spk
01.12.10 / 00:12
Heft 23/2010 Zahnmedizin
Internationales Expertentreffen von rechtsmedizinisch orientierten Zahnmedizinern

Forensische Zahnmedizin aus fünf Kontinenten

Anfang September 2010 trafen sich 109 forensische Zahnärztinnen und Zahnärzte in der belgischen Universitätsstadt Leuven zu einem Wissensaustausch der „International Organization for Forensic Odonto-Stomatology (IOFOS)“. Dabei waren insgesamt 28 Länder durch IOFOS-Mitglieder vertreten. Es war bereits das dritte wissenschaftliche IOFOS-Symposium, das auf belgischem Boden stattfand und wiederum unter der Leitung von Prof. Dr. Guy Willems, Leuven, stand.




Das Eingangsreferat wurde von Prof. Dr. John G. Clement, Melbourne, gehalten, der einen Überblick über die Entwicklung der Identifizierung der Opfer von Katastrophen in den letzten 35 Jahren gab. Die Identifizierung von Opfern und das unterschiedliche Handling nach Flugzeugabstürzen, Naturkatastrophen oder terroristischen Attentaten standen im Mittelpunkt des Vortrags. Die Überlegenheit der forensischen Zahnmedizin im Vergleich zu DNA-Unter- suchungen, Beurteilungen von ante- und post-mortalen Fingerabdrücken und anderen biometrischen Informationen wurde eindrucksvoll dargestellt.

Mobile radiologische Untersuchungsgeräte für die Identifizierungstätigkeit, auch unter sogenannten „Feldbedingungen“, wurden von Dr. Pisha Pittayapat, Leuven, demonstriert. Auch hier ist die digitale Radiologie dank moderner Sensortechnik und adäquater Weiterverarbeitung längst zum internationalen Standard geworden. So können elektronische Vergleiche von ante- und post-mortalen Röntgenbildern schnellstmöglich durchgeführt werden.

Dr. Irena Dawidson, Schweden, die sich seit Jahrzehnten mit der forensischen Zahnmedizin beschäftigt, stellte in ihrem Vortrag den Einsatz des von Interpol bei Massenkatastrophen verwandten EDV-Standard-Identifizierungsprogramms vor. Mit dieser Software ist es möglich, Daten von unbekannten Toten mit den elektronisch gespeicherten Daten vermisster Personen zu vergleichen. So konnten in Skandinavien bereits zahlreiche Einzelschicksale aufgeklärt werden.

Die Bedeutung, Möglichkeiten und Weiterentwicklung der genetischen Identifizierung im 21. Jahrhundert wurde von Dr. Ronny Decorte, Leuven, vorgestellt. Dabei erinnerte er an die erste Identifizierung mithilfe des genetischen Fingerabdrucks vor gerade einmal 25 Jahren. Die anschließende Weiterentwicklung der DNA-Analysen und deren Bedeutung für den „forensischen Alltag“ wurden ausführlich dargestellt. Vorausschauend wurde auch auf die geographische Herkunft eines Individuums – hier aus dem genetischen Blickwinkel – eingegangen.

Katastrophenmanagement beim Erdbeben in Haiti

Als deutscher Beitrag zum diesjährigen IOFOS-Symposium referierte Dr. Hans-Peter Kirsch aus Saarbrücken am Beispiel des Erdbebens in Haiti vom 12. Januar 2010 über den Einsatz weltweit operierender Firmen des privaten Katastrophenmanagements. Er stellte Überlegungen an, dass die hierbei erwirtschafteten Gewinne, die sicherlich auch in (Re-)Investitionen fließen, eine adäquate Vorbereitung auf zukünftige Katastrophenszenarien erst ermöglichen. Nach Ansicht von Dr. Kirsch sei nur in Public-Private-Partnerships quasi als Kreislauf die eigentliche Handlungsfähigkeit für (zukünftige) Katastrophenfälle herzustellen.

