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01.05.10 / 00:10
Heft 09/2010 Politik
50 Jahre Akademie Karlsruhe

Fortbildung als Lebenselixier

Fünf Jahrzehnte Akademie Karlsruhe sind selbstverständlich Anlass für einen feierlichen Blick zurück. Dennoch: Die Karlsruher Konferenz 2010 war weit mehr als Fortbildungsgeschichte. Programm war der Blick in die Zukunft von Berufsstand, Zahnmedizin und – im Rahmen der Preisverleihung der Vortragsreihe „Mund auf!“ – unserer gesellschaftlichen Entwicklung.




Der Wille der Zahnärzte zur Fortbildung, so erklärte Akademiedirektor Prof. Dr. Winfried Walther in seinen Begrüßungsworten zur Karlsruher Konferenz (26./27.3.2010), sei „das Lebenselixier“ der Akademie. Insofern waren Reminiszenzen – auch die Aufbereitung der Akademie-Geschichte seit 1960 in Form eines präsentierten Filmes – zwar wichtig, aber nur Teil des Programms. „Profile der Zukunftspraxis“ sollten die Referenten des diesjährigen Kongresses herausarbeiten. In der Fortbildung ist, so Walther, „das Neue“ entscheidend: Sich selbst immer als am Anfang eines Prozesses zu empfinden, das ist der Weg in die Zukunft.“

BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel erinnerte daran, dass Fortbildung „ein Garant dafür ist, Schaden vom Patienten fernzuhalten“. Zahnärzte seien in Sachen Fortbildung motiviert: „Sie verlassen sich nicht nur auf ihr Ausbildungswissen.“ Es gebe durchaus Teilgebiete in der Zahnmedizin wie die Implantologie oder auch die Gnathologie, die sich subwissenschaftlich, aus der Praxis heraus entwickelt hätten. Das müsse und könne die Profession „aus sich selbst heraus stemmen“. Dass das funktioniert, belegt allein die Zahl der Fortbildungswilligen, die Baden-Württembergs Kammerpräsident Dr. Udo Lenke anführte: Mehr als 155 000 Zahnärzte und Zahnmedizinische Fachangestellte hätten seit Gründung der Akademie zu Beginn der Sechzigerjahre das Fortbildungsangebot wahrgenommen.

Diese aus sich heraus gestemmte Leistung werde gerade in den hochspezialisierten Berufsbereichen anerkannt, erläuterte der Magdeburger Professionsforscher Prof. Dr. Winfried Marotzki in seinem Vortrag „Die Zahnärzteschaft – Profil einer Profession in Gegenwart und Zukunft“: „Gerade im Bereich der Fortbildung gilt die Profession der Zahnärzte als ’Leit-Profession’. Hier werden Konzepte ganz konkret auf andere Berufe übertragen.“

Zukunftsprofile als Herausforderung

Diese Form der Anerkennung galt natürlich auch den nachfolgenden Fachreferenten. Prof. Dr. Christof Dörfer (Kiel) bestärkte die teilnehmenden Zahnärzte in ihrem Bestreben, das „Profil Prophylaxe“ als Maßgabe für die „Zukunftspraxis“ zu begreifen. Dörfer forderte eine „Professionalisierung der Interaktion mit dem Patienten“. Es gelte künftig auch, Motivationstechniken zu erlernen und anzuwenden, didaktische Fähigkeiten zu entwickeln und sich psychologisch zu verbessern. Dr. Bernd Reiss (Malsch) erläuterte in seinen Ausführungen zum zukünftigen technologischen Profil „den Abschied vom Abdruck“. Sein Blick in die Zukunft: Der „Durchmarsch neuer Techniken“ werde durch die Kombination neuer bildgebender Verfahren – wie 3-D- und 4-D-Röntgentechnologien, MRT, der Umsetzung in CAD/CAM-Fertigung – zu dem Ziel führen, Behandlungen unter Einbeziehung von Verlaufsformen und vergleichbaren Zeitkontrollen vorzunehmen. Prof. Dr. Dr. Friedrich Neukam (Erlangen) ist überzeugt, dass Zahnimplantationen ihre Bedeutung als Therapiemittel künftig noch steigern werden.

