spk
16.11.09 / 00:15
Heft 22/2009 Titel
Alkohol am Arbeitsplatz

Gefangen in der Sucht

Die erste Mutprobe, der feuchtfröhliche Abend in der Studentenkneipe, das gesellige Trinken bei einem Essgelage oder auf einer Party und schließlich der allabendliche „Entspannungs-Absacker“. Diese Trinkerkarriere hat nicht selten Folgen. Hier Zahlen, Daten, Fakten und mehr ...




Vor wenigen Monaten wagten drei Ärzte in einer TV-Reportage ein spektakuläres „Coming-out“: Vor einem Millionenpublikum erzählten sie offen über ihre Alkoholsucht, ihre Entwöhnungstherapie und die möglichen Gründe ihrer Abhängigkeit. Zahnärzte haben durch ihren Beruf teilweise ähnliche Risikofaktoren für eine Suchterkrankung wie andere Mediziner. Bei einem Blick in die Entzugskliniken wundert es daher kaum, dass ein entsprechender Anteil der Patienten als Zahnarzt praktiziert hat. Therapeuten beklagen die späte Bereitschaft suchtabhängiger Mediziner, Hilfe von außen anzunehmen. Eine frühe Intervention kann jedoch Folgeschäden gering halten.  

Traumjob mit Tücken

Eigentlich ist der Zahnarztberuf ein Traumjob: Menschen helfen, freier Unternehmer sein und in der Chefrolle eines selbst gewählten Teams arbeiten – was kann man sich mehr wünschen. Doch was für Außenstehende wie der Himmel auf Erden scheint, entpuppt sich manchmal als Albtraum. Schwierige oder unzuverlässige Patienten, offene Rechnungen und die Verantwortung für die Praxismitarbeiter lasten gelegentlich schwer auf den Schultern des Einzelkämpfers Zahnarzt. Innerhalb seines Arbeitsumfeldes ist es ihm kaum möglich, den stetigen Druck abzubauen oder ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte eines Praxisinhabers zu finden. Nicht selten fängt in den Feierabendstunden das Grübeln an, verfolgen den Behandler Frusterlebnisse ins Privatleben. Zum „Runterkommen“ gönnt sich so mancher Gestresste Wein, Bier oder Hochprozentiges.

Kaum jemand denkt dabei an die Gefahren, gegen die auch Mediziner und Zahnärzte nicht gefeit sind: Alkoholismus ist ein schleichender Prozess, fast unbemerkt übernimmt der Alkohol die Kontrolle über die Betroffenen.

Alkohol als „soziales Schmiermittel“

Gesellschaftlich ist der Alkoholkonsum in allen sozialen Schichten akzeptiert – laut einer GfK-Umfrage von 2008 leben nur 18 Prozent der über 14-Jährigen absolut abstinent. Die entspannende und leicht enthemmende Wirkung des Alkohols, wird von vier Fünfteln der Deutschen geschätzt: Als „soziales Schmiermittel“ bekämpft er Schüchternheit und sorgt für fröhliche Runden. Und wenn es nicht gerade minderjährige Komatrinker sind, die bei ihren Exzessen ihr Leben aufs Spiel setzen, scheint die Öffentlichkeit an mäßigem, aber auch übermäßigem Alkoholgenuss wenig Anstoß zu nehmen. Alkohol ist seit Jahrhunderten in der abendländischen Kultur verwurzelt, über stärkere Restriktionen denkt niemand ernsthaft nach. Von Karneval bis Oktoberfest nutzt so mancher sein Recht auf freien Rausch und versucht so, kurzfristig dem tristen Alltag zu entfliehen. Doch für etwa 1 300 000 Menschen in Deutschland wird der gelegentliche Trip in eine vermeintlich sorgenfreie Welt zum Problem. Sie gelten nach einem psychiatrischen Bewertungssystem, dem DSM IV, als alkoholabhängig.