Dr. Cristina Pereira aus Portugal, die sich seit Jahren mit dem Erdbeben, das im Jahre 1755 Lissabon erschütterte und zu unzähligen Toten führte, wissenschaftlich beschäftigt, stellte ihre neuesten Untersuchungs- ergebnisse der taxonomischen Analyse (Klassifikationsschemata) der Zähne, Kiefer und Knochen der Opfer dieser Katastrophe vor: Dabei wurden paläodemographische und paläopathologische Kriterien berücksichtigt. Gleichzeitig stellte sie Geschlechts- und Altersbestimmungen, mögliche Verwandtschaftsanalysen sowie (erdbeben- bedingte) Einflüsse durch Feuer und Traumata vor.

Der zweite Teil des wissenschaftlichen Symposiums wurde von Dr. Patrick Thevissen, Leuven, eingeleitet. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Entwicklung der Altersdiagnostik, die anhand des Weisheitszahnes erfolgt. Dabei hat er versucht, länderspezifische Daten zur Weisheitszahnentwicklung herauszuarbeiten, um sie mit in Belgien gewonnenen Daten vergleichen zu können.

Computerunterstützte Weichteilrekonstruktion

Die neuesten Möglichkeiten zur computerunterstützten Rekonstruktion im craniofacialen Bereich wurden von Dr. Dirk Vandermeulen aus Leuven präsentiert. Hierbei handelt es sich um eine wertvolle Hilfe der Weichteilrekonstruktion des Gesichts bei unbekannten, stark verwesten oder bereits skelettierten Leichen. Die früher übliche Weichteilrekonstruktion durch Modellationen ist heutzutage durch Computer- animationen fast vollständig ersetzt worden. Hierfür wurden – dank neuer technischer Möglichkeiten – schnelle und flexible Computerprogramme entwickelt.

Blick für Misshandlungen intensiver schulen

Den Abschluss des Symposiums bildete ein Vortrag des Kinder- und Jugendpsychiaters Prof. Dr. Peter Adriaenssens, Leuven. Er machte deutlich, dass es in vielen Ländern vernachlässigte und misshandelte Kinder aller Altersgruppen gibt. Vielfach werden Kindesmisshandlungen von Ärzten und Zahnärzten während der Behandlung zwar wahrgenommen, aber nicht an die entsprechenden staatlichen Stellen gemeldet. Prof. Adriaenssens gab einen Überblick über die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre in West-Europa und ging auf die Rolle der behandelnden Zahnärztin und des Zahnarztes ausführlich ein.

Mit einem wissenschaftlichen Poster („The identification of civilian dead bodies by archives of armed forcies“) demonstrierte Dr. Claus Grundmann die Bedeutung des „Instituts für Wehrmedizinalstatistik und Berichtswesen der Bundeswehr“ in Andernach. Hier konnten in einigen aussichtslosen Fällen zahnmedizinische Identifizierungen schließlich doch zum Abschluss kommen. So werden ante-mortale Zahnbefunde der ehemaligen Bundeswehr-Angehörigen in dem Institut bis zum 90. Geburtstag der Soldatin beziehungsweise des Soldaten aufbewahrt. Mithilfe dieser archivierten Daten konnte manch einem unbekannten Toten seine Identität zurückgegeben werden.

Es wurde wieder einmal deutlich, dass „forensische Zahnmedizin“ sich national wie international nicht ausschließlich mit der Identifizierung von Toten beschäftigt, sondern sich auch einigen weiteren Tätigkeitsfeldern widmet. Die insgesamt 43 hochkarätigen Vorträge beschäftigten sich mit der forensischen Altersdiagnostik, der forensischen Anthropologie, (Kindes-)Misshandlungen im orofacialen Bereich sowie den durch das stomatognathe System verursachten Verletzungen (Bissspuren-Analysen).

Dr. med. Dr. med. dent. Claus Grundmann
Viktoriastr. 8
47166 Duisburg
clausgrundmann@hotmail.com



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