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01.02.03 / 00:15
Heft 03/2003 Medizin
Repetitorium

Fatigue – totale Erschöpfung

Fatigue – der Begriff steht für völlige Erschöpfung. Die Betroffenen fühlen sich müde, leer und ausgebrannt und ohne jede Kraft. Der Alltag wird für sie zur Qual, selbst einfachste Aufgaben sind für sie nicht mehr zu bewältigen. Vor allem Krebskranke leiden häufig unter Fatigue. Nicht immer kann ihnen geholfen werden, doch einige Ursachen des Syndroms sind durchaus behandelbar.




Von Müdigkeit und Erschöpfung haben die meisten Menschen eine konkrete Vorstellung. Diese Gefühle stellen sich meist nach einem ereignisreichen und arbeitsamen Tag ein. Sie werden unter Umständen als unangenehm, zumeist jedoch nicht als quälend empfunden und sind nach ein paar Stunden Schlaf in aller Regel behoben. Anders bei der „Fatigue“, einem Begriff, der aus dem Französischen stammt und übersetzt soviel heißt wie „Ermüdung, Mattigkeit“. Doch diese Worte drücken nur bedingt das aus, was die Erkrankten – meist handelt es sich um Krebspatienten – empfinden: Sie fühlen sich, anscheinend völlig grundlos, körperlich wie auch geistig komplett erschöpft und haben keine Kraft mehr, selbst einfache Tätigkeiten zu erledigen. Der ganze Körper ist durch und durch von dem Gefühl der Müdigkeit durchzogen, die Betroffenen sind energie- und antriebslos und können sich zu nichts aufraffen.

Fatigue hat viele Gesichter

Anders als bei Gesunden ändert sich dieser Zustand nicht oder nur wenig durch Schlaf und Erholung. Denn der Schlaf gibt die verlorene Kraft nicht zurück. Er bringt vielleicht etwas Besserung, nach kurzer Zeit aber ist die Situation meist so schwierig wie zuvor. Nicht alle Patienten reagieren dabei gleich, die Fatigue kann viele Gesichter haben: So können auch Konzentrations- und Denkstörungen im Vordergrund stehen. Meist aber klagen die Erkrankten vor allem über Schwächegefühle. Sie fühlen sich zu schlapp zum Essen, können kaum mehr eine Treppe steigen und sind den ganzen Tag wie „zerschlagen“ oder „gerädert“. Blässe und Kurzatmigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Schmerzen im Brustbereich und Herzjagen, das alles sind weitere Symptome, unter denen Patienten mit einer Fatigue oft zu leiden haben.

Doch nicht nur die Müdigkeit selbst beeinträchtigt die Betroffenen, auch die Tatsache, dass die Störung von vielen Außenstehenden nicht verstanden und nicht ernst genommen wird, ist eine gravierende Belastung. Nicht wenige Patienten schämen sich für ihre Leistungsschwäche und trauen sich auch nicht, mit ihrem Arzt über ihre Probleme und die ungewohnte Müdigkeit zu sprechen.

Tumore – eine der Hauptursachen

Die Erkrankung kann in unterschiedlichen Lebenssituationen auftreten. Besonders häufig ist das Syndrom im Rahmen einer Krebserkrankung. Dabei kann einerseits die Tumorerkrankung selbst den Körper sehr stark schwächen. Andererseits kann auch die Tumortherapie eine Fatigue auslösen. Denn Tumore werden mit aggressiven Behandlungsformen bekämpft, welche erhebliche Folgen für den Organismus haben.

Während der Behandlung leiden deshalb fast alle Tumorpatienten unter dem Erschöpfungssyndrom. Bei vielen von ihnen aber halten die Beschwerden auch in der Folgezeit noch über Monate hinaus an. Besonders hoch ist der Anteil der Fatigue-Patienten bei denjenigen, die eine Chemotherapie über sich ergehen lassen müssen, und je nach Therapieregime sind bis zu 90 Prozent der Patienten betroffen. Meist stellen sich die Symptome wenige Tage nach der ersten Behandlung schon ein. Sie können bis nach dem Behandlungszyklus anhalten und danach abklingen, doch es gibt auch Fälle, in denen die Chemotherapie bereits lange vorbei ist und die Patienten sogar als von der Krebserkrankung geheilt gelten, die Fatigue aber immer noch ihr Leben beeinträchtigt.

