Nele Kettler
15.06.17 / 08:00
Heft 12/2017 Praxis
IDZ-Studie zum Berufsbild

Familie und Beruf: Kein Ding der Unmöglichkeit!

Im Job durchstarten oder mit dem Partner ein Nest bauen? Am liebsten beides! Aber was tun, wenn Niederlassung und Familiengründung zeitlich zusammenfallen? In einer großen IDZ-Studie wurden junge Zahnärztinnen und Zahnärzte gefragt, wie sie Kinder und Karriere vereinbaren (wollen).




Insgesamt 1.367 Studierende, 1.816 Assistenzzahnärzte und 2.572 angestellte Zahnärzte haben 2015 im Rahmen der bundesweiten Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) über ihre Erfahrungen im Beruf beziehungsweise ihre Vorstellungen und Wünsche von ihrem zukünftigen Berufsleben berichtet. Zusätzlich sprachen Studierende an drei Universitäten in Gruppendiskussionen über ihre berufliche Zukunft.

Die überwiegende Mehrheit will Kinder

Im Studium und auch in der Assistenzzeit ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die wenigsten schon ein aktuelles Thema: Nicht einmal 5 Prozent der befragten Studierenden und nur etwa 15 Prozent der Assistenzzahnärzte hatten zu dem Zeitpunkt bereits Kinder. Über 80 Prozent planen aber schon, irgendwann welche zu bekommen. Und so nehmen in den ersten Berufsjahren sowohl die Kinder- als auch die Karriereplanung einen wichtigen Stellenwert ein: Auf die Frage nach ihren persönlichen Zielen für die nächsten zwei Jahre gibt knapp ein Drittel der Studierenden die Gründung einer Familie an.

Nach dem Studium ist das Erreichen beruflicher Ziele zwar zunächst wichtiger als die Familienplanung. Im Beruf angekommen rückt dagegen die Familiengründung wieder in den Vordergrund.

Junge Zahnärztinnen wollen Kind und Beruf

Etwa 38 Prozent der Assistenzzahnärzte geben an, in den nächsten zwei Jahren eine Familie gründen zu wollen; bei den Angestellten steht die Familiengründung für 44 Prozent an zentraler Stelle. Wichtiger sind beiden Gruppen nur die Fortbildung im Beruf und der Wunsch, die eigene Lebensqualität zu erhöhen. Dass die Zeit der Familienplanung parallel zur Planung des eigenen mittel- und langfristigen Berufswegs erfolgt, ist daher nicht ungewöhnlich.

Vor allem junge Zahnärztinnen möchten beide Lebensbereiche vereinbaren und weder auf den Beruf noch auf die Familie verzichten. Wie in den Gruppendiskussionen deutlich wurde, wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausdrücklich als ein Vorteil des Zahnarztberufs empfunden: „Ich mache jetzt Examen und dann mache ich zwei Jahre Assistenzzeit und dann würde ich auch ganz gerne eins der Kinder kriegen und dann kann man ja wieder einsteigen. Den Beruf und die Familie kann man als Zahnärztin sehr, sehr gut miteinander verbinden. Also ich will den Rest meines Lebens auf gar keinen Fall zu Hause bleiben.“

Aber wie genau wirkt sich die Familienplanung auf die berufliche Planung aus? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte das mit Abstand gewichtigste Argument bei der Entscheidung über den weiteren Berufsweg. Gefragt, ob die Vereinbarkeit eher für eine Niederlassung in der eigenen Praxis oder eher für die Anstellung spreche, entschied sich etwa jeder Zweite für die Anstellung. Dass eine gute Vereinbarkeit sowohl in einer eigenen Praxis als auch im Angestelltenverhältnis möglich ist, denkt etwa ein Drittel.

Frisch niedergelassen ist Teilzeit keine Option

Heißt das, dass die Familienplanung einer möglichen Niederlassung im Weg steht? Immerhin wollen junge Zahnärztinnen und Zahnärzte mit Kind vergleichsweise häufiger im Anstellungsverhältnis arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Kinder (Abb. 1). Vor allem für junge Zahnärztinnen scheint die Anstellung zunächst attraktiver, wenn auch nicht immer spannungsfrei zu sein: „Wenn du selbstständig bist – wo soll das Geld herkommen? Und da sehe ich das Problem. Jetzt bist du im Angestelltenverhältnis bei einem Zahnarzt, der stellt sich drauf ein, dass du da bist und dann sagst du plötzlich, ich bin jetzt schwanger. Und das ist halt dieser Konflikt.“

Neben der finanziellen Sicherheit wird auch ein hoher Anteil an Freizeit, der gerade für die Phase der Familiengründung gewünscht wird, von den Studienteilnehmern eher in der Angestelltentätigkeit erwartet. Mehr Freizeit wird durch Reduzierung der Arbeitszeit erzielt, Teilzeitstellen werden vor allem von Zahnärztinnen und Zahnärzten mit Kindern gerne wahrgenommen (Abb. 2). Deutlich häufiger noch als ihre Kollegen entscheiden sich Zahnärztinnen für eine Teilzeitstelle – egal ob im Studium, in der Assistenzzeit oder im Angestelltenverhältnis.

