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01.08.14 / 00:01
Heft 15/2014 Gastkommentar

Falsch finanziert

Die Deutschen geben im internationalen Vergleich besonders viel für ihre Gesundheit aus. Ein Zeichen für Verschwendung ist das aber nicht, meint Dr. Dorothea Siems, Chefkorrespondentin für Wirtschaft der Welt, Berlin.




Der Slogan „Mercedes zahlen und Volkswagen fahren“ wird nicht selten verwandt, um das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich als teuer und nur mittelmäßig leistungsstark darzustellen. Eine umfassende Datensammlung der Wirtschaftsorganisation OECD zeigt, dass wir ausgabenmäßig in der Tat zur Weltspitze zählen. 11,3 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung fließen hierzulande in die medizinische Versorgung. Nur US-Amerikanern, Niederländern, Schweizern und Franzosen ist ihre Gesundheit noch mehr Wert. Während Deutschland bei den Kosten auf Platz fünf liegt, sieht die Weltgesundheitsorganisation WHO die Bundesrepublik in puncto Versorgungsniveau deutlich weiter hinten. So ist etwa die Lebenserwartung in vielen Ländern wie Japan, Schweden oder Italien signifikant höher als bei uns.

Die Schlussfolgerung, das hiesige Gesundheitssystem sei nicht effizient, liegt nahe. Doch es wäre oberflächlich, aufgrund der OECD-Daten ein solches Fazit zu ziehen. Denn das Gesundheitswesen spiegelt auch die höchst unterschiedlichen Bedürfnisse der Bevölkerung wider. Die Bundesbürger gehen beispielsweise mit Abstand am häufigsten zum Arzt. Auch sind es die Deutschen gewohnt, nicht nur den Haus- oder den Zahnarzt, sondern auch unterschiedliche Spezialisten frei wählen zu können. Dass es hier zudem keine langen Wartelisten für Operationen gibt, wie etwa in Großbritannien häufig der Fall, zählt ebenfalls zu den Annehmlichkeiten, die vielleicht nicht lebensverlängernd sind, aber doch die Lebensqualität steigern. Das Gleiche gilt für Kuren, Massagen und viele andere Leistungen, die in Deutschland besonders viel nachgefragt werden, nicht zuletzt deshalb, weil sie zum größten Teil von der Solidargemeinschaft finanziert werden. Doch auch in Bereichen, in denen die gesetzlichen Krankenkassen nicht zahlen, etwa bei rezeptfreien Medikamenten oder bei den Igel-Leistungen, sind die Deutschen nicht knauserig.

Sicher gibt es im hiesigen Gesundheitswesen Effizienzreserven, und die Politik ist stetig gefordert, auf den sparsamen Umgang mit Beitragsmitteln zu achten und die Strukturen immer wieder entsprechend anzupassen. Auch die Selbstverwaltung überprüft regelmäßig, welche Leistungen von den Krankenkassen zu übernehmen sind und welche nicht. Bei teuren neuen Medikamenten beispielsweise wird zu Recht in jedem Einzelfall geprüft, ob gegenüber den etablierten Produkten ein Zusatznutzen nachgewiesen ist, der die Mehrkosten rechtfertigt.

Trotzdem wird sich nicht verhindern lassen, dass in einer alternden Gesellschaft in Zukunft ein wachsender Anteil des Volkseinkommens für die medizinische Versorgung aufgebracht werden muss. Da sich der demografische Wandel in Deutschland rascher und aufgrund der jahrzehntelang niedrigen Geburtenrate auch massiver vollzieht als in den USA, Skandinavien oder Frankreich, könnte die Bundesrepublik in puncto Gesundheitsausgaben langfristig sogar den Amerikanern Konkurrenz machen, die derzeit mit einer Quote von über 16 Prozent einsame Spitze sind.

Doch dass man in der Debatte nicht nur einseitig die Kosten fokussieren darf, zeigt eine andere Untersuchung, die jüngst vom Bundeswirtschaftsministerium präsentiert wurde. Danach arbeiten sechs Millionen Menschen im Gesundheitssektor, weitere drei Millionen Jobs hängen indirekt davon ab. Die Medizinbranche hat zudem beachtlichen Anteil am Exporterfolg der Bundesrepublik. Denn nicht nur Arzneimittel und Medizintechnik genießen Weltruf. Ausländer kommen auch in hiesige Praxen und Kliniken, um sich behandeln zu lassen.

Klar ist aber, dass die derzeitige Finanzierung der Gesundheitsausgaben an ihre Grenzen stößt. 77 Prozent der Kosten werden in Deutschland öffentlich finanziert. Diese Quote liegt deutlich über dem Durchschnitt der großen Wirtschaftsnationen. Anders als etwa in der Schweiz oder in den USA verteuern in Deutschland die Gesundheitskosten über die Krankenkassenbeiträge die Arbeit. Ohne eine Finanzreform drohen Deutschland in Zukunft drastische Einschnitte entweder zulasten der Leistungsanbieter oder der Patienten.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.



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