sg
01.12.10 / 00:14
Heft 23/2010 Politik
Prämien in der Private Krankenversicherung (PKV)

Flächendeckender Anstieg

PKV und GKV – zwei Systeme mit den gleichen Problemen. Die stetig zunehmende Alterung der Gesellschaft, gleichzeitig fehlender Nachwuchs sowie steigende Gesundheitskosten machen finanziell beiden zu schaffen. Folge: Sowohl in der gesetzlichen als auch in der privaten Krankenversicherung steigen die Versichertenprämien. Etliche PKV-Kunden müssen ab 2011bis zu sieben Prozent mehr bezahlen.




Mit schlechten Nachrichten hält man gern hinterm Berg. So war es dann auch nicht die PKV selbst, die in die Offensive ging, sondern die Presse. Unter anderen das Internetportal „Spiegel online“ und der Berliner „Tagesspiegel“ überbrachten die Hiobsbotschaft. Andere Medien wie etwa die „Welt“ oder der „Stern“ zogen nach. Demnach sind Millionen Privatversicherte von Beitragserhöhungen unterschiedlicher Varianten betroffen. Zur Beitragsentwicklung befragten die Medien bundesweit diverse Versicherer und deckten damit insgesamt ein Potential von etwa acht der neun Millionen PKV-Versicherten ab.

Die Ergebnisse ließen aufhorchen: So müssen sich etwa die zwei Millionen Versicherten beim Branchenprimus Debeka auf rund fünf Prozent einstellen, ausgenommen Beamte, deren Beiträge stabil bleiben. Die rund 900 Millionen Versicherten der DKV, die zum Ergo-Konzern gehört (aktueller Werbespruch: „Versichert statt verunsichert“), verlangt Prämiensteigerungen von bis zu sieben Prozent. Auch der drittgrößte Versicherer, die AXA, möchte ab 2011 mehr Beitrag von ihren Versicherten, hier sind es 5, 5 Prozent. Alle drei Unternehmen hatten bereits zum Jahr 2010 von ihren Kunden erhöhte Prämien eingetrieben. Zum Vergleich: Die Allianz verlangt 0,5 Prozent mehr.

Zu den Gründen des Beitragsanstiegs befragt, führte der PKV-Chef, Volker Leienbach, neben dem immer teurer werdenden medizinischen Fortschritt und der gestiegenen Lebenserwartung auch die Honorare der Ärzte an. Kritiker sehen dies als Seitenhieb auf die verfasste Ärzteschaft und deren Erfolge bei der Regierung um höhere Einkommen. Zudem brachte Leienbach eine PKV-Untersuchung ins Spiel, wonach die ärztlichen Laborkosten bei Privatversicherten pro Kopf fünf Mal so hoch seien wie bei Kassenpatienten.

Koalitionsgeschenke an die Privaten

Da kommt den Privatversicherern die soeben beschlossene Gesundheitsreform gerade recht. Die Koalition bedachte die PKV damit, dass sie den dortigen Eintritt erleichterte und die von der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) errichteten Erschwernisse beiseite räumte: Ab 2011 muss man mit seinem Gehalt nicht mehr drei Mal hintereinander über die Versicherungspflichtgrenze gelangen, um PKV-Mitglied zu werden. Es reicht, wenn man nur einmal die Hürde von knapp 50 000 Euro im Jahr nimmt. Konkret bedeutet dies, dass die Pflichtversicherungsgrenze, die 2010 bei 4 162,50 Euro Monatsverdienst lag, auf 4 125 Euro sinkt. Diese Herabsetzung soll bereits zum 31. Dezember 2010 in Kraft treten, so dass die PKV – theoretisch – schon recht bald mit neuen Mitgliedern aus der GKV rechnen kann. Gesetzliche Krankenkassen, politische Opposition, Gewerkschaften und Sozialverbände kritisieren, dass damit dem Solidarsystem weiterhin und verstärkt wichtige Unterstützung entzogen wird.

Das zweite Bonbon, das die Koalition den Privaten durch die Gesundheitsreform machte: Debeka Co. werden zukünftig genauso von den Zwangsrabatten profi- tieren, die die Pharmahersteller den gesetzlichen Kassen einräumen müssen, wie diese selbst. Allein von dieser Maßnahme verspricht sich der Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) Einsparungen in Höhe von etwa 200 Millionen Euro. Doch inwieweit dies den Privaten helfen wird, ist fraglich. Branchenkenner verweisen auf systemimmanente Probleme der PKV, die nicht so einfach zu lösen sein werden. Ein Grund für die Malaise wird im geringen Mitgliederzuwachs gesehen. Die Zunahme von durchschnittlich 3,5 Prozent schaffe die Branche vor allem durch Beitragsanpassungen, berichtete die „Welt“ und zitierte Manfred Poweleit, Chef des Branchendienstes „map-Report“: „Das geringe Neugeschäft wurde mit einer auf 8,5 Prozent gestiegenen Abschlusskostenquote eingekauft.“ Dem gegenüber stünden steigende Leistungsausgaben: Durchschnittlich 4,5 Prozent mehr müssten die Kassen für die Gesundheit ihrer Kunden zahlen. Dazu hätten private Versicherer anders als die gesetzlichen Kassen auch noch Geld zurückzulegen.

Externe und interne Probleme bei PKV

Ein weiterer Grund, der zum wenig erfreulichen Finanzzustand beiträgt, ist die der- zeitige Niedrig-Zins-Situation für Anlagen. Vom Bundesfinanzministerium dazu gedrungen, müssen die 46 Privatversicherer mit 3,5 Prozent die Rückstellungen, die sie aus den Beitragseinnahmen für den Versicherungsschutz im Alter bilden, für ihre Kunden verzinsen. Derzeit sind es etwa 145 Milliarden Euro, die die Privaten als Polster für später angelegt haben. Doch dieser Garantiezins ist zu hoch, viele aus der Branche meinen, die Versicherer haben ihre Probleme damit, diesen Zins im Unternehmen selbst zu erwirtschaften. Indes: Die erfolgsverwöhnten Privatversicherer, die in länger anhaltenden Hochkunjunkturzeiten mit ihrem verlässlichen Klientel lange ein gutes Geschäft gemacht haben, sehen sich schon seit geraumer Zeit gezwungen, auf Kundenfang zu gehen. Dabei verfällt man schon einmal auf Lockangebote, die Kunden in die PKV einbinden sollen. Dies mutmaßt jedenfalls Hajo Köster vom Bund der Versicherten. „Die Beiträge für junge Leute werden zu niedrig kalkuliert“, sagte Köster gegenüber der „Welt“. Die Prämien gingen, sofern sie nicht marktgerecht sind, zulasten der Altersrückstellungen und somit aller Privat- versicherten. Zudem würden die Versicherer bei Abschluss der Verträge Sterbetafeln zu Rate ziehen, die nicht der aktuellen Lebenserwartung entsprächen. Da auf Grundlage dieser nicht immer zuverlässigen Voraussagen jedoch die Beiträge wie auch die Rückstellungen von der PKV ermittelt würden, könne diese Rechnung nicht aufgehen. Und schließlich: Köster bezweifelt, ob die Maßnahmen, die die Koalition zum Wohl der PKV beschlossen hat, eine durchschlagende Wirkung erzielen werden. Ob durch Absenkung der Wechselfrist oder als Profiteur bei den Verhandlungen zwischen Pharmafirmen und gesetzlichen Krankenkassen: „Das entlastet die Branche zwar in den kommenden Jahren, aber dann holen uns die Probleme wieder ein“ sagte Köster der „Welt“.



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