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16.11.12 / 12:20
Heft 22/2012 Gesellschaft
Handpuppen in der Zahnarztpraxis

Ganz nah am Kind

Sie sind die Stars der Gruppenprophylaxe: Kroko, Alex, Max Schrubbel und Dentulus. Handpuppen sind Sympathieträger, weil sie den Spieltrieb von Kindern wecken und in ihre Lebenswelt passen. Zahnarztpraxen können mit geschultem Personal ihre kleinen Patienten mit Handpuppen begeistern. Dies gilt auch für Patienten mit geistiger Behinderung und fortgeschrittener Demenzerkrankung. Die Autorin ist ausgewiesene Expertin im Handpuppenspiel.




Die Zahnmedizinische Gruppenprophylaxe hat sich durch die Steuerung der regionalen Landesarbeitsgemeinschaften bundesweit zu einem erfolgreichen Mundgesundheitsprogramm für Kindertageseinrichtungen und Schulen entwickelt. Es gibt zahlreiche lebendige, altersgerechte Prophylaxe-Konzepte für Kleinkinder, Schüler und deren Eltern/Betreuer, unterstützt durch populäre Sympathie-Figuren, die Handpuppen.

Die Akteure in der Gruppenprophylaxe sind täglich aufs Neue gefordert. Es gilt, das Thema „Mundgesundheit“ immer wieder spannend, lebendig und neu zu gestalten. Das zahnmedizinische Fachpersonal hat sich in diesem Bereich zu Gesundheitspädagogen, Puppenspielern, Zauberern, Kommunikationsexperten und Motivationstrainern entwickelt. Lebendige Programme erobern sich erfolgreich Akzeptanz und Wertschätzung bei Erziehern und Lehrern.

Die Arbeit in der Gruppenprophylaxe ist weit mehr als die Unterweisung von Kin-dern im Bereich Mundgesundheit. Das Schulen von Kindern aus unterschiedlichen Kulturen, mit sozialen Belastungen und Lernschwierigkeiten, der Umgang mit Blockaden und Widerständen, die Motivation von Eltern und Betreuern erfordern methodische Kenntnisse, Empathie sowie eine gut strukturierte Organisation.

Handpuppen als Helfer

Die Handpuppen haben sich zu wichtigen Helfern entwickelt. Sie unterstützen die Fachleute in den unterschiedlichen Bereichen: Mit ihnen können viele Aufgaben und Gespräche spielerisch gestaltet werden. Und die Puppen erleichtern den emotionalen Zugang zu den Kindern.

Psychologischer Hintergrund: Kinder orientieren sich im Kleinkindalter noch sehr an der Körpersprache von Erwachsenen. Über einen liebevollen Umgang mit der Puppe erzeugt das Fachpersonal bei den Kindern Vertrauen. Die Kinder lernen die Fremd- Person im Spiel mit der Puppe kennen. Ohne ihren Einsatz müsste die für das Kind unbekannte Person bedeutend mehr Zeit aufwenden, um einen vergleichbaren Zugang zu erhalten. Aber auch Erzieher, Lehrer und Eltern fühlen sich von der Puppe emotional angesprochen. Die Fachkraft zeigt im Puppenspiel ihre Kompetenz im Umgang mit Kindern.

Die Spiel-Situation kompensiert das Fremde

Die Puppe eröffnet für das Kind eine Spiel-Situation. Das Kind vergisst die Fremd- Person hinter der Puppe und lässt sich auf ein gemeinsames Spiel ein. Durch diese emotionale, spielerische Zuwendung erhöhen sich bei den Kindern die Konzentrationsfähigkeit und die Aufmerksamkeit. Viele Informationen werden dadurch besser aufgenommen und verankert. Die Puppen orientieren sich an der Erlebniswelt der Kinder. Sie sind genauso neugierig, manchmal schüchtern oder unsicher, dann wieder offen, mutig und frech.

Bei jedem nächsten Besuch bringt die Puppe eine neue Geschichte oder ein neues Erlebnis für die Kinder mit. So wird sie zum aktiven Freund und vermittelt die Prophylaxe-Themen mit ihrer Neugierde. Gemeinsam mit der Puppe werden die eigenen Zähne als kostbar und wertvoll erkannt. Die Kinder bekommen ein Gefühl für ihren eigenen Mundbereich. Nur wer seine Zähne spürt, kann Verantwortung für sie übernehmen.

Das Kind, für das die ’lebendige’ Handpuppe in der Gruppenprophylaxe ein wichtiger Freund geworden ist, erwartet nun, diese auch in der Zahnarztpraxis anzutreffen. Zu erwarten ist, dass das Kind enttäuscht ist, wenn dieser gewonnene Freund ihm dort nicht zur Seite steht. Es ist für das Kind selbstverständlich, dass der Hauszahnarzt die Puppe und die Geschichten und Spiele aus der Gruppenprophylaxe kennt.