Die Reduzierung der Arbeitszeit ist grundsätzlich in der eigenen Praxis genau wie in der Anstellung möglich. Doch wurde in den Gruppendiskussionen für die Phase der Niederlassung zunächst mit einem geringeren Freizeitanteil gerechnet und daher im Wesentlichen die Praxisgründung parallel zur Familiengründung problematisch gesehen: „Wenn man frisch Familie hat, dann glaube ich, wird diese komplette Arbeit erst mal soweit wie möglich runtergefahren. Und wenn ich eine frische Praxis habe, werde ich am Anfang versuchen, erst mal auf diese Freizeit zu verzichten. Ich glaube, das kommt auf die Lebenssituation an.“

Die Familienplanung scheint also – zumindest in der entsprechenden Lebensphase – eine Barriere für die Niederlassung zu sein. Aber: Zum einen ist es nicht das einzige und nicht das gewichtigste Hemmnis. Beispielsweise werden die mit der Niederlassung einhergehende Bürokratie, der Stress oder das finanzielle Risiko eher als Barrieren erlebt. Und zum anderen spielen bei der Berufsplanung auch weitere Argumente, die ein harmonisches Nebeneinander von Privat- und Arbeitsleben erleichtern, eine Rolle: Die Möglichkeit, seine Arbeitszeit frei gestalten zu können, spricht für die meisten Studienteilnehmer für die Niederlassung.

Familienfreundlichkeit ist wichtiger als die Kultur

Um gerade durch die Niederlassung eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen, bevorzugt beispielsweise eine Studentin die Gemeinschaftspraxis, damit sie sich „das Ganze ein bisschen teilen kann. Dann kann man optimal halbtags einsteigen, arbeitet, wenn das Kind im Kindergarten ist.“

Bei der Suche nach möglichen Niederlassungsstandorten sind familienfreundliche Rahmenbedingungen ein wichtiges Kriterium. Wichtiger als die direkte Unterstützung bei der Kinderbetreuung ist den jungen Zahnärztinnen und Zahnärzten, dass auch der Partner einen Arbeitsplatz in der Nähe findet und dass die Praxis nah am Wohnort liegt.

Für Befragte, die schon Kinder haben, spielt es außerdem eine Rolle, ob Kindergärten und Schulen in der Nähe sind. Eine Studentin in der Gruppendiskussion begründete dies ganz pragmatisch: „Indem ich meine Praxis von meinem Wohnort nicht so weit entfernt habe. Was weiß ich, kommt ein Anruf von der Schule, ‚Ihr Kind hat sich den Kopf aufgeschlagen und Sie müssen kommen‘. Und ich muss erst mal drei Stunden fahren.“ Rahmenbedingungen, die die Abläufe im Familienalltag vereinfachen, haben für die jungen Zahnärzte einen höheren Stellenwert als beispielsweise die Freizeitmöglichkeiten oder das kulturelle Angebot in der Umgebung.

Fazit

Die Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass sich viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte in den ersten Berufsjahren einerseits Gedanken über ihren weiteren Karriereverlauf und andererseits über die Familienplanung machen. Vor allem die Niederlassung in enger zeitlicher Nähe zur Familiengründung wird als schwierig eingeschätzt.

Arbeitsmodelle, die Flexibilität beispielsweise durch Reduzierung oder freie Gestaltung der Arbeitszeit bieten, sind daher beliebt und werden besonders von jungen Eltern gerne genutzt. Insgesamt wird die Vereinbarkeit von Familie und zahnärztlichem Beruf eher positiv beurteilt, auch wenn an einigen Stellen noch Optimierungsbedarf gesehen wird.

Für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte wird die Vereinbarkeit von Familie und Zahnarztberuf voraussichtlich weiterhin ein wichtiges Thema bleiben und daher in einer zweiten Befragung der ehemaligen Studierenden, die inzwischen größtenteils in der Assistenzzeit sind, weiter vertieft. Das IDZ führte die Folgebefragung der Studierenden von 2015 Anfang dieses Jahres durch; die Ergebnisse werden zurzeit ausgewertet. Die erhobenen Sichtweisen und Aspekte können dazu beitragen, im Berufsstand auch langfristig eine gute Vereinbarkeit von Familie und Zahnarztberuf zu gewährleisten.

Dr. Nele Kettler, M.Sc.
Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ)
Universitätsstr. 73, 50931 Köln, n.kettler@idz-koeln.de



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