Nicht nur die Chemotherapie, auch andere Behandlungsformen im Rahmen der Krebstherapie können die Krankheitserscheinungen auslösen. Das gilt beispielsweise für Operationen und mehr noch für die Strahlentherapie, die ebenfalls eine lang anhaltende Fatigue bedingen kann. Selbst immunologische Behandlungsformen können entsprechende Symptome auslösen und die Erkrankung kann so gravierend sein, dass unter Umständen die Behandlung deshalb abgebrochen werden muss, was dann jedoch die Heilungschancen bezüglich der Krebserkrankung eventuell sogar in Frage stellt.

Wie gravierend das Problem ist, machen Befragungen deutlich: Demnach empfinden die betroffenen Patienten die Fatigue als deutlich belastender, als dies von den sie betreuenden Ärzten angenommen wird. Viele Patienten fühlen sich in ihrer Lebensfreude und Erlebensfähigkeit durch die Fatigue-Symptome nach eigenen Angaben erheblich stärker beeinträchtigt als durch Schmerzen. Dennoch nehmen viele Tumorpatienten das Krankheitsbild quasi schicksalhaft als Begleiterscheinung der Krebserkrankung hin, oft weil sie nicht wissen, dass es in vielen Fällen wirkungsvolle Hilfe gäbe.

Anämie – eine der Ursachen

Die konkreten Ursachen der Fatigue sind bisher noch ungeklärt. Am wahrscheinlichsten gilt derzeit die Theorie, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt. Dabei können Stoffwechselveränderungen zum Tragen kommen, aber auch eine Art Depression infolge der übergroßen seelischen Belastung durch die Krebserkrankung sowie deren Therapie. Diese kann zudem direkte Nebenwirkungen auf die Blutbildung haben – wie es etwa bei Leukämien und Lymphomen der Fall ist – und dadurch eine Anämie provozieren, welche ihrerseits als entscheidender Auslöser eines Fatigue- Syndroms fungieren kann. Denn überproportional häufig ist die Erkrankung mit einer Anämie, konkret also mit einem erniedrigten Hämoglobin-Wert, assoziiert.

Als normal gilt bei Frauen ein Hämoglobin-Wert (Hb-Wert) von zwölf bis 16 Gramm pro 100 Milliliter (zwölf – 16 g/dl) Blut und bei Männern von 14 bis 18 mg/dl. Liegt der Hb-Wert unter elf g/dl, so spricht man nach einer Definition der WHO von einer Anämie. Grundlage der Anämie ist die unzureichende Bildung roter Blutzellen (Erythrozyten) im Knochenmark. Diese enthalten den roten Blutfarbstoff Hämoglobin, welcher für die Bindung und den Transport von Sauerstoff verantwortlich zeichnet. Fehlen Hämoglobin respektive Erythrozyten, so kann das Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Symptome, wie Leistungsschwäche, Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Konzentrationsstörungen, wie sie charakteristisch für das Fatigue-Syndrom sind, sind die zwangsläufige Folge.

Das erklärt, warum vor allem Tumorpatienten betroffen sind. Denn zum einen kann der Tumor selbst oder potenzielle Metastasen direkt das Knochenmark schädigen. Außerdem gibt es Tumore, die die Ausschüttung des Hormons Erythropoetin, welches die Blutbildung anregt, hemmen. Ein Mangel an Erythropoetin aber bewirkt zwangsläufig einen Mangel an roten Blutzellen. Eine weitere Ursache der Anämie können chronische Blutungen sein oder auch direkte Nebenwirkungen, beispielsweise einer Chemotherapie, welche fast immer das blutbildende System im Knochenmark schädigt.

