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01.06.13 / 12:00
Heft 11/2013 Gesellschaft
30 Jahre Uni Witten/ Herdecke

Gegen professionelle Einäugigkeit

Geduld, Durchsetzungsvermögen und Menschen mit Mut, die für ihre Überzeugungen einstehen – das ist das Fundament, auf dem vor drei Jahrzehnten mit der Universität Witten/Herdecke (UW/H) die erste private Universität Deutschlands erbaut wurde. Die zm fragte nach, was die Hochschule so einzigartig macht.



Gründungsimpuls der Uni Witten/Herdecke war die in den Sech-ziger- und Siebzigerjahren gewonnene Erkenntnis, dass die reine Apparate-medizin an ihre Grenzen stößt. Vielmehr sei eine Medizin notwendig, die mit Empathie dem Menschen zugewandt ist und ihn in seiner gesamten Existenz würdigt. Foto: Uni Witten-Herdecke

Dreißig Jahre sind – gemessen an den traditionsreichen Universitäten – eigentlich kein Alter. Dennoch hat es die UW/H mit ihren Pionierleistungen in dieser Zeit geschafft, der deutschen Bildungslandschaft neue Impulse zu geben.

„Viele medizinische Fakultäten in Deutschland haben unser Modell des problemorientierten Lernens als Reformstudiengang übernommen. Wir haben früh ein Mittel erfunden, das gegen professionelle Einäugigkeit schützt – das Studium fundamentale, unser interdisziplinäres Herzstück. Waren wir 1983 die erste private Universität, so befinden sich heute rund ein Drittel, sprich 140 der 380 Hochschulen und Universitäten, in nicht-staatlicher Trägerschaft. Witten wirkte hier als Eisbrecher und hat damit ange vor der Exzellenzinitiative zum qualitätsfördernden Wettbewerb im Bildungswesen beigetragen“, fasst Prof. Dr. Martin Butzlaff, heute Präsident und selbst Student der ersten Jahre, die Wirkungsgeschichte der UW/H zusammen.

Die Uni hat sich zwar ein eigenes Profil erarbeitet. Doch eines ist sie nicht: „Sie war nie eine anthroposophische Universität, weil sie selbstverständlich zuallererst einer wissenschaftlich basierten Lehre und Forschung verpflichtet ist. Sie ist allerdings eine Universität, die in der Medizin Anthroposophie und komplementäre Medizin zulässt und sie mit wissenschaftlicher Methodik beforscht“, erklärt Prof. Stefan Zimmer, Zahnmediziner und wissenschaftlicher Leiter der Hochschule. Trotz Studium fundamentale, das die Studierenden eine Menge Zeit koste, lege man viel Wert auf eine besonders umfangreiche praktische Ausbildung. So würde den Studierenden im klinischen Abschnitt viel Zeit für die Patientenbehandlung geboten.

Zimmer: „Dies ermöglichen wir dadurch, dass unsere Klinik täglich von 7.00 bis 20.00 Uhr für die studentische Behandlung geöffnet ist, und das an 47 Wochen im Jahr.“ Diese Chance – ein hohes Maß an praktischen Fertigkeiten zu entwickeln – bedeute umgekehrt natürlich auch, dass sie einen sehr umfangreichen Katalog an klinischen Mindestleistungen zu erfüllen hätten.

Ein weiteres Merkmal sei der freie Zugang zum Studium. Obwohl sich die UW/H als staatlich anerkannte Universität in freier Trägerschaft im Wesentlichen selbst finanzieren müsse, soll der Zugang zum Studium nicht an den finanziellen Möglichkeiten scheitern. Deshalb gibt es den umgekehrten Generationenvertrag. Dieser ermöglicht es jedem Studierenden, jetzt zu studieren und später seine Beiträge als prozentualen Teil seines Einkommens zurückzuzahlen. Wer nichts oder nur wenig verdient, muss auch nichts zurückzahlen. Verwaltet wird der umgekehrte Generationenvertrag von einem Verein – der „Studierendengesellschaft“. „Wesentlich für das Selbstverständnis unserer Universität ist auch unser soziales Engagement. In der Zahnmedizin unterhalten wir eine eigene Sektion für die Behandlung von Menschen mit Behinderungen und unsere Studierenden werden hier auch besonders ausgebildet, was durch ein Extra-Zertifikat am Ende des Studiums ausgewiesen wird. Wir unterhalten studentische Hilfsprojekte in Gambia, in Myanmar und neuerdings auch – im Rahmen des Operndorfes von Christoph Schlingensief – in Burkina Faso (die zm berichteten). In Hagen betreiben wir gemeinsam mit der Diakonie „Luthers Waschsalon“, in dem Obdachlose kostenlos medizinisch und zahnmedizinisch versorgt werden“, berichtet Zimmer.

Aus seiner Sicht ist die UW/H außergewöhnlich. Denn „ein wesentlicher Unterschied ist zum Beispiel, dass wir unsere Studierenden nicht nach der Abiturnote auswählen. Wir wissen zwar, dass Spitzen-Abiturienten auch sehr erfolgreich und zügig studieren, aber ob sie auch gute Zahnärzte werden, ist eine andere Frage. Deshalb laden wir alle Bewerber zu einer praktischen Prüfung und einem Auswahlgespräch ein. In diesem Auswahlverfahren versuchen wir, Menschen mit Potenzial für den zahnärztlichen Beruf zu finden. Das macht uns eine ganze Menge Arbeit, denn zuletzt hatten wir 450 Bewerber auf 40 Plätze.“



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