Gruppenprophylaxe und Hauszahnarzt

Wie kann ein Praxisteam das Konzept der Gruppenprophylaxe in der eigenen der Praxis nutzen und darauf aufbauen?

Es geht nicht darum, eine Praxis kindgerecht umzubauen und    aus jedem Zahnarztbesuch     ein Event zu machen. Viel wichtiger ist ein aufbauender und einfühlsamer Umgang mit dem Kind und dessen Eltern.

Mitarbeiterinnen können sich fortbilden

Der Beruf der zahnmedizinischen Fachangestellten hat sich in vielen Bereichen weiterentwickelt. Zu begrüßen wäre, wenn sich mindestens eine Mitarbeiterin in jeder Zahnarztpraxis in der Betreuung von Kindern qualifiziert. Denn Kinder, die sich verstanden und angenommen fühlen, werden zu Sympathieträgern für diese Praxis. Konkret bauen die Mitabeiterinnen über die Arbeit mit der Handpuppe eine Bindung zum Kind auf, von der der Zahnarzt während der Untersuchung beziehungsweise Behandlung profitiert.

Zentral ist der Gedanke, dass die Puppenspielerin der Handpuppe ihre Persönlichkeit verleiht und so ihre Wertschätzung gegenüber dem Kind zum Ausdruck bringen kann.

Die zahnmedizinische Fachangestellte, die sich für die Kinderbetreuung in der Praxis fortbildet, benötigt erweiterte Kenntnisse in den Bereichen:

• Handpuppenspiel als Begleitung und Unterstützung für die Kinder

• spielerische Mundgesundheitsmethodik (Zahngeschichten, Fantasiereisen, Rollenspiele)

• entwicklungspsychologische Aspekte

• aufbauende Gesprächsführung mit Kindern und Eltern durch Empowerment

• Umgang mit Unsicherheiten, Wider- ständen und Blockaden

• Verstehen von verschiedenen Lebens-welten und Alltagsproblemen

Die Zahnarztpraxis zeigt den Eltern, dass die Kinderbehandlung ein wichtiger Bereich des Angebots ist. Sie hat dafür eine Fachfrau fortgebildet, ebenso wie für andere wichtige Themen. Über begeisterte Kinder gewinnt eine Praxis auch Eltern, Bekannte und weitere Familienangehörige als Patienten.

Mehrwert im Praxisalltag

Viele Praxen bieten eine spezielle Kinder-Sprechstunde an. Dabei können die Kinder mit ihren Eltern das Thema „Mundgesundheit“ spielerisch und entspannt erleben. Auch hierbei kann die fortgebildete Mitarbeiterin die Handpuppe als Hauptperson einsetzen. Die Puppe begleitet das Kind auch während der Untersuchung oder der Behandlung.

Der Zahnarzt hat dabei die Aufgabe, die Puppe als Gesprächspartner ernst zu nehmen und auf Fragen, Wünsche und Anregungen einzugehen. Behandlungen können dadurch bei sehr verunsicherten und ängstlichen Kindern oft auch ohne Sedierungen durchgeführt werden.

Durch eine qualifizierte Kinderbetreuung kann der Patientenstamm kontinuierlich erweitert werden. Dies ist eine gute Investition, die sich bereits kurzfristig bezahlt macht.

Sybille van Os-Fingberg
Bettinastr. 6
14193 Berlin
coach@svof.eu

Die Autorin ist Trägerin der Tholuck-Medaille für besondere Verdienste im Bereich der Zahngesundheitserziehung und bietet Workshops in ganz Deutschland an.

Aktuelle Termine zur „Einführung in das Handpuppenspiel – Kinder in der Zahnarztpraxis“ und zu „Team-Coaching, Beratung und Training“ unter www.svof.eu

Info

Vorteile für den Zahnarzt

• Er schafft durch den Einsatz einer Praxishandpuppe ein Qualitätszeichen für Kinder und Eltern.

• Er erfährt über das Handpuppenspiel mehr von seinen kleinen Patienten und bekommt einen schnellen Zugang.

• Gerade bei sensiblen Patienten, wie Kindern, Menschen mit geistiger Behinderung oder fortgeschrittener Demenz kann der Zugang zum Patienten erleichtert und die Behandlung für alle Beteiligten entspannter gestaltet werden.

INFO

Hinweise für die ZFA

Eine zahnmedizinische Fachangestellte, die die Kinderbetreuung in der Praxis übernehmen will, kann das Handpuppenspiel im Rahmen von aufeinander aufgebauten Tagesworkshops erlernen.

Am Anfang dieser Fortbildung steht die Rolle der Mitarbeiterin als Handpuppenspielerin. Erst wenn sie den pädagogischen Wert der Puppe erkannt hat, kann sie diese effektiv im Praxisalltag einsetzen. Eine Mitarbeiterin, die sich nicht für Kinder oder andere sensible Patientengruppen wie Menschen mit geistiger Behinderung oder fortgeschrittener Demenz öffnen kann, ist eher ungeeignet. Dieser Aspekt sollte unbedingt berücksichtigt werden.



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