Die Anämie hat offenbar erhebliche negative Konsequenzen für den Patienten: Sie beeinträchtigt nicht nur sein Wohlbefinden und seine Lebensqualität indem sie Symptome wie diejenigen des Fatigue-Syndroms provoziert. Es gibt viel mehr Untersuchungen, wonach Patienten mit einer Anämie unter einer Chemo- oder Radiotherapie eine schlechtere Prognose aufweisen: Die Behandlung ist im Durchschnitt weniger effizient, es kommt eher zum Rezidiv und die Überlebenszeit der Patienten ist kürzer, wenn während der Behandlung eine relevante Anämie besteht.

Behandlung der Anämie

Inzwischen herrscht unter den Experten weitgehende Übereinstimmung darin, dass die Anämie einer gezielten Therapie bedarf. Dazu gibt es prinzipiell zwei unterschiedliche Strategien. Es kann beispielsweise durch Vollbluttransfusionen oder die Behandlung mit Eyrthrozytenkonzentraten akut das Erythrozytendefizit behoben werden. Dies führt zu einer raschen Anhebung des Hämoglobinwertes und parallel dazu zu einer Besserung der Befindlichkeit. Allerdings sind diese Effekte meist nur von kurzer Dauer. Es gibt deshalb keinen Zweifel daran, dass Bluttransfusionen bei schweren lebensbedrohlichen Anämien das Mittel der Wahl sind. Allerdings sind die Einsatzmöglichkeiten auf Dauer begrenzt und es besteht nach wie vor ein nicht unerhebliches Infektionsrisiko.

Anhaltendere Effekte verspricht zudem eine Stimulation der Blutzellbildung, wie sie durch die Behandlung mit dem Hormon Erythropoetin, das natürlicherweise von den Nieren gebildet wird, zu erzielen ist. Denn Erythropoein, das zum Beispiel als einmal wöchentliche subkutane Injektion verabreicht wird, regt die Bildung und Ausreifung der Erythrozyten im Knochenmark an. Der Patient kann die Behandlung gut selbst zu Hause durchführen, und eine Indikation wird unter den Experten allgemein gesehen, wenn der Hb-Wert unter zehn mg/dl absinkt. Sinnvoller noch erachten es einige Experten, für normale Hb-Werte bei Tumorpatienten zu sorgen: Zum einen wegen der besseren Lebensqualität der Patienten, aber auch, weil sich mit einem höheren Hb-Wert eine bessere Prognose verbindet, wie Professor Dr. Heinz Ludwig aus Wien, Präsident beim einem internationalen Krebskongress in Nizza, betonte.

Wirkweise und Effekte der Erythropoetin-Therapie

Die Erythropoetin-Gabe hat Effekte auf mehreren Ebenen: Messbar ist ein Anstieg des Hb-Wertes zu verzeichnen, der üblicherweise mit einer erheblichen Besserung der Fatigue-Symptomatik und damit wiederum mit einer Besserung der Lebensqualität verbunden ist. Darüber hinaus kommt es zu einer deutlichen Reduktion des Transfusionsbedarfs.

Die Therapie hat wahrscheinlich aber auch direkte Effekte auf die Grunderkrankung. Denn durch die Steigerung der Erythrozytenzahl ist eine bessere Sauerstoffversorgung gewährleistet, und es kommt parallel dazu zu einer vermehrten Tumoroxygenierung, also einer verstärkten Sauerstoffversorgung des Tumors. Dies aber ist für die Prognose des Patienten günstig. Denn ein erniedrigter Hb-Wert korreliert zumeist mit einer herabgesetzten Tumoroxygenierung, und es gibt Hinweise darauf, dass unter der Situation der Tumor-Hypoxie die Mutationsrate im Tumor steigt und vermehrt Zellen mit Resistenzen gegen Chemotherapeutika selektioniert werden. Es wird daher vermutet, dass umgekehrt die verstärkte Tumoroxygenierung günstige Effekte hat und das Ansprechen der Zellen auf die Chemotherapie und damit die Prognose des Patienten verbessert.