Keine typische Trinkerpersönlichkeit

Der eindeutig Alkoholkranke ist dabei nur schwer auszumachen, denn Trinkmenge und Häufigkeit allein reichen nicht, um eine klare Diagnose zu erstellen. Vielmehr sind es immer parallel zutreffende Faktoren aus einem Fragenkatalog, die die Erkrankung definieren. Somit liegt es auch nahe, dass es keine typische Trinkerpersönlichkeit gibt. Ganz unterschiedliche Verhaltensweisen können das Krankheitsbild der Abhängigkeit prägen. Allen Kranken gemein ist jedoch, dass sie häufig einen übermächtigen Wunsch verspüren, Alkohol zu trinken. Ob dies bereits am Morgen sein muss, um ein Zittern der Hände in den Griff zu bekommen oder ob „nur“ in regelmäßigen Abständen ein Vollrausch angestrebt wird, macht in den Augen der Suchtexperten keinen bedeutsamen Unterschied.

Neben den Alkoholabhängigen gibt es weitere zwei Millionen Deutsche, die sich durch einen massiven Alkoholmissbrauch in gefährliche Situationen bringen. Statistisch lassen sich die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen von Alkoholexzessen nur schwer erfassen. Die Todesursachenstatistik von 2005 verzeichnet mehr als 16 000 eindeutig alkoholbedingte Sterbefälle, das Statistische Bundesamt vermerkte 2007 etwa 21 000 Verkehrsunfälle unter Alkoholeinfluss, bei denen 565 Menschen starben.

Kein risikoloser Alkoholkonsum

Doch diese Zahlen spiegeln nur die Spitze des Eisbergs wider, bei dem ein ausufernder Alkoholgenuss seine Opfer fordert. Um das Risiko des Alkoholgebrauchs abschätzen zu können, haben Experten verschiedene Konsumklassen definiert. Als risikoarm wird aktuell von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e. V. bei Frauen ein Verzehr von weniger als zwölf Gramm, bei Männern von 24 Gramm reinen Alkohols pro Tag eingestuft. Diese Menge ist mit 0,3 beziehungsweise 0,6 Litern Bier bereits erreicht. Mit zwei Flaschen Bier täglich setzen sich Männer bereits einem „riskanten Konsum“ aus, mit vier Flaschen liegen sie im Bereich des „gefährlichen Konsums“. Trotz immer wiederkehrender Studien, die eine positive Wirkung auf die Gesundheit durch geringe Mengen Alkohol proklamieren, warnen Experten vor dem Alkoholgenuss – eine risikolose Substanzmenge scheint es nicht zu geben.

Welche Faktoren den Alkoholkonsumenten zu einem Abhängigen machen, wird auch von Wissenschaftlern noch nicht vollständig verstanden. Dass dabei allerdings eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen, zeichnet sich schon länger ab.

Viele Faktoren führen zur Sucht

So begünstigen Defizite in der Persönlichkeitsstruktur, wie eine geringe Frustrationstoleranz oder ein mangelndes Selbstwertgefühl das Auftreten einer Suchterkrankung. Ebenso diskutiert werden erbliche Vorbelastungen: Genetiker fanden familiäre Häufungen von Substanzmissbrauch, bestimmte Genvarianten scheinen mit Suchterkrankungen assoziiert zu sein. Nicht zuletzt spielen auch das soziale Umfeld, die Erreichbarkeit der Substanz, Stress und andere psychische Belastungen eine große Rolle. Da einer Abhängigkeit immer ein längerer Entwicklungsprozess vorangeht, scheinen Gewöhnungsmechanismen und Veränderungen auf biologisch struktureller Ebene in die Suchtspirale hineinzuführen. Hirnforscher gehen davon aus, dass bestimmte Nervenzellgruppen bei der Suchtentstehung dauerhaft und irreversibel geprägt werden. Auch bei einer längeren Periode der Abstinenz behalten diese Zellverbände ihr „Suchtgedächtnis“. Ein vermeintlich harmloser Drink nach einer alkoholfreien Phase führt bei einem Suchtkranken somit zwangsläufig wieder in den Zustand der Abhängigkeit. Funktionell bildgebende Verfahren können heute auch experimentell zeigen, dass Veränderungen innerhalb empfindlicher Regelkreise im Gehirn bei Erkrankten zu finden sind.

