zm-online
16.01.04 / 00:14
Heft 02/2004 Zahnmedizin
Seltene Infektionserkrankungen der Mundhöhle

Fokale Aktinomykose der Zunge




Kasuistik

Es handelte sich um eine 45-jährige Patientin mit einem seit mehreren Wochen bestehenden Entzündungsherd am linken Zungenrand. Klinisch bestand eine gut einen Zentimeter durchmessende, das Schleimhautniveau leicht überragende noduläre Induration, aus der sich auf leichten Druck Pus exprimieren ließ (Abb. 1). Ein Aufbisstrauma oder auch eine Fremdkörpereinsprengung wurden anamnestisch verneint.

Der Befund wurde in toto exzidiert. Hierbei zeigte sich vom klinischen Aspekt (Abb. 2) eine Haarbalg-ähnliche Struktur, die den Verdacht zunächst in Richtung eines Dermoides mit perifokaler Infektion lenkte. Allerdings wies die Läsion keinen zystischen Anteil auf, sondern schien im Anschnitt eher einem Granulom zu entsprechen. Histologisch (Abb. 3) ergab sich der seltene Befund einer umschriebenen Aktinomykose der Zunge. Da klinisch keine Ausbreitungstendenz der Läsion erkennbar war, wurde im Rahmen der Primärtherapie auf eine spezifische adjuvante antibiotische Therapie verzichtet.

Diskussion

Obwohl die Aktinomykose eine insgesamt sehr seltene Infektionserkrankung ist, betreffen rund 40 bis 50 Prozent der Fälle die zervikofaziale Region. Es handelt sich typischerweise um eine chronisch verlaufende Erkrankung, die durch brettharte Infiltrate und rezidivierende Fistelbildung gekennzeichnet ist. Typische Eintrittspforten der Aktinomykose sind Wunden, beispielsweise nach Zahnentfernungen oder Frakturen im Kiefer-Gesichtsbereich. Es treten aber auch fremdkörperassoziierte Infektionen auf [Moesta et al. 1999]. Die schleichende, klinisch lange Zeit recht unspezifische Symptomatik macht die Aktinomykose zu einer diagnostischen Herausforderung und erfordert mitunter eine Abgrenzung zu neoplastischen Erkrankungen [Lang-Roth et al. 1998].

Innerhalb der zervikofazialen Region sind Manifestationen der Zunge seltene Ausnahmen [Ficarra et al. 1993]. Sie können hier das klinische Bild einer Glossitis rhombica mediana zeigen oder auch, wie im vorliegenden Fall, als noduläre Infiltrate imponieren. Eine ulceröse Verlaufsform der Schleimhautaktinomykose kann vom Aspekt her ein ulzerierendes Plattenepithelkarzinom imitieren [Alamillos-Granados et al. 2000].

Nachdem gerade Verletzungen und dentoalveoläre chirurgische Eingriffe als wesentliche Eintrittspforten der zervikofazialen Aktinomykose in Frage kommen, muss für die zahnärztliche Praxis auf den hohen Stellenwert einer eingehenden Anamnese hingewiesen werden. Das ursächliche Ereignis, beispielsweise eine Zahnentfernung, kann dabei durchaus mehrere Jahre zurückliegen. Eine abschließende diagnostische Einordnung für dieses klinische oft schwer abgrenzbare Krankheitsbild ergibt sich aufgrund des charakteristischen histopathologischen Befundes mit drusenartigen Bakterienkulturen und letztlich durch den bakteriologischen Nachweis von Aktinomyces Spezies.

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes-Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2
55131 Mainz
Die histologischen Bilder wurden freundlicherweise
von Dr. T. Hansen, Institut für
Pathologie der Johannes Gutenberg-Universität
(Direktor: Prof. Dr. Kirkpatrick) zur Verfügung
gestellt.

Fazit für die Praxis

• Die häufigsten Manifestationen der Aktinomykose betreffen die zervikofaziale Region und liegen damit im Arbeitsgebiet der Zahnheilkunde.

• Auch die Eintrittspforten der Infektion stehen überwiegend im Zusammenhang mit zahnärztlichen Behandlungsmaßnahmen oder Verletzungen im Kiefer-Gesichtsbereich.

• Insbesondere langwierige, chronisch fistelnde Entzündungen ohne adäquate Ursache sollten an eine Aktinomykose denken lassen, wobei grundsätzlich eine Abgrenzung gegenüber neoplastischen Läsionen mittels Biopsie erfolgen sollte.



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