Sie seien schon heute, bei einer Erfolgsrate nach 25 Jahren von 80 bis über 95 Prozent,– unabhängig vom eingebrachten Material – integraler Bestandteil der zahnmedizinischen Behandlung. Trotzdem gelte es auch künftig, sich in der Behandlung nach der Verhältnismäßigkeit der angewandten Mittel auszurichten (Prof. Dr. Bernd Klaiber, Würzburg, zum restaurativen Profil) und Methoden anzuwenden, „die es dem Zahnarzt ermöglichen, auch beim Zahnersatz auf umfangreiche Präparationen“ zu verzichten (Dr. Francesca Vailati, Genf). Dadurch werde es auch beim prothetischen Profil der Zukunft möglich, Zahnsubstanz mehr und mehr zu schonen. Prof. Dr. Axel Spahr (Sydney) beschrieb die Zukunft des parodontologischen Profils als Aufgabe, dem Gewebeverlust „Schach“ zu bieten. Auch wenn derzeitige Studien „sehr große Unterschiede“ auswiesen, „ist parodontale Regeneration möglich“, so die Einschätzung des Parodontologen. Direkte Maßgaben für die zahnärztliche Praxis bot Dr. Jochen Klemke (Speyer), der in einem Resümee Optionen für „die Zukunft des Generalisten“ heraus arbeitete. Wichtig seien ein klares Konzept für die eigene Praxis, ein ausgearbeitetes Fortbildungskonzept und Wissensmanagement, eine klare Positionierung des Praxisteams und eine möglichst gute Vernetzung der Praxis mit anderen Institutionen.

Dass auch die Welt „der Schönen, Reichen und Mächtigen“ in ihrem Zeitenwandel eine Fundgrube für zahnmedizinische Betrachtungen darstellt und Regeln für zahnmedizinisches Arbeiten veranschaulichen kann, bewies Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle am Samstagvormittag. Deutlich wurde: Auch die Prominenten dieser Welt sind nicht zwangsläufig Musterbeispiele für detailgerechte zahnmedizinisch gelungene Ästhetik. 

INFO

„Mund-auf!“-Preis 2010 an Matthias Horx: Aus der Krise für die Zukunft lernen

Die diesjährige Auszeichnung des seit 1983 von der Karlsruher Akademie für zahnärztliche Fortbildung verliehenen „Mund-auf!“-Preises ging an den Zukunftsforscher Matthias Horx. Der im Berufsfeld des Journalismus groß gewordene Wissenschaftler – er steht als Preisträger in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie den Friedensnobelpreisträgern Mohammed el-Barradei und Wangari Maathai oder dem früheren Außen - minister des Vatikans Agostino Casaroli – sieht in der aktuellen Finanzkrise, statt daraus erwachsenden einschlägigen Horrorszenarien Chancen für einen neuen Schub. Mit entsprechender Zuversicht werde ein breiter Mittelstand neue Möglichkeiten schaffen können, dass der Anteil der an der Armutsgrenze lebenden Menschen weiter sinkt.  

Die Aufgabe der Zukunftsforschung, so Horx in seinem Festvortrag, basiere auf dem „Denkansatz eines integrierten Pluralismus“. Der zum Zukunftsdenken befähigte Mensch müsse seine natürliche Angst vor dem Tod zielbezogen umsetzen: „Zivilisation ist die Moderation von Angst.“ Horx lässt keinen Zweifel, dass die „apokalyptische Wellness“ des „Angst-Rekordhalters“ Deutschland und deren mediale Nutzung „nicht geeignet sind, die Welt weiterzubringen“. Dabei führe jede Krise – auch die aktuelle – in „eine Art von Erkenntnis-Katharsis“. Horx erhofft sich aus der gegenwärtigen Angst der Menschen die Chance auf Entwicklung eines weltweiten neuen Wohlstandsmodells. Seine Hoffnung: Gerade die aufstrebenden Schwellenländer dürften in den kommenden 30 Jahren eine neue Welt der Mittelständler schaffen. Ihm schwebe ein Wechsel von der gegenwärtig noch bipolar zu einem multipolar organisierten System der Menschheit „mit neuen Regeln für die Welt“ vor. Beispiele für solche produktiv umgesetzten Krisen biete die Menschheitsgeschichte zur Genüge: Die „Tulpenblase“ von 1637, die Eisenbahnkrise im 19. Jahrhundert oder andere vergleichbare Entwicklungen hätten immer „positive Kollateralschäden“ produziert, neue Finanzstrukturen und neue, nachhaltigere Netzwerke der Menschen geschaffen. Horx versuchte die gegenwärtige Angst zu relativieren: „Die Globalisierung treibt uns die Treppe der Wertschöpfung hinauf.“ Die Krise berge die Chance zum Umdenken, dass nicht mehr Gegenstände als Besitz erstrebenswertes Ziel sein können, sondern neue Transformationen zu einer „Wissens- und Könnensproduktion“ anzustreben sind. Eingedenk der Erkenntnis, dass nur selbstgewählte Herausforderungen geeignet sind, uns glücklich zu machen, werde es künftig darum gehen, das Bildungsniveau der Menschen zu steigern, Hochbildungsgesellschaften zu entwickeln. Inzwischen reife die Erkenntnis, dass Begriffe wie „Kreativität, Teamfähigkeit, emotionale Intelligenz“ Eigenschaften sind, die zu einer anderen Kultur führen. Entscheidend sei heute, aus der Angst „Ziele zu formulieren“. Sein Motto als Aufforderung für den richtigen Umgang mit der Krise an die rund 1 200 Teilnehmer des Kongresses: „Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstößt.“



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