zm-online
16.03.07 / 00:14
Heft 06/2007 Medizin
Alte Menschen im Pflegeheim

Fixiert und sediert statt adäquat behandelt



Wegen Personalmangel ruhig gestellt: Leider ist das heute in vielen Pflegeheimen an der Tagesordnung. Foto: Klaus Rose/Das Fotoarchiv

„In vielen Pflegeheimen herrscht eine eklatante Minderversorgung“, beklagt Professor Dr. Dr. Rolf-Dieter Hirsch aus Bonn. Das betrifft in erster Linie Patienten mit Demenz. Bei ihnen gehören oft Wahnvorstellungen, Halluzinationen und aggressives Verhalten mit zum Krankheitsbild. Treten solche Symptome auf, so sind laut Hirsch Neuroleptika und insbesondere atypische Neuroleptika indiziert. Denn Wirkstoffe wie Risperidon haben den Vorteil, den Patienten nicht zu sedieren und keine anticholinergen Nebenwirkungen zu provozieren.

Moderne Medikamente werden vorenthalten

Den Patienten aber wird diese Medikation in aller Regel vorenthalten: „Sie werden allzu häufig sediert, fixiert oder einfach weggesperrt, statt adäquat behandelt“, monierte Hirsch bei einer Pressekonferenz in Bonn.

Doch eine aktuelle Studie belegt nach seinen Angaben, dass das atypische Neuroleptikum Risperidon auch in der Heimsituation gut wirksam und gut verträglich ist. In der Studie wurden laut Privatdozent Dr. Martin Haupt aus Düsseldorf 102 Demenzpatienten mit schwerer chronischer Aggressivität mit Selbst- und/oder Fremdgefährdung oder beeinträchtigenden psychotischen Symptomen mit diesem Wirkstoff behandelt. Es handelte sich ausnahmslos um Patienten, welche auf eine antipsychotische Vormedikation mit einem niedrig potenten Neuroleptikum nicht adäquat angesprochen hatten. „Chronische Aggressivität war der Hauptgrund für den Wechsel der Medikation“, sagte Haupt.

Das Ergebnis war verblüffend: Die Verhaltensauffälligkeiten wurden nachhaltig und statistisch signifikant gebessert. Auffällig war vor allem, dass die dementen Patienten weniger aggressiv reagierten, motorisch ruhiger wurden und weniger Angst, Wahn und Halluzinationen erlebten. Es besserte sich außerdem das Schlafverhalten, und es kam seltener zu Stürzen.

Die Patienten zeigten nach Haupt hingegen mehr Alltagskompetenz und erlebten wieder mehr Lebensqualität. Auch das Pflegepersonal äußerte sich positiv: Der Pflegeaufwand war geringer und die Betreuer gaben an, deutlich entlastet zu sein.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln



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