Zahnärzte ohne höheres Risiko

Wenn auch Dauerstress den zwanghaften Griff zur Flasche begünstigt, müssten viele Zahnärzte zur Hochrisikogruppe gehören. Doch eine in den USA 2005 veröffentlichte Studie gibt zumindest für amerikanische Zahnmediziner Entwarnung. Ihr Suchtrisiko entspricht ungefähr dem der Durchschnittsbevölkerung. Suchtexperten rechnen mit ähnlichen Verhältnissen in Deutschland. Damit bleibt dennoch auch bei seriösen Schätzungen von etwa zwei Prozent Alkoholkranken in der Bevölkerung die beachtliche Zahl von mehr als 1 300 süchtigen behandelnden Zahnärzten. Trotz großer Verantwortung sehen diese in der Regel kaum eine Alternative, als in ihrer vermeintlich ausweglosen Situation unkontrolliert weiterzumachen. Hilfsangebote, die speziell die Berufsgruppe der Zahnmediziner ansprechen, sind hierzulande noch Mangelware. Ganz anders stellt sich die Lage in Großbritannien dar: Seit mehr als 20 Jahren existiert ein „Dental Health Support Programme“, das Alkohol- und anderen Substanzabhängigen unter anderem vertrauliche Beratungen anbietet. Mehr als 1 000 Betroffene haben mittlerweile von diesem Angebot profitiert, dramatische Suchtverläufe konnten häufig verhindert werden.

Frühe Intervention wichtig

Als wichtig erwies sich die frühestmögliche Intervention, bevor Führerscheinentzug, Patientenbeschwerden oder eine offizielle Meldung an die Aufsichtsbehörde den Druck auf die Abhängigen weiter erhöhen. Daher ist das Programm nicht nur auf Hilfe suchende Zahnärzte ausgerichtet, sondern startet mit bestimmten Maßnahmen bereits nach Meldungen besorgter Beobachter. Auffällige Zahnärzte werden in behutsamen Gesprächen auf ihr problematisches Verhalten aufmerksam gemacht, gemeinsam mit Beratern werden individuelle Lösungsansätze erarbeitet. Erfolgsrezept des Programms sind kompetente Suchtspezialisten, die sich mit den Krisen und Täuschungsstrategien der Erkrankten auskennen.

Eine intensive Betreuung, ein maßgeschneidertes Behandlungsangebot und ein mindestens zweijähriges „Monitoring“ geben den Betroffenen ausreichend Halt, um eine ruinöse Suchtkarriere zu stoppen. Ein landesweites Netzwerk mit lokalen Selbsthilfe- und Gesprächsgruppen sichert überdies eine regelmäßige Austauschmöglichkeit für Suchtkranke.

Bedarf an Drogenberatern

Es gibt weder umfassende Studien noch konkrete Ansprechpartner für in Not geratene Zahnmediziner. Möglicherweise existieren genügend anderweitige Anlaufstellen, die auch für suchtkranke Zahnärzte ein adäquates Angebot bereithalten. Doch mit den spezifischen Problemen eines Praxisbetreibers müssen Behandlungswillige vorerst wohl noch ganz allein zurechtkommen.

Einen akuten Bedarf an Drogenberatern sieht Gerd Eisentraut, Pressesprecher der Landeszahnärztekammer Hamburg, für seinen Bereich nicht: Die Zahl ihm bekannter Sucht-Fälle sei verschwindend gering. Bei entsprechenden Vorkommnissen überweise man die Betroffenen nach genauer Überprüfung an die gut funktionierenden Strukturen der Landesärztekammer.