Dafür sprechen auch Beobachtungen, wonach ein erniedrigter Hb-Wert vor und während einer Strahlentherapie bei Patienten mit kleinzelligem Bronchialkarzinom sowie solchen mit einem Gebärmutterhalskrebs und bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren prognostisch ungünstig ist. Klinische Studien haben zudem bei einzelnen Tumoren , beispielsweise dem Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle, ein verbessertes Ansprechen auf eine Radio-Chemotherapie nach Erythropoetingabe gezeigt. Und es ergaben sich auch bessere Ergebnisse bezüglich der lokalen Tumorkontrolle und beim Gesamtüberleben.

Allgemeine Maßnahmen zur Besserung der Fatigue

Unabhängig von Transfusionen oder einer Erythropoetin-Behandlung haben die Betroffenen auch selbst Möglichkeiten, durch allgemeine Maßnahmen die quälenden Fatigue-Symptome zu lindern. Grundsätzlich falsch ist der vielfach gehörte Rat, die Betroffenen sollten sich schonen. Eher ist das Gegenteil der Fall, die Fatigue-Patienten müssen zu regelmäßiger körperlicher Aktivität motiviert werden. Nur so lässt sich der Teufelskreis aus Schonung, Muskelabbau, weiterer Erschöpfung und dadurch bedingt weiterer Schonung durchbrechen. Auch wenn es schwer fällt: Die Patienten müssen durch ein regelmäßiges Training wieder Muskelmasse aufbauen statt diese weiter abzubauen. Ratsam ist ein gezieltes Trainingsprogramm, das mit einfachen Übungen beginnt und langsam entsprechend der persönlichen Möglichkeiten peu à peu gesteigert wird.

Dabei geht es zunächst darum, dass die Erkrankten lernen, ihre Kräfte optimal einzuteilen. Sie sollten durch Selbstbeobachtung versuchen zu ergründen, zu welchen Zeiten des Tages es ihnen am besten geht und in dieser Zeit sollten dann die wichtigsten Aktivitäten geplant werden. Überforderungen sind zu vermeiden, doch ebenso übertriebene Schonung. Vielmehr sollte versucht werden, notwendige Tätigkeiten so zu planen, dass sie realistisch auch durchgeführt werden können. So muss nicht unbedingt im Stehen geduscht werden, man kann dabei auch sitzen und auch andere Verrichtungen des Alltags lassen sich mit ein wenig Überlegung oftmals erleichtern.

Neben dem Kräfte sparen, ist das Kräfte sammeln wichtig: Ausreichender Schlaf ist bedeutsam, und es sollte eine entsprechend gute Schlafhygiene (zum Beispiel Meiden von Kaffee, Tee und Alkohol, ausreichende Belüftung des Schlafraums und mehr) selbstverständlich sein. Auch tagsüber sollten immer wieder kurze Ruhepausen eingelegt werden. Selbstverständlich muss auf eine gesunde Ernährung, also auf eine abwechslungsreiche, vitamin- und ballaststoffreiche Kost, geachtet werden, auf ein ausreichendes Maß an Muße und Entspannung und, auch das ist wichtig, auf anregende Freizeitaktivitäten, die dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen wieder deutlich zu steigern.

Medizinisches Wissen erlangt man während des Studiums. Das liegt für Sie wahrscheinlich schon lange zurück. Inzwischen hat sich in allen Bereichen viel getan, denn Forschung und Wissenschaft schlafen nicht. Wir wollen Sie mit dieser Serie auf den neuesten Stand bringen. Das zm-Repetitorium Medizin erscheint in der zm-Ausgabe zum Ersten eines Monats.

zm-Info

Betroffene wie auch ihre Angehörigen können im Bedarfsfall weitere Informationen über das Fatigue-Syndrom vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg erfahren. Dort wurde ein eigenes „Fatigue-Telefon“ (FIT) eingerichtet, das jeweils Montags, Mittwochs und Freitags erreichbar ist unter der Telefonnummer: 06221-424344

Eine weitere Anlaufstelle für Menschen mit Fatigue ist die Deutsche Fatigue Gesellschaft,
Scheidtweilerstr. 63-65,
50933 Köln,
Tel.: 0221-94058232,
Fax: 0221-94058222

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“ ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen zu beantworten
Christine Vetter, Merkenicher Str. 224, 50735 Köln



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