zm-online
01.07.03 / 00:13
Heft 13/2003 Zahnmedizin
Seltene Erkrankung des Kiefergelenkes

Gelenkchondromatose als Ursache rezidivierender Kiefergelenkbeschwerden




Kasuistik

Eine 20-jährige Patientin klagte seit mehreren Monaten über wechselnd auftretende Schwellungen unterschiedlicher Ausprägung im Bereich des linken Kiefergelenkes. Hinzu kamen gelegentlich auftretende Okklusionsstörungen mit seitlich offenem Biss wechselnder Ausprägung auf der linken Seite (Abbildung 1). Bei der klinischen Untersuchung zeigten sich eine Mittellinienverschiebung des Unterkiefers nach rechts und bei Unterkieferbewegungen ein deutlich wahrnehmbares Reiben im linken Kiefergelenk.

Die Orthophos-Gelenkfunktionsaufnahme und die computertomographischen Aufnahmen zeigten multiple, unterschiedlich große, unregelmäßig geformte Partikel im linken Kiefergelenk (Abbildungen 2 und 3).

Es folgte die Arthrotomie des linken Kiefergelenkes, bei der über 20 bis zu einen Zentimeter im Durchmesser große, knorpelige Partikel aus dem Gelenk entfernt wurden (Abbildungen 4 und 5). Die histologische Untersuchung der Partikel bestätigte die Diagnose einer Gelenkchondromatose, wobei die freien Gelenkkörper aus hyalinem Knorpel mit zentralen dystrophen Verkalkungen bestanden. Nach Entfernung der freien Gelenkkörper war die Patientin beschwerdefrei.

Diskussion

Die Gelenkchondromatose ist eine seltene, gutartige Erkrankung unbekannter Ursache, die am häufigsten in den großen Gelenken wie Kniegelenk, Hüftgelenk, Ellenbogengelenk und Schultergelenk vorkommt [Deahl und Ruprecht, 1991; Fechner und Mills, 1993; Neville et al., 2002]. Eine Beteiligung des Kiefergelenkes ist sehr selten. Am häufigsten sind Patienten im mittleren Lebensalter und insgesamt mehr Frauen als Männer betroffen [Neville et al., 2002]. Die Gelenkchondromatose verläuft typischerweise in drei Stadien, wobei im ersten Stadium knorpelige Herde im Bereich der Gelenkinnenhaut (Synovialis) auftreten [Milgam, 1977]. Im zweiten Stadium vergrößern sich die knorpeligen Areale im Bereich der Gelenkinnenhaut und beginnen sich abzulösen. Die Knorpelpartikel sind in diesem Stadium sowohl im Bereich der Gelenkinnenhaut als auch in der Gelenkflüssigkeit nachweisbar. Im dritten Stadium der Gelenkchondromatose finden sich die Knorpelpartikel nur noch als freie Gelenkkörper in der Gelenkflüssigkeit.

Die Therapie der Gelenkchondromatose besteht in der Entfernung aller freier Gelenkkörper und der betroffenen Gelenkinnenhaut. Rezidive sind sehr selten und über eine maligne Transformation der Chondromatose wurde bisher nicht berichtet [Lustman und Zeltzer, 1989; Miyamoto et al., 2000].

Bei der jungen Patientin lag eine Gelenkchondromatose im dritten Stadium vor. Sie war mehrere Monate unter dem Verdacht einer funktionell bedingten Myoarthropathie mittels Aufbissschienen therapiert worden. Erst die genaue Erhebung der Anamnese und die Durchführung der Röntgendiagnostik führten zur richtigen Diagnose. Insbesondere die anamnestischen Angaben zu zeitweilig auftretenden und in der Ausprägung wechselnden Beschwerden in Form von Gelenkschwellungen und Okklusionsstörungen sind für das Vorhandensein von freien Gelenkkörpern typisch.

PD Dr. Dr. Torsten E. Reichert
PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2
55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Bei allen Beschwerden im Bereich der Kiefergelenke muss frühzeitig abgeklärt werden, ob strukturelle Veränderungen vorliegen.

• Rezidivierende Kiefergelenkbeschwerden und gleichzeitig auftretende Okklusionsstörungen unterschiedlicher Ausprägung können ein Hinweis auf freie Gelenkkörper sein.



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