Trotz zahlreicher Aufklärungskampagnen kämpfen Suchtkranke an vielen Fronten gegen Vorurteile. Fatal daran ist, dass dies den Druck auf Betroffene erhöht und ihnen das wichtige Bekenntnis zur eigenen Krankheit weiter erschwert.

Mythos des Selbstverschuldens

Eine ganze Ausgabe des „Nervenarzt“ widmete sich daher in diesem Sommer dem Thema Suchttherapie. Professor Karl Mann von der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin in Mannheim betonte darin, dass ein „Mythos des Selbstverschuldens“ bei Suchtkrankheiten scheinbar immer noch weit verbreitet ist. Auch gut belegbare Erklärungsmodelle zur Suchtentstehung aus der neurobiologischen Forschung ändern bislang wenig daran, dass Abhängige weiterhin als „willensschwache“ Menschen stigmatisiert werden. Für den Betroffenen haben derart tief verwurzelte Fehleinschätzungen auch ganz praktische Folgen: Private Krankenkassen übernehmen nicht automatisch die Kosten für die gesamte Behandlung der Abhängigkeit. In den Musterbedingungen der Krankenversicherungen heißt es (MB/KK §5 [1]b): „Keine Leistungspflicht besteht ... für auf Vorsatz beruhende Krankheiten und Unfälle einschließlich deren Folgen sowie für Entziehungsmaßnahmen einschließlich Entziehungskuren.“ Zwar weist Dirk Lullies vom Verband der privaten Krankenversicherung e.V. darauf hin, dass in der Regel auf Kulanzbasis einmalig eine Entwöhnung bezahlt wird und darüber hinaus auch die Rentenversicherung oder das Versorgungswerk die Therapie finanzieren. Doch spiegeln sich in dieser Regelung ein Stück weit auch die Ressentiments wider, mit denen Abhängige und ihre Therapeuten tagtäglich zu tun haben.

Verwurzelte Ressentiments

Selbst in der Zulassungsverordnung für Vertragsärzte zeigt sich, dass man den Therapiemöglichkeiten von Suchtkranken nicht ganz zu trauen scheint. Noch immer dürfen suchtkranke Ärzte mit einer Fünf-Jahres-Frist nach einer Entziehungskur nicht praktizieren (Dies gilt wortgleich auch laut Zulassungsverordnung für Vertragszahnärzte, § 18, 2 e). Beim 111. Deutschen Ärztetag im vergangenen Jahr wurde eine Forderung an das Bundesgesundheitsministerium gestellt, diese Bestimmung zu ändern und somit nicht weiterhin Therapieerfolge infrage zu stellen. Das Ministerium stehe dem Änderungswunsch offen gegenüber und wolle in anstehenden Gesprächen mit der Bundesärztekammer über eine Neuregelung beraten, erklärt Ina Klaus, Pressereferentin des Gesundheitsministeriums.

Um tragische Suchtverläufe zu verhindern, aber auch um eine hohe Patientensicherheit zu gewährleisten, sollte medikamenten- und alkoholkranken Ärzten und Zahnärzten mit allen Mitteln geholfen werden. Dabei gilt es, zahlreiche Hürden abzubauen, die ihnen beim Kampf gegen ihre Sucht den Weg versperren.

