TU
01.02.03 / 00:14
Heft 03/2003 Medizin
Onkologie

Gensonde erlaubt beim Brustkrebs präzisere Prognose

Keil Patientinnen mit primärem Mamma-Karzinom können je nach Prognose adjuvant mit Chemo-, Strahlen- oder Hormontherapie behandelt werden. Für die Therapiewahl ist die Prognose der Patientinnen quoad vitam und bezüglich der Metastasenbildung von entscheidender Bedeutung. Eine neu entwickelte Gensonde erlaubt nun offenbar eine wesentlich genauere Prognose.




Auch wenn wir gewöhnlich vom Brustkrebs wie von einer einheitlichen Erkrankung sprechen, so verbergen sich hinter dem klinischen Bild des Mamma-Karzinoms (Mamma-Ca) doch sehr unterschiedlich gefährliche Krankheitsbilder. Einige Patientinnen können quasi nach der schonenden operativen Entfernung ihres Tumors als „geheilt“ betrachtet werden, andere bleiben auch nach einer radikalen Elimination der erkrankten Brust und befallener Lymphknoten sowie nach unterschiedlichster adjuvanter Therapie durch Metastasen und einen baldigen Tod bedroht.

Der Vorhersagewert der bislang genutzten klinischen Parameter, wie Lebensalter, familiäre Belastung, Tumorgröße, Lymphknotenstatus, Histologie und Pathologie, Bestimmung der Hormon- und Herceptin-Rezeptoren, war so gering, dass eine nicht genau bestimmbare Zahl der Patientinnen „vorsichtshalber“ eingreifenden therapeutischen oder sogar präventiven Maßnahmen, wie die Entfernung der Brüste, unterzogen wurden, ohne dass solche Maßnahmen wirklich gerechtfertigt gewesen wären. Wir haben dies an dieser Stelle berichtet und kommentiert.

70 Marker-Gene in einer Sonde

Die nun publizierte Untersuchung einer holländischen Gruppe um Prof. Marc J. van de Vijver vom Institut für onkologische Diagnostik des Krebsforschungsinstitutes der Niederlande (N. Engl. J. Med., Band 347, S. 1999-2009) basiert auf einer Gensonde, die von niederländischen Onkologen in Zusammenarbeit mit der Firma Rosetta Inpharmatics aus Washington entwickelt und bereits retrospektiv an Patientinnen mit negativem Lymphknotenstatus erfolgreich getestet wurde.

Die Sonde erfasst 70 Gene, die sich der Theorie nach als Prädiktoren für einen risikoreichen Verlauf der Erkrankung eignen. Untersucht wurden in dieser Studie 295 konsekutive Patientinnen, die in den Jahren 1984 bis 1995 im Amsterdamer Krebsforschungsinstitut registriert und deren Verlauf über die Jahre verfolgt wurde. Die Patientinnen wurden danach selektiert, dass sie

• einen primären, invasiven Brustkrebs im Durchmesser bis fünf Zentimeter hatten,

• nicht älter als 52 Jahre zum Zeitpunkt der Diagnose waren und

• keine Malignom-Vorgeschichte bekannt war.

Aus den im Zentrum hinterlegten tiefgefrorenen Gewebeschnitten der Tumoren wurde die RNA isoliert und mit den Genen der Sonde verglichen. Das Ergebnis zeigt Abbildung 1. Hier wurde für jede Patientin außerdem eingetragen, wie lange sie beobachtet wurde, ob und wann Metastasen aufgetreten waren, ob der Lymphknoten-Status ursprünglich positiv war und ob die Patientin zum Zeitpunkt der Analyse noch am Leben war.

Die Trennlinie zwischen einer schlechten beziehungsweise guten Prognose im Gen-Status war nach Vorstudien vorher festgelegt worden. Sie ist auf der Graphik in Abbildung 1 als gestrichelte Linie eingezeichnet.

Es ist zu erkennen, dass mit Verbesserung der Prognose kaum noch Metastasen zu verzeichnen sind und die meisten Patientinnen in dieser Gruppe mit prognostisch gutem Befund der Gensonde noch am Leben waren.

Fünffach erhöhtes Risiko für Fernmetastasen

Patientinnen mit einer schlechten Prognose nach dem Befund der Gensonde hatten ein 5,1fach erhöhtes Risiko für Fernmetastasen im Laufe der ersten zehn Jahre nach Diagnose ihres Tumors. Dieses so genannte Hasard-Risiko hatte im Vertrauensbereich von 95 Prozent eine Schwankungsbreite zwischen 2,9 und 9,0 Prozent.

Bei einer Gruppe von Patientinnen unter 55 Jahren, deren Lymphknoten nicht befallen waren, hatten die Forscher der gleichen Gruppe in einer vorausgehenden Studie sogar einen nahezu 15fachen Risikounterschied ausgemacht.

In der nun prospektiv untersuchten gemischten Gruppe betrug die Wahrscheinlichkeit, in den ersten zehn Jahren nach Diagnose frei von Fernmetastasierung zu bleiben je nach Gentest 50,6 Prozent in der Gruppe mit ungünstiger Prognose und 85,2 Prozent in der anderen Gruppe. Die mittleren Überlebensraten während dieser Zeit betrugen 54,6 beziehungsweise 94,5 Prozent (Abb. 2).

Fazit

Die Ergebnisse basieren auf einem Test, der noch in Entwicklung befindlich ist und daher in der Routine nicht angewandt werden kann. Die Trennschärfe des Tests ist jedoch so groß, dass mit einer schnellen kommerziellen Nutzung der Gensonde zu rechnen ist.

Ab Verfügbarkeit der Gensonde in der klinischen Tumordiagnostik wird sicherlich die Therapieplanung wesentlich erleichtert werden. Es ist zu erwarten, dass dann mehr Frauen ohne belastende adjuvante Therapien bleiben können, weil ihre Prognose gut ist.

Gefährlich kann die Gensonde dann werden, wenn sie in der Primärprävention benutzt wird. Hier sind die Erfahrungen mit Frauen, die sich belastet fühlen und zu unüberlegten Verstümmelungen aus prophylaktischen Gründen neigen, bereits mit den derzeit verfügbaren weniger genauen Risikomarkern nicht sonderlich gut.



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