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15.02.17 / 00:01
Heft 04/2017 Titel
IQWiG-Vorbericht zu Parodontitistherapie

Fallschirme können keinen Nutzen haben ...

Die Kritik am „heiligen Evidenz-Gral“ des IQWiG ist gar nicht so neu. Bereits vor Jahren hatte das renommierte British Medical Journal auf die Konzeptgrenzen hingewiesen. Nähern wir uns dem kritisierten Sachverhalt – glossierend. Denn Sie müssen es glauben: Fallschirme können keinen Nutzen haben.




Der Power Tower steht im Kölner Media (!) Park – der Olymp der deutschen Evidenz und Nutzenbewertung mit rund 200 Mitarbeitern und einem Etat von bald 20 Millionen Euro. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz: IQWiG, so eine Art TÜV Rheinland. Es ist eine Kopie des britischen NICE (National Institute for Health and Care Excellence). Das erklärt das selbstbewusste Auftreten: „IQWiG – we‘re so nice!“ als Logo-Unterzeile und die britische Pop-Hymne „We Are the Champions“ in der Telefonschleife.

Dieser Tage brachte das IQWiG wieder einmal aufsehenerregende Arbeitsergebnisse in die Öffentlichkeit. Das Institut konnte keinen Nutzen für Fallschirme feststellen. Nach den strengen Kriterien seiner Methodik der evidenzbasierten Medizin war das notwendige Studiendesign nicht erfüllt. Es fehlten die randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), die die nötige Kausalität bei der Nutzenbewertung hätten belegen können. Noch dazu waren sie nicht verblindet! Weder waren sie einfachblind – die Versuchsperson weiß nicht, ob sie einen funktionstüchtigen Fallschirm dabei hat oder mit der Discounter-Plastiktragetasche im Rucksack springt. Noch waren sie doppelblind – die Versuchsperson weiß nichts, aber auch der Behandler hat keine Ahnung, wem er was in den Rucksack packt. Auf eine dreifach blinde Versuchsanordnung (auch der Testauswerter weiß nichts) hätte das Institut ja sogar verzichtet. Der Institutsleiter bedauerte in seinem Statement, dass sich keine Versuchspersonen bereit gefunden hätten. Allenfalls wären Suizidwillige für die Kontrollgruppe zu gewinnen gewesen. Das aber habe der hohe Anspruch seines Instituts (doppelblind) nicht erlauben können. Nach den strengen Kriterien musste das IQWiG daher zu der eindeutigen Bewertung kommen, einen Nutzen, aber auch einen Schaden bei der Verwendung von Fallschirmen, wenn man aus dem Flugzeug zu springen neigt, nicht feststellen zu können.

Airbags taugen auch nichts!

Ein ähnliches Bewertungsschicksal ereilten Airbags im Auto. Auch hier konnte das IQWiG keinen Nutzen, aber gottlob auch keinen Schaden feststellen. Auch hier mangelte es am Studiendesign. Das IQWiG kritisierte in seinem Bewertungsfazit die mangelnde Bereitschaft, sich als Versuchsperson für ein so wichtiges, den wissenschaftlichen Erkenntnisstand doch so wesentlich prägendes Experiment zur Verfügung zu stellen. Da es auch hier um den Goldstandard gehe, könne aber das Institut nichts anderes gelten lassen. Für eine seriöse Untersuchung sei es unabdingbar, angemessene Methoden anzuwenden. Das Institut stellte dazu die Wichtigkeit des Hedges‘ g heraus, ebenso die Berücksichtigung von Irrelevanzschwelle und Responderanalyse. Wenn sich keine Versuchspersonen für verblindete Crashtests fänden, seien die Autofahrer die Dummen.

Ein alternativer Einsatz von Dummies sei dem Institut nicht zumutbar, da hier die Evidenz fehle, dass Dummies für alle Varianten des menschlichen Situs (zum Beispiel adipös oder magersüchtig) eingesetzt werden können.



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