Prävention im Studium

Genauso wichtig aber sind Präventionsmaßnahmen, die ein geschärftes Bewusstsein für die Gefahren eines Substanzmissbrauchs erzielen. Dass eine Aufklärung über Alkohol heutzutage bereits im Kindesalter notwendig ist, zeigen die häufigen Schockmeldungen über schwer betrunkene Teenager. Weniger bekannt ist hingegen, dass auch an den Universitäten Info-Kampagnen Sinn machen würden. Jüngere US-Studien mit bildgebenden Verfahren haben bewiesen, dass die Hirnentwicklung auch bei Anfang 20-Jährigen noch nicht abgeschlossen ist. Bereiche des Frontalcortex, die für kognitive Fähigkeiten und andere komplexe Steuerungsmechanismen zuständig sind, werden erst in der Adoleszenz vollständig ausgebildet. Bis zu einem Alter von 24 Jahren zeigen sich Menschen auch ohne anderweitige Prädisposition höchst gefährdet, in eine Abhängigkeit zu geraten. Da es bei Studentenpartys in der Regel auch feuchtfröhlich zugeht, müsste ein verantwortungsbewusster Umgang mit Alkohol schon bei der Ausbildung von Medizinern und Zahnärzten stärker gefördert werden. Wenn Suchtprävention und Psychohygiene einen festen Platz in den Lehrplänen der Gesundheitsstudiengänge finden würden, könnten vermutlich viele verheerende Suchtkarrieren vermieden werden.

Schicksalsbericht

Kampf eines alkoholabhängigen Zahnarztes

Arno K.* hat es geschafft: Seine Zahnarztpraxis in einer idyllischen Kleinstadt in Süddeutschland läuft gut, sein Team lobt das Betriebsklima und die Patienten mögen ihn. Das war nicht immer so. Vor mehr als zehn Jahren liefen ihm unzählige Patienten davon, Getuschel über seinen starken Alkoholkonsum machte die Runde. Viele in der Stadt wissen um K.s schwierige Zeiten, in denen die Alkoholsucht sein Leben bestimmte. Doch ein „Outing“ als trockener Alkoholiker vor der breiten Öffentlichkeit scheint K. zu riskant. „Sucht wird leider von vielen Menschen immer noch als Schwäche angesehen und das kann man sich als Zahnarzt einfach nicht leisten“, erklärt K. und bittet um Anonymität.

In jungen Jahren unterschieden sich K.s Trinkgewohnheiten kaum von denen seiner Altersgenossen: Seit dem 16. Lebensjahr liebte er es, Partys zu feiern und durch ein paar Gläser Wein seinem Ego auf die Sprünge zu helfen. Große Mengen Alkohol brauchte K. gar nicht, um in Stimmung zu kommen – meist setzte die Rauschwirkung bei ihm schon recht früh ein. So trank K. sich von Fest zu Fest, während Schule, Bundeswehr und Studienzeit, ohne dass irgendwer die lauernde Gefahr einer Sucht bemerkt hätte.

Alkoholkonsum stieg stetig

Erst als das Leben des mittlerweile Mitte 40-Jährigen durch die Scheidung von seiner Frau aus den Fugen zu geraten schien, stieg auch sein Alkoholkonsum auf ein besorgniserregendes Maß an. Ein Berg von Schulden lastete jetzt auf seinen Schultern, seine Arbeitsmotivation erreichte den Nullpunkt. „Ich habe Alkohol immer auch als Medikament eingesetzt“, erläutert K. „Bei schlechter Laune diente er als Stimmungsaufheller, bei positiven Erlebnissen sollte er die Stimmung verstärken.“ Zum Pegeltrinker wurde K. nie, doch die Exzesse häuften sich. Eine Verkehrskontrolle mit überhöhtem Blutalkoholwert brachte K. erstmalig in Bedrängnis – es wurde ihm bewusst, dass sein Handeln existentielle Folgen haben könnte. Seinen Führerschein konnte er nur durch eine MPU-Prüfung (medizinisch-psychologische Untersuchung) zurückerlangen, zudem stand ein möglicher Approbationsentzug im Raum, was ihm den Ernst der Lage vor Augen führte. Doch statt die Chance in der Krise zu nutzen, erfüllte K. mit nur minimaler Anstrengung die von oben auferlegten Bedingungen: Er besuchte pflichtgemäß die Anonymen Alkoholiker und absolvierte ambulant ein paar Therapiestunden. „In dieser Zeit fehlte noch die Bereitschaft, mir helfen zu lassen“, sagt K. rückblickend. „Man darf auch nicht vergessen: Beim Alkoholmissbrauch ist immer eine Menge Selbsttäuschung im Spiel.“

