Maximal 45 Mitglieder – dazu gehören Experten aus der medizinischen Wissenschaft, der human-, zahn- und tierärztlichen Praxis sowie der Pharmazie – darf das Gremium haben. „Zurzeit sind es 42 Mitglieder. Sie kommen aus allen medizinischen Bereichen, von der Anästhesie über die Zahnmedizin bis hin zur medizinischen Statistik“, erklärt Dr. Holger Braun. Er ist Referent für den Beirat im Führungsstab des Sanitätsdienstes (Fü San), in dem bei der Bundeswehr in den Bereichen Medizin und Gesundheit die Fäden zusammenlaufen.

Beratung und Beschlüsse

Der Wehrmedizinische Beirat besteht aus fünf Ausschüssen: Ausschuss 1 befasst sich mit den Themen Präventiv- und Sozialmedizin, Infektiologie und Hygiene, in Ausschuss 2 geht es um Wehrphysiologie, Arbeitsmedizin, Begutachtung und Qualitätssicherung. Fragen der Diagnostik und Therapie in der sanitätsdienstlichen Versorgung stehen in Ausschuss 3 im Mittelpunkt. Ausschuss 4 beschäftigt sich mit der Einsatzund Rettungsmedizin. Arbeitsschwerpunkte in Ausschuss 5 sind Pharmakologie, Toxikologie und medizinischer Strahlenschutz. Elementar für die Diskussionen ist, dass jeder Ausschuss aus Medizinern der verschiedenen Fachrichtungen besteht. „Damit streben wir die ganzheitliche medizinische Betrachtung eines Problems an“, erklärt Dr. Kerstin Kladny vom Presse- und Informationszentrum des Sanitätsdienstes.

Auf den Synergieeffekt setzt man auch bei der Auswahl der zur Beratung stehenden Themen, der so genannten Votumsvorschläge: „Die Beiratsmitglieder können vorschlagen, was sie für diskussionswürdig halten“, erklärt Braun. Zusätzlich startet er jedes Jahr eine Anfrage bei Truppenärzten und Sanitätsdiensten vor Ort. Pro Beratungszyklus werden etwa zehn Votumsvorschläge besprochen – seit Gründung des Beirats waren es mehr als 220. Verabschiedet werden sie auf der jährlich einmal stattfindenden Vollversammlung: Zunächst wird die Beratung in den einzelnen Ausschüssen abgeschlossen, danach wird der Votumsvorschlag im Plenum diskutiert und verabschiedet. Von den Entscheidungen geht laut Braun eine wichtige Signalwirkung aus: „Auch wenn die Voten des Beirats nicht verpflichtend sind – ich habe noch nie erlebt, dass ein Vorschlag nicht umgesetzt wurde.“

Aktuelle Schwerpunkte

Afghanistan, Kongo, Kosovo – Die Bundeswehr ist weltweit im Einsatz. „Das setzt die Soldaten und Soldatinnen nicht nur besonderen körperlichen Belastungen aus. Hinzu kommen klimatische, hygienische und oft auch psychische Extreme“, beschreibt Kladny die heutige Situation. Der Sanitätsdienst müsse auf Herausforderungen wie diese frühzeitig reagieren. Aktuelle Zahlen belegen Kladnys Einschätzung: Vor kurzem meldete der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, dass die Zahl der posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) nach Auslandseinsätzen von 30 Patienten im Jahr 2003 auf 86 im vergangenen Jahr gestiegen sei. Diese Entwicklung wurde auch vom Wehrmedizinischen Beirat wahrgenommen und ist zurzeit Thema in den Ausschüssen. „Es geht unter anderem um die Frage, ob die Bundeswehr für solche Fälle ein Spezialkrankenhaus einrichtet“, berichtet Referent Braun.

Einsatzspezifische Aspekte kommen auch sonst häufig auf den Tisch. Die Experten erörtern zum Beispiel, wie man bei Auslandseinsätzen den in Deutschland geltenden Hygienerichtlinien gerecht wird. Ähnliche Herausforderungen bestehen bei medizinischen Standards: „Hier wird insbesondere über die Möglichkeiten der Telemedizin gesprochen. Etwa darüber, wie die Bildschirmdiagnostik eingesetzt werden kann“, führt Braun aus. Um sich besser in das Alltagsleben der Soldaten hineinversetzen zu können, macht der Beirat einmal im Jahr einen Truppenbesuch. Die Wissenschaftler sollen dadurch einen Eindruck von den Arbeitsabläufen und den speziellen Belastungen gewinnen.

Ein weiteres Thema, mit dem sich die Wissenschaftler momentan beschäftigen, ist die Refraktions-Chirurgie am Auge – als Korrektur von Kurz- oder Weitsichtigkeit vor allem für Jetpiloten von Bedeutung. In der Zahnmedizin ist die Bundeswehr gut aufgestellt, meint Braun: „Wir haben schon 1999 Fluoridierungsmaßnahmen verstärkt vorangetrieben. Dazu gehört, dass wir iodisiertes und fluoridisiertes Speisesalz verwenden und auf regelmäßige Prophylaxeuntersuchungen setzen.“

INFO

Historischer Vorläufer

Auf gute medizinische Berater legte schon Kaiser Wilhelm II. Wert: 1901 rief er den „Wissenschaftlichen Senat für das Heeressanitätswesen“ ins Leben. Zu dem Expertenkreis gehörten namhafte Wissenschaftler wie der Hygieniker Friedrich Löffler und der Nobelpreisträger Robert Koch. Bei seiner ersten konstituierenden Sitzung am 30. November 1901 beschäftigte sich der Senat zum Beispiel mit der Frage, ob „Chloroform für die Durchführung von Narkosen eingeführt werden“ solle. Weitere Themen waren die „Sammelforschung der Tuberkulose in der Armee“ oder die „neuesten Grundsätze bei der Bekämpfung des Typhus“.



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