Patienten blieben weg

Und so kamen nach einer längeren abstinenten Zeit Phasen des kontrollierten Trinkens, die wieder in durchzechten Nächten bis Kneipenschluss endeten. Die Auswirkungen auf seine Arbeitswelt spiegelten sich in sinkenden Patientenzahlen wider: „Als Zahnarzt ist man auf das Vertrauen seiner Patienten angewiesen. Das war schnell dahin, wenn sie meine Fahne vom Restalkohol rochen.“ Doch auch dies brachte K. nicht zum Umdenken – erst als er als Unfallverursacher erneut der Verkehrspolizei auffiel, realisierte er, wo er war: am Tiefpunkt seines Lebens. Auf Anraten eines Psychotherapeuten ließ er sich stationär in Hornberg in den Oberbergkliniken behandeln und konnte dort den Grundstein für einen Neuanfang legen. Es wurde ihm klar, dass der Alkoholmissbrauch ein unbewusster Selbstmord auf Raten ist. „Nachdem ich meiner Suchttherapeutin lange über all die Dinge erzählt hatte, die ich nicht will, kitzelte sie aus mir meinen innigsten Wunsch heraus: 'Ich will leben!'“ berichtet K. von einem seiner wichtigsten Therapiegespräche. Sechs bis acht Stunden therapeutische Behandlung pro Tag stehen auf dem Programm der Klinik, um den Suchtabhängigen mit sich selbst zu konfrontieren. Es ist ein hartes Stück Arbeit, dem Patienten zu helfen und bei ihm auch eine nachhaltige Veränderung zu erzielen. In der Regel gilt es nicht nur den Suchtmittelmissbrauch zu bekämpfen, sondern auch seine Ursachen zu ergründen.

Probleme in der Familie

Bei K. zeigte sich schnell, dass ein familiäres Problem einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Suchterkrankung hatte: „Ich habe meinen Vater nie akzeptiert, wollte nie werden wie er. Er war Alkoholiker.“ In einem Alter, in dem K.s Vater an den Folgen der Alkoholsucht verstorben war, scheint für K. der bedeutendste Schritt im Kampf gegen die Sucht getan. Noch zwei Jahre nach dem Klinikaufenthalt hat K. in ambulanten Therapiesitzungen das schwierige Verhältnis zu seinem Vater aufgearbeitet. Seit zehn Jahren ist K. trocken. Der regelmäßige Besuch der Anonymen Alkoholiker und einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Oberbergklinik-Patienten geben ihm Kraft, ein alkoholfreies Leben zu führen. Für ihn ist klar: Jeder Tropfen steht für Selbstbetrug, Abstinenz ist der einzige Weg, die Krankheit im Zaum zu halten: „Ich besuche trotzdem noch ab und an unseren berüchtigten Kneipen-Stammtisch im Ort, aber mit zwei Spezi am Abend wird man da auch schnell zum Spielverderber.“ In der Regel meidet er diese „gefährlichen“ Situationen jedoch lieber, verbringt dafür mehr Zeit mit seiner neuen Ehefrau: „Wir gehen tanzen, fahren Motorrad und haben Spaß mit den Enkelkindern.“ Ob es ihm gelingen wird, trocken zu bleiben, wagt er nicht vorauszusagen: „Als Anonymer Alkoholiker lebt man für den Tag. Dass man vor Rückfällen sicher ist, kann niemand garantieren.“

Dr. Mario B. Lips
Wissenschaftsjournalist
Dudenstr. 34
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mariolips@web.de



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